Lieblingssünde: schön wehleidig sein!

Alle fühlen sich immer prima - Silke Stuck aber hat nichts gegen eine Portion Hypochondrie. Und begeht die Lieblingssünde: schön wehleidig sein.

Autorin Silke Stuck hat Angst vor Schienbeinkrebs

Es gibt da eine Stelle an meinem rechten Schienbein, mittig, links neben dem Knochen. Ein kleiner Hubbel, man könnte auch sagen: Knoten, fingernagelgroß vielleicht, und wenn man draufdrückt, tut es weh. Es fing im Urlaub an. Auf dem Rückflug wurden die Schmerzen stärker, ich strich über die Stelle, dachte an Thrombose.

Ich war 12.000 Meter über dem Boden und wollte nicht sterben. Nicht an einem kleinen Knubbel, den es bis vor Kurzem gar nicht gegeben hatte. Das Ganze ist jetzt zwei Monate her. Ich bin nicht gestorben, aber die Stelle schmerzt immer noch. Ich war zwischendurch bei meiner Frauenärztin, wegen einer anderen blöden Vermutung, und die meinte, das mit der kleinen Beule sei nichts Schlimmes. Aber, mal ehrlich: Wissen Frauenärztinnen etwas über Schienbeinkrebs? Ich habe jetzt noch mal Urlaub genommen. Und zwar um mich ausschließlich um meine Zipperlein zu kümmern. Durch die Beule am Schienbein wurde meine Aufmerksamkeit nämlich noch auf zwei merkwürdig aussehende Leberflecke am Oberschenkel gelenkt!

Ich werde einige Ärzte besuchen, das fordert mein Körper, ich spüre es genau. Er will zum Zahnarzt (unspezifisches, wiederkehrendes Ziehen im Backenzahn), zum Hautarzt (die Leberflecke); ich bin noch unschlüssig, ob ich wegen des Beines lieber zum Orthopäden soll - oder doch zum Akupunkteur. Beide könnten sich auch des brettharten Nackens annehmen. Vielleicht rühren die stechenden Kopf- und Augenschmerzen daher.

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Wobei ich hier auch schon an eine nahende Hirnblutung dachte. Oder einen Schlaganfall. Dazu passt ja auch dieser Schwindel, immer abends, eher linksdrehend. Rund 200.000 Deutsche erleiden täglich einen Schlaganfall, erfahre ich bei Google. Wieso sollte ich nicht eine von denen sein? Und mehr Frauen als Männer sterben daran. Spötter sagen, ich leide unter dieser neuartigen Krankheit "Cyberchondrie ", die all diejenigen befällt, die ihre Symptome im Internet recherchieren, obwohl sie kerngesund sind.

Mag ja sein, aber es ist ein netter Zeitvertreib. Ich wehre mich strikt gegen diese quasireligiöse Gesundheitsbewegung: "Sei gesund, und du kommst ins Paradies." Aber erst nach dem Tod. Wehleidigsein verschönert mein Leben. Meine kommende Woche ist ausgefüllt bis obenhin, ich bleibe mobil (Arztpraxen-Hopping), fördere meine kommunikativen Fähigkeiten (bringen Sie mal in einem auf viereinhalb Minuten angesetztes Anamnesegespräch all Ihre Zipperlein glaubwürdig unter!). Und ich erweitere meine sozialen Kontakte: Über Krankheiten komme ich immer ins Gespräch, mit jedem, jederzeit. Was antwortet man denn auf die ohnehin ziemlich sinnentleerte Frage: "Geht's dir gut?" Etwa "Super, kann nicht klagen?"

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Und wie soll der Dialog dann weitergehen? Genau, nämlich gar nicht. Der Rest ist dann Schweigen oder bemühtes Den-Faden-wieder-Aufnehmen. Ich dagegen muss nur sagen: "Ach, geht so. Ich hab da so eine Stelle an meinem Schienbein, die bringt mich fast um", und sofort fällt meinem Gesprächspartner eine andere Geschichte dazu ein. Das Herrlichste ist allerdings: Ich werde umsorgt. Liege im Bett, werde nach Wochen mal wieder lange und gar nicht kritisch angeschaut. Darf die Wäsche stehen lassen und Bücher in einem Rutsch durchlesen.

In weiser Voraussicht hatte ich bei meinem Freund schon vor ein paar Wochen fallen lassen, welches Lieblingsessen mir meine Mutter früher immer gekocht hat, als ich krank war. Wenn ich's mir so recht überlege: Vielleicht lass ich mich einfach im Anschluss an den Urlaub noch 'ne Woche krankschreiben. Alles ist gut. Ich bin nur krank. Bis übermorgen vielleicht. Oder auch bis nächste Woche

BRIGITTE BALANCE Heft 02/08 Fotos: Mauritius, privat
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