Lust aufs Verzichten: Ausbruch aus der Tretmühle

Der dänische Psychologe Svend Brinkmann hat gute Gründe für Verzicht gefunden: Ja, es geht auch um Nachhaltigkeit. Noch mehr aber um den Ausbruch aus der hedonistischen Tretmühle. 

Herr Brinkmann, Sie haben ein Buch geschrieben über die Freude, etwas zu verpassen. Worüber soll ich mich denn da genau freuen?

Svend Brinkmann: Die Freude besteht darin, sich auf die Aktivitäten fokussieren zu können, die einem wirklich wichtig sind, weil wir in der gleichen Zeit andere Dinge eben NICHT machen. Natürlich ist es immer so, dass eine Entscheidung für etwas eine Entscheidung gegen etwas anderes ist. Aber wegen unserer ständigen Furcht, etwas zu verpassen, fällt es uns schwer, das zu akzeptieren. Stattdessen tun wir etwas und denken oft dabei daran, was wir sonst noch machen könnten: Von "Statt nur hier zuzuhören, könnte ich schnell mal Facebook checken" bis "Ich könnte vielleicht woanders leben, mit jemand anderem".

Ihr erstes Argument ist Nachhaltigkeit: Weniger Konsum ist besser für den Planeten. Das ist sicher wahr und vernünftig, aber macht das wirklich Spaß?

Als Psychologe bin ich natürlich eher der Experte für die innere Natur eines Menschen als die Natur da draußen. Aber das eine hängt mit dem anderen zusammen. Eine nachhaltige Form menschlichen Lebens funktioniert auch nur in einer Welt, die nachhaltig ist.

Ihre anderen Argumente sind etwas erklärungsbedürftiger. Zum Beispiel der „existenzielle“ Grund für Verzicht: nämlich für die Reinheit des Herzens. Das müssen Sie erklären.

„Die Reinheit des Herzens“ ist ein Buch des Philosophen Søren Kierkegaard. Kierkegaard meinte, dass ein gutes Leben darin besteht, sich mit etwas verbunden und dem verpflichtet zu fühlen, „commited“, wie man im Englischen sagt. Man kann sich aber nicht etlichen Dingen, Personen, Ideen „commiten“. Insofern meint es nichts anderes als herauszufinden, was einem grundsätzlich wichtig und wertvoll ist, und dem Zeit zu widmen. Das ist es, was unserem Leben Form und Gestalt gibt.

Um zu sehen, mit was man seine Zeit verbringen will und worauf man verzichten kann – muss man dazu nicht erst mal einige Erfahrungen sammeln?

Ich glaube, viele Leute finden vor allem in Krisen heraus, was ihnen wirklich wichtig ist. In den Situationen, wo sie gezwungen sind, eine eindeutige Wahl zu treffen: entweder A oder B. Aber diese Wahl versuchen wir sonst meist zu vermeiden, wir wollen uns lieber alle Türen offenhalten. Und das verhindert echtes Commitment.

Es gibt ja den Spruch, dass man am Ende seines Lebens weniger bereuen wird, was man getan hat, sondern das, was man nicht getan hat. Was ist falsch daran?

Ja, genau solche populären Sprüche sehe ich skeptisch. Es gibt etliche Slogans, die uns ermuntern, einfach zu machen, ohne an die Konsequenzen zu denken, damit wir ja nichts verpassen – „Just do it“. Das ist die Sprache der Werbung, wir sollen dies konsumieren, das erfahren, dorthin reisen, etwas kaufen, uns optimieren. Natürlich ist das ein Aspekt des menschlichen Lebens. Aber dabei wird der andere Aspekt unterschlagen: dass es manchmal nötig ist, nicht zu handeln. Wir müssen Möglichkeiten auch mal nicht wahrnehmen, sonst wird unser Leben beliebig. Und am Ende stehen wir da und sind verzweifelt: Ich habe versucht, alles zu machen, aber nun weiß ich nicht mehr, welche Richtung mein Leben hat.

Sie führen auch ethische Gründe an: Es ist gut maßzuhalten. Auch das klingt erst mal nicht nach Freude.

