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Matrophobie Betroffene erzählt: "Ich wollte vor allem eines: nur nicht so sein wie meine Mutter"

Nicole Zepter: Frau guckt sich im Spiegel an
© Westend61 / Getty Images
Viele Jahre ging Nicole Zepter, 45, auf Distanz zu ihrer Mutter, wollte alles bessermachen. Erst als sie merkte, dass sie die gleichen Fehler machte, fand sie zu ihr zurück

Mütter sind keine Menschen. Sie sind Sehnsüchte, Enttäuschungen, Projektionsflächen. Meine Mutter war eine ständige Erwartung. Als Kind sehnte ich mich nach mehr Liebe und Anerkennung. Und Hilfe damit, eine Frau zu werden. Denn was waren Frauen damals, außer einer Person in der zweiten Reihe, immer etwas zu still? Als Erwachsene habe ich mich danach gesehnt, Antworten zu bekommen. Bis ich selbst Mutter wurde und verstand, dass einige Antworten gar nicht so leicht sind. Als Frau und ja, als Mensch mit Höhen und Tiefen konnte ich meine Mutter erst viele Jahre später sehen.

Matrophobie – die Angst so zu werden sie sie

Der Grund liegt weit zurück. Meine Mutter begann unsere Beziehung mit einer Lüge. Sie verschwieg meinen leiblichen Vater, 18 Jahre lang. Dann ließ sie sich von meinem Stiefvater scheiden und verschwand in der Distanz. Lange habe ich kaum mit ihr gesprochen. In der Zeit wurde ich erwachsen, verliebte mich, begann mein Studium, begann Beziehungen, brach sie wieder ab. Ich fragte mich, wer ich bin und wer ich sein möchte. Ich wollte vor allem eines: nur nicht so sein wie sie. Ich wollte stärker sein. Unabhängiger.

Für die Angst, so zu werden wie die eigene Mutter, gibt es sogar ein Wort: Matrophobie. Es ist eine Böswilligkeit. Denn es gibt ja noch die Väter, doch die waren lange unsichtbar in der Erziehung. Sie entzogen sich auch der Verantwortung. Vor allem Mütter hatten es zu richten und wurden gerichtet. Sie arbeiteten zu viel, wurden zu Rabenmüttern, oder zu wenig, dann waren sie doofe Hausfrauen.

Doch ich hatte keine Angst, ich hatte eine Absicht: Ich mache es besser. Bis ich mit meinem Kind allein im Arm stand, in der zweiten Reihe, etwas zu still und dachte: Ich bin wie sie. Ich hatte mir einen Mann ausgesucht, der meinem abwesenden Vater ähnelte. Ich hatte alle meine Hoffnungen in die Beziehung gesetzt. Ein wenig Liebe, anstatt mich selbst zu lieben. Das Wichtigste ist Unabhängigkeit, hatte meine Mutter oft zu mir gesagt. Doch das war ihr eigener Wunsch, den sie nicht verwirklichen konnte. Als ich dann daran denke, den Kontakt zum Kindsvater abzubrechen, wird mir klar: Ich verhalte mich wie sie. Ich habe ihre Rolle eingenommen. Und ich kann sie das erste Mal verstehen, weil ich fühle, was sie gefühlt haben muss: Ohnmacht, Enttäuschung, Verlust. Das ist der Moment, in dem ich meine Mutter das erste Mal als Mensch sehen kann und nicht als Erwartung.

Unsere Eltern prägen uns, ob wir wollen oder nicht

Und das ist auch der Moment, in dem ich mich das erste Mal als erwachsene Frau sehe und nicht mehr als Kind. Ich bin selbst verantwortlich für das, was ich tue. Es gibt Muster, in die wir verfallen. Die erste Frau und der erste Mann in unserem Leben prägen unseren Blick auf Männer und Frauen. Ja. Und doch sind wir selbst gefordert, dahinter zu sehen. Auch wenn es manchmal richtig wehtut.

Ich habe mich an meiner Mutter abgearbeitet, anstatt ich selbst zu werden. Es hat sich dennoch gelohnt. Wir führen heute eine gute Beziehung, sind zueinander in die Nähe gezogen, sehen uns oft, und meine Mutter ist eine liebenswerte Oma für mein Kind. Ich habe den Kontakt zum Kindsvater nicht abgebrochen und auch nicht wie sie damals neu geheiratet. Dies ist mein Weg. Er brachte mir aber meine Mutter zurück, ohne Erwartungen.

Nicole Zepter ist Journalistin. Ihr Buch "Der Tag, an dem ich meine Mutter wurde: Tochtersein zwischen Lieben und Befreiung" ist bei Blessing erschienen.

Brigitte

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