Life Coach Trends: Menschen zur Veränderung bewegen

Was früher Gurus waren, sind heute Life Coaches. Ihr Job: Den Menschen zuzurufen, dass man sein Leben von Grund auf ändern kann, wenn man nur will. Eine Reise zu drei Stars der Szene.

Du kannst alles schaffen

Das Leben ist kompliziert. So viele Möglichkeiten, wie man wohnen, wen man lieben, was man machen, werden, sein könnte. Die Angst, eine durchschnittliche, belanglose Existenz zu führen, hat ein relativ neues Berufsfeld hervorgebracht: Menschen, die andere Menschen darin coachen, wie man besser lebt. Anders als Psychotherapeut*innen, die sich mit individuellen Problemen befassen, verbreiten die Life Coaches ihre Lehren auf großen Bühnen in Messehallen, sie schreiben spirituell angehauchte Bücher oder kommen per sanfter Videoansprache aufs Smartphone. Die drei in dieser Geschichte eint vor allem eines: Sie haben sehr viele Fans. Und verdienen mit ihnen ganz gut Geld. Aber womit eigentlich genau?

DER SHOWMAN

Die Erwartungen an das Zwei-Tage-Seminar "Die Kunst, dein Ding zu machen" mit Christian Bischoff sind hoch, wenn man davor auf jemanden wie Torsten trifft. Torsten, Mitte 50, selbstständiger Handwerker, grundsympathische, bodenständige Persönlichkeit, ist nicht zum ersten Mal hier, aber eine Auffrischung kann nicht schaden, denn "seit ich Christian Bischoff entdeckt habe, hat sich mein Leben um 180 Grad gewendet".

Das war vor zwei Jahren. Damals war er an seinem "persönlichem Tiefpunkt" angekommen, Schwierigkeiten im Betrieb, die Ehe nach 25 Jahren in einer tiefen Krise. Dann habe ihm jemand diesen Life Coach empfohlen, der in Messehallen vor Tausenden von Leuten auftritt. Torsten ging schlecht gelaunt mit seiner Frau hin, beide kamen euphorisch und zuversichtlich zurück. Gemeinsam besuchten sie dann so ziemlich alles, was Christian Bischoff anbietet, das Seminar "Die Kunst, Glück und Erfüllung zu finden", aktuell haben beide eine Jahresmitgliedschaft im "Christian-Bischoff-Club" für je 19 995 Euro. Torsten sagt, er und seine Frau seien sich nun näher als jemals zuvor. Wie viel er insgesamt für Christian Bischoff ausgegeben habe? "Vielleicht so 45 000 Euro", sagt Torsten. "Aber bei dem, was es uns gebracht hat, hätte es auch das Doppelte kosten können."

Glück ist eine Entscheidung

Christian Bischoff, 43, war mal Basketballprofi, schon mit 16 spielte er in der Bundesliga, bis ein Rückenleiden seine Karriere beendete. Er wurde, immer noch sehr jung, Trainer, aber auch das blieb er nicht lange. Dann wurde er Coach und bringt seinen Kunden nun, wie Torsten sagt, "Liebe, Beruf, einfach alles" bei. Was ihn dazu qualifiziert? Ist eigentlich egal. Begonnen hat er vor mehr als zehn Jahren mit Auftritten vor Schulklassen, mittlerweile füllt er große Messehallen, an diesem Herbstwochenende 2019 ist es die in Halle/Saale. Nachtclubdunkel ist es darin, schon morgens um neun wird Kirmestechno gespielt, dann betritt Christian Bischoff, schlank, groß, in roten Turnschuhen die Bühne, und die mehr als 4000 Menschen bejubeln ihn wie einen Rockstar. Christian Bischoff ruft: "Diese zwei Tage werden euer Leben verändern, wenn ihr euch drauf einlasst!" Was in den folgenden zwei Tagen passiert: Wir tauschen High Fives mit Umsitzenden aus und rufen ihnen zu: "Du bist ein Gewinner!" Wir sagen im Chor: "Ich bin meine eigene Sonne." Wir stellen uns in Siegerpose hin – breitbeinig, Victory-Zeichen – und bejubeln uns gegenseitig. Wir schauen unserem Sitznachbarn eine Minute lang tief in die Augen. Wir schreiben mit, was Christian Bischoff von der Bühne predigt: Übernimm Eigenverantwortung für dein Leben. Glück ist eine Entscheidung. Der erste Schritt zur Veränderung ist die Bewusstmachung.