In den klassischen wirtschaftswissenschaftlichen Modellen geht man immer von einem bestimmten Menschenbild aus, dem Homo oeconomicus. Demnach ist der Mensch ein rationaler Egoist, der sich bei allem fragt: „Wie kann ich bei geringstmöglichem Einsatz das meiste für mich rausholen?“ Aber so sind wir nicht. Die meisten Menschen haben ein starkes Gefühl für Gerechtigkeit, sie sind bereit, auf etwas zu verzichten, damit andere auch etwas abbekommen. Es gibt – gerade auch in den Wirtschaftswissenschaften – viele Studien mit realen Menschen, die das immer wieder belegt haben. Nicht immer alles haben zu wollen, mit anderen zu teilen, maßzuhalten: Das ist nicht nur eine ethische Frage, sondern Teil der menschlichen Natur. Das wird nur manchmal in unserer kapitalistischen Gesellschaft vergessen.

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Sie sprechen von der hedonistischen Tretmühle, der wir nur durch Verzicht auf „noch mehr“ entkommen können. Was meinen Sie damit?

Wir alle neigen dazu, uns sehr schnell an ein bestimmtes Level von Zufriedenheit zu gewöhnen. Wir arbeiten auf etwas hin, von dem wir hoffen, dass es uns glücklicher macht. Und wenn wir es dann bekommen, sind wir auch glücklich – für einen kurzen Moment. Und dann haben wir uns daran gewöhnt und wollen mehr. Dieses Rennen hört nie auf, das ist die Tretmühle. Um daraus auszubrechen, müssen wir lernen, das zu schätzen, was wir haben. Natürlich ist das eine Argumentation, bei der man auch leicht in die Elitefalle tappen kann: Ich als Professor in einem Wohlfahrtsstaat wäre der Letzte, der sich anmaßen kann zu entscheiden, wann jemand "genug" hat. Es geht mir nur darum, dass wir ab und zu über unser Leben reflektieren: Ist jetzt der Punkt erreicht, wo sich noch mehr abmühen und mehr Geld verdienen mich nicht glücklicher machen wird – nur beschäftigter?

Und schließlich sprechen Sie von der "Ästhetik“ eines minimalistischeren Lebens. Und ich denke sofort an reduziert eingerichtete skandinavische Landhäuser mit viel leerer Fläche und teuren Möbeln.

Es geht mir weniger um individuelle Lösungen, sondern um kollektivistische. Es ist so viel einfacher, Freude am Weniger zu haben, wenn das, was wir haben, ansprechend ist. Damit meine ich aber vor allem die Umgebung, in der man lebt: Wenn ich beispielsweise in einer angenehmen Nachbarschaft wohne, in der ich mich gern aufhalte, mit Plätzen, wo man sich treffen kann, grünen Parks, Spielplätzen für die Kinder, Kulturzentren, öffentlichem Nahverkehr – dann fällt es mir vielleicht leichter, auf ein großes Haus, einen großen Garten, große Autos für mich allein zu verzichten. Es geht darum, ästhetische Landschaften zu kultivieren, real wie metaphorisch.

Wie kann ich für mich selbst heraus­finden, was mir wichtig ist, wie ich meine Zeit und mein Geld verwenden möchte – und was ich sein lassen kann?

Kennen Sie Marie Kondo, die berühmt für ihre Bücher über das Aufräumen ist? Sie rät, jede einzelne Sache in die Hand zu nehmen und sich zu fragen: Macht es mir Freude? Das ist für sie das einzige Kriterium, etwas zu behalten. Ich denke, dass diese Frage ein guter Ansatz ist – aber wenn es darum geht, wie wir unser Leben gestalten, ist sie allein nicht ausreichend. Die zweite Frage, die wir stellen müssen, ist: Was sind meine Verpflichtungen? Wenn wir unsere Kinder anschauen, die sich gerade unmöglich benehmen, hilft es uns auch nicht weiter, wenn wir uns fragen: Machen sie mir in diesem Moment gerade Freude? Nein, Menschen haben auch Verpflichtungen, ihrer Familie gegenüber, ihren Freunden, ihren Kollegen. Das macht nicht immer und jederzeit Spaß, aber es gehört dazu. Und es kann sehr befreiend sein, das zu akzeptieren.

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BRIGITTE 4/2020

Wer hier schreibt:

Sonja Niemann
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