Lieblingssünde: Nebenbei essen

In Ruhe speisen ist ein Genuss. Möglichst Ungesundes mal eben zwischendurch zu naschen ist aber noch köstlicher, findet Sinja Schütte und begeht die Lieblingssünde: nebenbei essen.

Ich esse. Das wird Sie nicht überraschen. Aber ich esse genau jetzt, in diesem Moment, in dem ich vor dem Computer sitze und tippe. Alle paar Minuten kippe ich mir eine kleine Hand voll Studentenfutter in den Mund. Ich schaue nicht mal hin, schließlich mache ich etwas anderes, Wichtiges: Ich schreibe. Mandeln, Cashewkerne, Walnüsse und Rosinen werden zu einem klebrigen Brei zermalmt, während Nusskrümel in der Tastatur verschwinden und ich sie tippend einmassiere. Ich schlucke und bin glücklich. Das war eine gute Mischung: viele Nüsse.

Hund im Laub

Das Gewissen überlisten

Nichts ist schöner, als nebenbei zu essen. Es ist köstlich und auch noch effizient, schließlich macht man ja zwei Dinge gleichzeitig. Entscheidend ist, dass die vorrangige Tätigkeit wirklich wichtig ist und hohe Konzentration erfordert. Nur so ist das Gewissen zu überlisten.

Denn klar ist auch, nebenbei essen ist ungesund und macht dick. Psychologisch und physiologisch ist das erklärbar: Das Hirn ist abgelenkt bei der Nahrungsaufnahme und sendet weiter Hungersignale an den Körper. Der bekommt Dauernachschub und packt alles fein auf die Hüfte. Mir ist das in diesem Moment egal, ich merk's ja gar nicht, da ich von der wichtigen Aufgabe vollkommen absorbiert werde.

Aber auch weniger wichtige Tätigkeiten eignen sich bestens zum Nebenbei-Essen. Dann nämlich, wenn sich in ihnen Konzentrieren-Müssen mit Langeweile paart. Zum Beispiel beim Autobahnfahren. Hier ist das Nebenbei-Essen eigentlich Voraussetzung, um sich die ganze öde Fahrt über konzentrieren zu können.

Snacktüten auf dem Beifahrersitz

Mindestens fünf Tüten mit Snacks sollten auf dem Beifahrersitz liegen: Kekse, Gummitierchen, Schokolade, Saure Pommes und Chips. Meiner Erfahrung nach ist das die optimale Mischung. Ich kaufe diese Dinge an der Tankstelle. Ist zwar teuer, gehört aber dazu. Nur nicht zu viel planen. Also halte ich bei längeren Autofahrten an der nächstbesten Tankstelle. Kaufe all das, was ich im Supermarkt nie auch nur in die Nähe meines Einkaufswagens lassen würde. Dann ab ins Auto, gleich alle Tüten aufreißen, könnte sonst gefährlich werden, und eine Wasserflasche in Greifweite stellen.

Ab und zu ist es nötig, etwas zu trinken, immer dann, wenn leichte Übelkeit einsetzt. Danach weiteressen. Wunderbar. Es wird zunehmend schwerer, zu definieren, was genau da in den Zähnen klebt. Ist auch nicht wichtig - Schluck Wasser und weiter essen. Ich muss mich ja konzentrieren, ich fahre schließlich Auto.

Ohne Privatsphäre geht nichts

Jetzt kommen wir zum wichtigsten Punkt des Nebenbei-Essens: den Rahmenbedingungen. Nebenbei-Essen braucht Privatsphäre. Auto, Sofa, Schreibtisch. Auf der Straße funktioniert es nicht so gut. Zum Beispiel in der Mittagspause, wenn man schnell in der Stadt etwas besorgt. Der Anlass ist zwar perfekt: Besorgungen sind immer wichtig. Und das Sandwich mit drei Lagen ein Traum. Wäre da nicht die Öffentlichkeit.

Ich versuche, Privatsphäre herzustellen, indem ich strikt zu Boden blicke, abbeiße, kaue, schlucke und noch einige Sekunden lang warte, bevor ich den Blick wieder hebe. Dabei gehe ich immer weiter. Schwierig wird es, wenn ich mit dem Brötchen in die U-Bahn steige. In einer gut besetzten Bahn gibt es keine Privatsphäre. Da habe ich gleich den Klassenfahrt-Reflex: "Möchtest du mal beißen?" Schließlich gehört es sich nicht, jemandem was vorzuessen.

Aber ich möchte auch nicht, dass der Mann gegenüber in mein Brötchen beißt ... Weggucken geht nicht, überall lauern Blicke und Münder. Vielleicht ist U-Bahn-Fahren einfach nicht wichtig genug, um das Essen als nebenbei zu bezeichnen. Dann wird es wieder zur Hauptsache und - ja, jetzt gelten wieder all diese Gesund-Leicht-Bio-Benimm-Regeln. Schade eigentlich.

Sinja Schütte, 37, BRIGITTE BALANCE-Redaktionsleiterin, isst am liebsten zum unmöglichsten Zeitpunkt

Text: Sinja Schütte BRIGITTE BALANCE 04/07 Foto: Rahel Dinkel
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