Lieblingssünde: Tratschen

Über andere schlecht zu reden ist nicht in Ordnung. Aber es entspannt wahnsinnig. Deswegen begeht Sina Teigelkötter regelmäßig die Lieblingssünde: Tratschen.

BRIGITTE BALANCE-Autorin Sina Teigelkötter, 30, ist eigentlich nett. Außer wenn sie lästert.

Nicht jetzt! "Eigentlich ist sie doch ganz in Ordnung", sagt Maja. Netter Versuch. Aber extrem schlechtes Timing. Ich hatte mich gerade erst warmgelästert. Wir können jetzt unmöglich schon aufhören. Jede Läster-Orgie hat eine Chronologie, die unter allen Umständen befolgt werden muss. Weiß sie das nicht?

In Phase eins gilt es, unauffällig ein paar Stichwörter fallen zu lassen. Am besten in einem Nebensatz. "Schamlos", "Schlampe" und "Britta" zum Beispiel. Phase eins geht nahtlos über in Phase zwei: Reaktion abwarten. Falls keine kommt, ein "Ach, das weißt du noch nicht?" hinterherschieben. Spätestens jetzt sollte der Sparringspartner angebissen haben. Es kann losgehen.

An dieser Stelle muss ich kurz klarstellen: Eigentlich bin ich eine von den Netten. Lästern ist bösartig. Niederträchtig. Macht ein schlechtes Karma. Wer lästert, lügt und ist ein schwacher Charakter. Aber es gibt kein besseres Anti-Stress-Mittel! Ein ausgiebiger Klatsch, ein genüsslicher Tratsch - schlagartig ist nach Feierabend die Büroarbeit vergessen. Andere quälen sich im Fitness-Studio. Ich lästere lieber gepflegt. Möglichst täglich. Schließlich heißt Lästern im Volksmund "Stuhlgang der Seele".

Wo waren wir stehen geblieben? In Phase drei. Auf dieser Stufe ist alles erlaubt. Hauptsache, es dient der Aufklärung. Denn es muss lückenlos aufgedeckt werden, wie diese Britta den schönen Mario seiner Freundin ausgespannt hat. Dass da was lief, wussten ja alle. Soll auch nicht das erste Mal gewesen sein, dass die beiden... Was der bloß an diesem blondierten Klappergestell findet? Isst so verdächtig wenig. Bulimie, eindeutig. Da kann sie noch so dicke Push-ups tragen ... Zugegeben, Aussagen wie "Die macht es doch eh mit jedem" oder "Der soll aber einen kleinen haben" bewegen sich auf niedrigem Niveau. Aber jede Wahrheit braucht eine Mutige, die sie ausspricht.

In Phase vier - jede erzählt, was sie mit Bulimie-Britta schon Unmögliches erlebt hat - geht es dann langsam auf die Schlussgerade. Kleine szenische Darbietungen sind hier durchaus erwünscht. Kann man sich sonst schlecht vorstellen, wie Britney-Britta, bekleidet mit einer Po-Manschette und angeheitert wie immer, vom Barhocker - platsch! - gleich wieder runterplumpste.

Es sollte schon klar geworden sein: Tratschen schult die kommunikative Kompetenz. Ausdrucksstarke Bilder finden, Behauptungen hübsch ausschmücken, szenisch erzählen - das sind echte Herausforderungen. Und den richtigen Läster-Stoff muss man ja auch erst mal finden. Wo es davon besonders viel gibt?

Hier meine Top drei der besten Läster-Locations:

1. Der Kaffeeautomat/die Teeküche. Ist Kollegin S. jetzt auch schwanger, oder hat sie nur ein paar Brownies zu viel gegessen? Nirgendwo sonst lässt sich der Flurfunk besser auswerten. Und es ist immer jemand da. (Denn nur hier darf noch geraucht werden.)

2. Das Freibad. Problemzonen und modische Fehlgriffe fachgerecht kommentieren und dabei noch braun werden - so schön kann das Lästerleben sein. Fast noch schöner:

3. Die Sofa-Abteilung bei Ikea. "Tylosand" oder "Klippan"? Eben wollten die beiden noch zusammenziehen, jetzt gibt es Pärchen-Zoff vom feinsten. Stoff, der anschließend für viele lustige Minuten bei Hotdog und Softeis sorgt. Am besten samstags kommen.

Was hat Maja gerade gefragt? Wie es mit C. so läuft? Was tut das hier zur Sache? Läuft okay. Wie immer halt. Nö, das mit der gemeinsamen Wohnung klappt erst mal nicht. Er ist noch nicht so weit. Warum? Was weiß ich. Sehen uns gerade kaum. Eine andere? Quatsch! Können wir jetzt bitte wieder über was Wichtiges reden?

BRIGITTE Balance 03/08 Foto: Getty Images
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