Ab und zu werden einzelne Menschen aus dem Publikum hinausgepickt, ihr Gesicht wird auf Großleinwand übertragen, während sie beispielsweise von ihrer schweren Kindheit reden und dass sie sich eine Familie wünschen und mehr finanziellen Erfolg. Dann redet Christian Bischoff mit ihnen, sagt, dass sie ihr Leben selbst in der Hand haben, und nur wenige Minuten später werden sie sich selbst versprechen: "Ich bin glücklich. Ich bin finanziell erfolgreich. Ich habe eine Familie"; und ihr von der Großleinwand übertragenes Strahlen in diesem Moment ist echt. Kann das Leben so einfach sein?, fragt Christian Bischoff. Und gibt selbst die Antwort: Ja! Glück ist eine Entscheidung! Wir sagen im Chor:

"Ich mag mich."

"Ich bin ein Geschenk für die Welt."

"Ich glaub an mich und schaff das."

Mal fließen die Tränen. Dann wieder pure Euphorie. How do you feel? Great! Christian Bischoff ist ein ausgezeichneter Redner, der mal einen Witz macht, nachdenklich von persönlich schweren Zeiten erzählt. Und bevor die Stimmung abflaut, wird wieder getanzt und gehighfivet. Der erste Seminartag dauert über zwölf Stunden mit nur zwei Pausen. Langweilig ist er nicht. Bei dem Gespräch, das ich am Vortag während der Aufbauarbeiten in der Halle mit Christian Bischoff geführt habe, sagte er mir: "Die Menschen, die hier sind, wollen etwas im Leben oder suchen etwas. Sei es den besseren Beruf, die glückliche Beziehung, mehr Selbstliebe oder anderes." Und wenn sehr viele Menschen mit dem gleichen Interesse aufeinandertreffen, dann entstehe eine unglaubliche, positive Energie. Ein Gefühl, als ob man schwebe.

So fühlt es sich nach dem Seminar an

Am Ende des Seminars sieht man fast nur in glückliche Gesichter, es ist wie nach einem Popkonzert, bei dem alle Greatest Hits gespielt wurden. Freude, das Gefühl, dass wirklich alles möglich ist, "ich bin bereit!" Wie lang das anhält? Von meinen beiden Zufallspartner*innen, mit denen ich mich einen Monat nach dem Seminar mal zusammentelefonieren sollte, um den Fortschritt unserer kleinen Sofort-Vorhaben zu besprechen (meines: jeden Tag 20 Minuten Russisch lernen), habe ich jedenfalls nie wieder was gehört, ich habe sie nicht angerufen, sie mich nicht, und mein Russisch kommt nicht so recht voran. Aber falls man noch mehr Motivation braucht, kann man ja, wie in den vergangenen beiden Tagen vielleicht etwas penetrant erwähnt wurde, noch andere Seminare von Christian Bischoff buchen, wie "Die Kunst, selbstbestimmt zu leben" oder "Die Kunst, Glück und Erfüllung zu finden." Im Paket sogar zum ermäßigten Sonderpreis, der aber nur gilt, wenn man sich jetzt, sofort, noch in der Pause anmeldet.

DIE INFLUENCERIN

Bei Laura Malina Seiler ist alles wunderschön. Und sie ist so nett. Ihr "größter Herzenswunsch" ist es, "dass du erkennst, dass dein Leben kein Zufall ist. DU bist der Schöpfer deines Lebens!", wie sie in ihrem Newsletter schreibt. "Du bist ein Geschenk für die Welt", betont sie in ihrem Podcast. Und in ihrem Buch "Schön, dass du da bist!", gibt sie Rat, wie man sich mit seiner "Schöpferkraft verbindet": indem man beispielsweise die Augen schließt und sich vorstellt, wie man in seiner "wunderschönen" Wohnung mit den "wunderschönen" Blumen und dem "Traummann" samt zwei Kindern lebt und die schönsten (nicht wunderschönsten) Orte der Welt bereist.

