Meine Mutter führt ein Doppelleben – und nur ich weiß es

Als junges Mädchen wusste nur sie vom Doppelleben ihrer Mutter. Als sie als Erwachsene schließlich auspackte, war es ein Schock für ihre Geschwister – für sie aber eine Befreiung

Ich kam früher als erwartet von der Schule nach Hause an jenem Tag, an dem alles begann. Ich war noch ein Kind, zehn, zwölf Jahre alt. Normalerweise war meine Mutter um die Zeit noch bei der Arbeit, genauso wie mein Stiefvater. Aber jetzt war sie da, und sie war nicht allein. Ein Mann war bei ihr, ein Bekannter, ich kannte ihn flüchtig. Aber warum hatte sie diese hektischen Flecken am Hals? Sie fasste mich an die Schulter: "Das bleibt unser Geheimnis, ja?" Ich war irritiert, konnte mir keinen Reim auf die seltsame Begegnung machen. Sex, Affären, davon hatte ich nur eine sehr vage Vorstellung. Ich vergaß den Zwischenfall, oder verdrängte ich ihn eher? Es war, als hätte meine Mutter mir einen rätselhaften, verstörenden Gegenstand in die Hand gedrückt, den ich in eine Schublade packte und nie wieder hervorholte.

Und sie erneuerte das Schweigegelübde

Heute weiß ich, dass es der Anfang einer langen Geschichte war. Meine Mutter war von unserem leiblichen Vater getrennt und lebte seit drei Jahren mit Martin zusammen. Aber sie hatte anscheinend noch andere Männer. Dass ich damals nichts sagte, sie nicht einmal fragte, warum ich nichts verraten sollte, passte zur Kultur des Schweigens, die in unserer Familie herrschte. Niemand kritisierte unsere Mutter, und sie sprach nie über Gefühle.

Auch heute, während ich versuche, die Geschichte aufzuschreiben, spüre ich, dass mir immer wieder die Worte fehlen. Und das, obwohl ich seit vielen Jahren mein Geld mit dem Schreiben von Texten verdiene. Fünf, sechs Jahre später wiederholte sich die Situation, und diesmal war sie für mich eindeutiger. Ich kam aus der Schule und begegnete einem Fremden, der eben frisch geduscht aus unserem Bad trat. Dass die beiden gerade Sex hatten, war offensichtlich. Heute erscheint es mir fast, als hätte sie es darauf angelegt, dass ich sie erneut erwische. Als hätte sie mich, den frisch erblühten Teenager, in die Schranken weisen wollen: Bilde dir bloß nichts ein, die begehrenswerte Frau im Haus bin immer noch ich! Jedenfalls erneuerte sie das Schweigegelübde: "Sag den anderen nichts!"

In diesem Alter sind sich Mütter & Töchter am ähnlichsten

Während sie von uns Kindern totale Ehrlichkeit forderte, führte sie ein Doppelleben

Es fiel mir nicht einmal schwer. Mein Verhältnis zu Martin, meinem Stiefvater war auch nach Jahren noch distanziert, ihm war ich nichts schuldig. Aber da war noch etwas: die Angst, bei meiner Mutter anzuecken. Auch als Teenager braucht man doch jemanden, der zu einem gehört. Und ich hatte ja nur sie, denn mein leiblicher Vater kümmerte sich kaum um mich und meine Schwestern Maria und Tanja. Allerdings war die Rechnung für meine Mutter ganz einfach: Liebe gegen Lob. Immer wollte sie hören, wie gut sie sich um uns kümmert, wie fleißig sie arbeitet. Wir waren mehr Fan-Girls als Töchter. Kritik oder gar Widerstand war viel zu gefährlich. Aber diese mütterliche Forderung hatte ihren Preis.

Im Lauf der Zeit spürte ich, dass sich meine Gefühle für sie änderten. Ich begann, sie und ihre Prinzipien infrage zu stellen. Während sie von uns Kindern totale Ehrlichkeit forderte, führte sie ein Doppelleben – wie passte das zusammen? Einmal bat ich sie, mich am Telefon zu verleugnen – ein Verehrer, der mich nervte. Stattdessen rief sie durchs ganze Haus: "Sabine, ein Anruf für dich!" Wütend wollte ich sie anschreien. "Warum muss ich für dich lügen, wenn du mir nicht mal mit einer kleinen Schwindelei hilfst?", aber ich brachte es nicht über mich. Weder mein Stiefvater Martin noch meine Geschwister hatten eine Ahnung, was im Schlafzimmer meiner Mutter passierte. Tanja wohnte schon in ihrer eigenen Wohnung, und Maria war erst zwölf.

