Mangelhaft ist menschlich! 5er-Schüler haben's einfach drauf

Wer in der Schule versagt, versagt auch im Leben? Ganz im Gegenteil, glaubt unsere Autorin. 5er-Schüler, meint sie, hätten gegenüber Top-Performern einen entscheidenden Vorsprung.

Es gibt da diesen Spruch von Seneca, einem römischen Philosophen:

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir.

Für mich lange Zeit der mit Abstand größte Quatsch, den Seneca jemals von sich gegeben hat! Denn abgesehen von Grundschulstoff wie Lesen, Schreiben und Rechnen und ein paar Dingen, die mich zufällig interessiert und emotional berührt haben (z. B. dass Wasser bei 4 Grad die höchste Dichte hat), habe ich große Schwierigkeiten, mich an irgendetwas zu erinnern, das ich in der Schule gelernt habe.

Aber: Vielleicht meinte Seneca ja gar nicht den Unterrichtsstoff, sondern die Erfahrungen, die wir in der Schule machen. In dieser Hinsicht bietet die Schulzeit – allein schon aufgrund der Tatsache, dass sie sich mit Pubertät usw. überschneidet – tatsächlich so einiges an prägendem Material. Besonders für die, die auch mal verkacken ...

Was eine 5 in der Schule wirklich bedeutet

Mit Sicherheit hat sich in den gut zehn Jahren, die ich jetzt schon aus der Schule raus bin, gaaaanz ganz viel verbessert. Doch das Grundprinzip wird immer noch das gleiche sein: Die Erwachsenen legen die Lehrpläne fest und definieren dabei Ansprüche und Erwartungen, die Schüler parieren sollen. Wer die Erwartungen erfüllt, wird mit guten Zensuren belohnt, die angeblich später dabei helfen sollen, einen tollen Job zu bekommen und viel Geld zu verdienen (muahahaha, von wegen!). Schüler, die die Erwartungen dagegen nicht erfüllen, bekommen zusammen mit ihrer 5 die großartige Chance, (mindestens) zwei lebenswichtige Erfahrungen zu machen: 

  1. Dass nichts Schlimmes passiert, wenn sie anderer Leute Erwartungen nicht erfüllen. 
  2. Dass sie – im buchstäblichen Sinne – mangelhaft sind. 

Ganz im Ernst: Das sind doch wohl die Schlüsselerfahrungen schlechthin! Wer diese beiden Dinge schon als Kind oder Jugendliche kapiert, hat allen anderen etwas Entscheidendes voraus. Und das ist viel wichtiger als die Fähigkeit, Integrale zu berechnen oder Gedichte ihren Epochen zuzuordnen. Denn während man Integralrechnung mit der Zeit vergisst und im Alltag nie wieder braucht, ist die Erkenntnis, dass es im Leben nicht darum geht, fremde Erwartungen zu erfüllen, Voraussetzung, um den eigenen Weg zu gehen. Und die Akzeptanz und Anerkennung der eigenen Mängel und Schwächen ist die Grundlage für Selbstbewusstsein. Wen bitte interessieren da noch die Merkmale der Romantik ...?

Der große Haken ...

Kleines Problem: In der Praxis geht das leider nicht so einfach auf. Unter anderem weil Eltern, Lehrer und unsere ganze leistungsorientierte Gesellschaft die Kinder unter Druck setzen, statt sie aufzubauen. Oder weil bei einem "Mangelhaft" in Deutsch und einem in Mathe oder einem "Mangelhaft" zu viel sogar der Ausschluss aus der Klassengemeinschaft droht. Dadurch werden Schulnoten, Zeugnisse und Zensuren zu etwas viel Wichtigerem und Bedeutsamerem gemacht, als sie in Wahrheit sind.

Auch dass manche Erwachsene in den Diskussionen um die "Fridays for Future"-Proteste allen Ernstes kritisieren, dass die Schüler – für einen guten Zweck!! – auf die Straße gehen, statt in der Schule zu sitzen, zeigt, dass irgendetwas in ihrer Wahrnehmung ziemlich quer sitzt. Offensichtlich haben diese Leute jedenfalls, genau wie ich früher, Seneca völlig falsch verstanden ... 

Mangelhaft ist menschlich

Für Kinder ist es aber leider schwer bis unmöglich, an dem zu zweifeln, was Erwachsene ihnen vorgeben. Viele Schüler glauben daher, dass sie Versager sind, wenn sie Mathe nicht raffen und vertun die Chance auf oben genannte Schlüsselerfahrungen. Ich würde mir deshalb sehr wünschen, dass wir als Gesellschaft endlich aufhören so zu tun, als seien Topleistungen z. B. in der Schule wirklich etwas wert. Eine 5 ist nun mal nicht schlecht, sondern mangelhaft – und mangelhaft ist menschlich.

Trauriges Kind

Wer nicht in Mathe, Deutsch oder Erdkunde über seine Mängel stolpert, tut es wahrscheinlich in Fächern wie Durchsetzungsvermögen, Umgang mit Konflikten oder Partnerschaft. Wer in der Schulzeit eine 1 nach der anderen schreibt, fühlt sich spätestens im ersten Job, wenn der Vorgesetzte plötzlich nicht mehr jede gute Leistung mit einem Lob oder Sternchen honoriert, totally lost. Das Grundprinzip, auf dem unser Schulsystem beruht, ist nun mal viel zu einfach und standardisiert, um für Kinder wirklich gut zu sein. Wenn wir schon an diesem alten System festhalten, könnten wir wenigstens mal die Größe zeigen, das zuzugeben.

Mir hätte es jedenfalls geholfen, als Schülerin von jemandem gesagt zu bekommen, wie unwichtig bzw. bereichernd ein verkackter Erdkunde-Test eigentlich ist und dass ich keine Angst vor einer 5 haben müsste. Vielleicht wäre ich dann heute etwas weiter und in mancher Hinsicht ein besserer und stärkerer Mensch. Ich war nämlich eine 1er-Schülerin und so viel kann ich verraten: Dass ich nicht immer aller Leute Erwartungen erfüllen muss, habe ich bis heute noch nicht ganz verstanden ...

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