Laura Malina Seiler, 33, aus Berlin, ehemalige Musikmanagerin, ist heute "Mindful Empowerment Coach und Visionärin", bei der sich das meiste online abspielt. Bekannt wurde sie durch ihren Podcast "Happy, Holy & Confident", dort leitet sie Meditationen an und gibt Tipps, wie man zur besten Version seiner selbst wird oder sich mit der Weisheit seines Herzens verbindet. Ihre Haupteinnahmequelle sind Online-Kurse wie die "Rise Up & Shine University", die ab 329 Euro kostet und die mittlerweile mehr als 20 000 Menschen "absolviert" haben. Ihre Fans, vor allem junge Frauen zwischen Anfang 20 und Mitte 30, treffen sich – und auch Laura Seiler selbst – vor allem im Internet. Eine Ausnahme ist das jährliche "Team Liebe"-Festival, das diesmal an einem, wie könnte es anders sein, wunderschönen Sommerwochenende auf einem Seminarhof im niedersächsischen Wardenburg stattfindet.

Handeln statt Denken

Es war Monate vorher ausverkauft. Man sieht viele junge Frauen in Hippiekleidchen und mit Glitzer im Gesicht. Es gibt Bier, aber kaum eine trinkt oder raucht. Stattdessen: Umarmungen, tiefe Gespräche auf der Sommerwiese. Im Festzelt berichten ehemalige Teilnehmerinnen der "Rise Up & Shine University" auf der Bühne von ihren Erfolgserlebnissen, und am stärksten beklatscht wird jede, die erzählt, dass sie endlich ihren öden Job gekündigt habe, um was Eigenes zu machen, was mit Menschen. Dazwischen Meditationen mit Laura, sie spricht wie eine Priesterin, und ihre Gemeinde lauscht mit geschlossenen Augen: "Verbinde dich mit dem Wunder, das du bist. Du bist unendlich wertvoll."

Warum gerade sie so viele Fans hat, die sie nahezu vergöttern? Sie sei kein Guru, sagt Laura Seiler, sie sei "einfach nur ein sehr guter Coach". Und sie habe schon früh sehr genau gewusst, dass sie viele Menschen auf einmal erreichen wollte. Am Anfang habe sie alles selbst gemacht, mittlerweile arbeiten 13 Leute mit ihr und für sie. "Mein Ratschlag für alle, die in diese Richtung gehen wollen: Hab eine starke Vision. Du musst wissen, warum du tust, was du tust. Einfach nur damit Geld verdienen wollen ist nicht genug, denn es wird dich nicht durch die schweren Momente tragen." Oder anders ausgedrückt: Wisse, was du willst, und arbeite dann auch fleißig dafür. Mit Augen schließen und visualisieren, dass man bis Ende nächsten Jahres 250 000 Euro netto verdient, ist es vermutlich nicht getan. Auch wenn Laura Seiler das in einem ihrer Videos rät. Oder wie die "Fülle" einen über eine "wunderschöne Brücke aus wunderschönem Licht" führt. Schließlich sei Geld "auch nur eine Energie, die man anziehen oder abstoßen kann".