Für meine Geschwister war unsere Mutter eine Heilige

Meine Mutter und ich redeten nie über ihre Affären, die meist mehrere Jahre andauerten. Ich studierte, fing an zu arbeiten und baute mir mein eigenes Leben auf. Wenn ich einen Freund hatte, war ich immer treu. Aber ich war auch gnadenlos, wenn sich jemand nicht an seine Versprechen hielt – in Beziehungen und Freundschaften. Verspätungen und selbst kleinere Unzuverlässigkeiten quittierte ich mit einem wortstarken Wutausbruch. Wieso sprudelte es so aus mir heraus, während ich meiner Mutter und meinen Geschwistern gegenüber so beharrlich schwieg? Fast fühlt es sich so an, als ob sich das Schweigen angestaut und ein anderes Ventil gesucht hat. Meine Mutter betrog Martin bis zu seinem Tod vor zwei Jahren.

In der Zwischenzeit hatten beide eine Ferienwohnung in der Türkei gemietet. Während mein Stiefvater pendelte, lebte sie fast ununterbrochen dort und baute sich einen neuen Freundeskreis auf. Einer von ihnen, Mehmet, wurde ein echter Kumpel für Martin – und der neue Liebhaber meiner Mutter. Martin und Mehmet schlugen sich gegenseitig auf die Schultern, tranken Efes-Bier und schlenderten über die Märkte. Irgendwann lud Martin ihn sogar zu uns nach Deutschland ein. Tickets, Ausflüge, er zahlte alles für seinen türkischen Freund. "Glaubst du, zwischen Mama und Mehmet läuft was?", fragte mich Tanja einmal. Ich stritt es ab, wenn auch zaghaft. Maria fragte nie. Für sie war unsere Mutter eine Heilige. "Sie hat alles für uns geopfert, uns alles Erdenkliche ermöglicht", schwärmte sie. Ich hätte schreien können, habe mich aber nicht getraut.

Meine größte Befürchtung war wahr geworden

Im Laufe der Jahre verstand ich mich mit Martin immer besser. Das brachte mich in eine noch größere Zwickmühle. Sollte ich weiter tatenlos zusehen, wie sie ihn hinterging – oder sollte ich sein Leben ruinieren? Einmal sprach er mich direkt darauf an, wie vorher Tanja. Wieder stritt ich alles ab. Mittlerweile lief die Parallelbeziehung meiner Mutter seit sieben Jahren. Nur wenige Wochen später starb er. Kurz nach der Beerdigung hatten meine Mutter und ich einen Streit. Wir saßen beim Frühstück mit meinen Schwestern. Auf einmal sah ich rot. Und so platzte es aus mir heraus: "Du hast Martin seit Jahren mit Mehmet betrogen, erzähl du mir nicht, was richtig oder falsch ist." Plötzlich war es still. "Du lügst! Das würde Mutti nie tun", schrie mich Maria an. Tanja sagte gar nichts. "Raus hier!", befahl meine Mutter.

Wochenlang hörte ich nichts von meiner Familie. Meine größte Befürchtung war wahr geworden: Sie bestraften mich dafür, dass ich die Wahrheit sagte. Etwa drei Monate später rief Tanja mich an. "Ich möchte die Funkstille beenden. Aber lass uns das Thema ausklammern, bitte." Ich hätte so gerne mit ihr gesprochen, gewusst, ob sie wirklich so ahnungslos war – aber sie mauerte. Heute habe ich wieder Kontakt zu meinen Schwestern, aber auch der hat einen Preis: weiter schweigen. Auch meine Mutter sehe ich sporadisch. Aber seitdem ich sie geoutet habe, spüre ich nur noch einen Kältenebel zwischen uns. War es das alles wert? Ich finde, ja. Denn endlich habe ich ihr dieses unheimliche Ding zurückgegeben, das noch immer in meiner Schublade lag. Und habe Platz geschaffen für Dinge, die mir guttun.

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BRIGITTE 14/2019

Wer hier schreibt:

Sabine Schreiber
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