DER AUTOR

Das "Big Five for Life"-Intro-Seminar in Hamburg beginnt damit, dass man sich den anderen zehn Teilnehmer*innen mit dem Buch vorstellt, "das mich am meisten inspiriert hat". Und wer hier eine andere Antwort gibt als "Das Café am Rande der Welt" von John Strelecky, oder "Wiedersehen im Café am Rande der Welt" von John Strelecky oder dem titelgebenden "The Big Five for Life: Was wirklich zählt im Leben" von John Strelecky – der kann leicht das Gefühl haben, das er nicht ganz reinpasst. Der Amerikaner John Strelecky, 50, hat früher in einer Unternehmensberatung gearbeitet, mit Anfang 30 nahm er eine Auszeit für eine neunmonatige Weltreise. Sein erstes Buch, "Das Café am Rande der Welt", schrieb er laut eigener Aussage direkt nach seiner Rückkehr in nur drei Wochen runter. Böse Zungen würden behaupten, dass man das dem Buch auch anmerkt, doch das Thema ist groß: Es geht um nicht weniger als den Sinn des Lebens, und seine Protagonisten stellen sich die Fragen, die sich jeder Mensch irgendwann stellt: Wozu bin ich auf der Welt? Was ist mein Zweck der Existenz (von Strelecky mit "ZDE" abgekürzt)?

Das Buch, das er zuerst 2005 im Selbstverlag herausgebracht hat, wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt, in Deutschland steht es seit Jahren ununterbrochen auf den obersten Plätzen der "Spiegel"-Bestsellerliste der Taschenbücher. !Ich habe so viele Mails von Menschen bekommen, die fragten, ob ich ihnen helfen kann. Sie hatten mein Buch gelesen und es hatte sie inspiriert, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Aber sie wussten nicht, wie", sagt Strelecky beim Gespräch in Hamburg. Und er hatte auch keine Ahnung, schließlich war er nur ein Autor, der sich eine Geschichte ausgedacht hatte. Aber weil die Nachfrage da war, habe er sich hingesetzt und überlegt, wie er ein Seminar zu dem Thema gestalten würde. Nach seinem Programm arbeiten nun verschiedene "Reisebegleiter", die in seinem Namen dieses Seminar anbieten und die so heißen, weil sie "auf der Reise zu sich selbst begleiten". Diese Reise besteht zum Beispiel darin, Werte auf einer Liste anzukreuzen, die einem wichtig sind (Freundschaft, Entfaltung), dann aufzuschreiben, wie man sie mehr in sein Leben integrieren könnte (öfter Freunde treffen) und was man dafür nicht mehr haben möchte (Überstunden). In der Pause hört man eine jüngere Teilnehmerin sagen, es ist ein typischer Satz an diesem Tag: "Ich weiß nicht, wo ich hinwill. Mein Leben plätschert nur so vor sich hin." Ob ihr dieser eine Intro-Tag für 275 Euro, bei dem ja "nur die Koffer für die Reise gepackt werden", hilft, das zu ändern?

Die Rolle des Glücks ist nicht zu unterschätzen

Wenn man John Strelecky fragt, warum so viele Menschen nicht wissen, wie sie ihr Leben führen wollen, und daher Rat bei fremden Menschen suchen, sagt er: "Ich glaube, dass wir natürlich alle Antworten in uns tragen. Aber es ist heutzutage von so vielen Schichten verdeckt." Der Druck, sich anzupassen. Soziale Medien, die jungen Menschen vorgaukeln, wie ein perfektes Leben aussieht. Er selbst hat nie einen Coach gehabt. Er hat einfach nur gemacht, was er sich gewünscht hat: den Job aufgegeben, um die Welt zu sehen, ein Buch geschrieben, ohne Kontakte in die Verlagswelt zu haben. Und man nimmt es ihm bei allem Geschäftssinn ab, wenn er sagt, dass seine Familie und das Reisen immer noch oberste Priorität haben.

John Strelecky, genau wie Laura Malina Seiler und Christian Bischoff, sind Macher, die mit dem, was sie tun, Erfolg haben. Wenn man ihre Bücher liest, ihre Kurse macht, ihre Podcasts hört, ihre Auftritte ansieht – vielleicht ist es für einige ja tatsächlich der letzte Motivationsschub, um auch endlich mal zu machen, vielleicht sogar damit Erfolg zu haben; mit Glück, einer Komponente, die keiner der drei erwähnt. Aber womöglich ist es für viele andere auch einfach nur eine Möglichkeit, in Gemeinschaft mit anderen weiter vom Machen und Erfolg träumen zu können.

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BRIGITTE 5/2020

Wer hier schreibt:

Sonja Niemann
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