VG-Wort Pixel

Meinung Schluss mit den Tabus! Warum wir endlich ehrlich miteinander sein müssen

Adrienne Friedlaender: zwei dunkelhäutige Frauen sitzen in einem Café mit einem Getränk in der Hand
© Merla / Shutterstock
Auf der inoffiziellen Tabu-Liste stehen unter anderem die Themen Sex, Geld und Tod. Adrienne Friedlaender hält sich einfach nicht mehr dran.

Wir halten uns für fortschrittlich, weltoffen, aufgeklärt und verkünden: Wir können über alles reden. Aber wenn es um Sex, Geld oder Tod geht, verstummen wir dann doch, als hätte der Blitz ins Sprachzentrum eingeschlagen.

Was ist eigentlich das Wesentliche im Leben?

Das letzte Jahr hat mich noch einmal besonders auf das für mich Wesentliche im Leben zurückgeworfen. Ich fragte mich: Was tut mir gut, was ist mir wichtig im Leben? Und was möchte ich hinter mir lassen? Und eine meiner Antworten auf die letzte Frage war: das blinde Befolgen gesellschaftlicher Regeln wie "Darüber spricht man doch nicht!".

Schlüsselmoment war ein Erlebnis zum Umgang mit dem Tabu-Thema Tod. Bei der Geburtstagsfeier meines Vaters traf ich Elisabeth. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich sie treffe. Und natürlich sprechen wir Mütter dann auch über unsere Kinder. Bei der Frage nach meinen Jungs blieb mir dieses Mal allerdings die Torte im Hals stecken. Ihre Tochter wurde im selben Jahr geboren wie mein Sohn Nummer zwei. Aber Merle sprang sechs Monate zuvor aus dem Fenster der Klinik, in die man sie wegen Depressionen eingeliefert hatte. Sie ist tot.

Jeder in dieser Kaffeerunde wusste das. Aber niemand erwähnte es auch nur mit einer Silbe. Wie würde es mir gehen, hier zu sitzen mit all den Menschen, die den Butterkuchen loben, während für mich jeder Bissen, jedes Gespräch eine Herausforderung wäre? Unmöglich konnte ich Elisabeth von meinem Sohn erzählen, der gerade sein Abi geschafft hatte und Zukunftspläne schmiedete, während ihre Tochter sich das Leben genommen hatte. Der Tod steht auf der Liste "Darüber spricht man nicht". Aber mein Gefühl sagte etwas anderes. Daher fragte ich: "Wie schaffst du es, mit diesem Verlust zu leben?" Elisabeth schossen Tränen in die Augen. Dann flossen Worte, als hätte sie nur darauf gewartet, dass endlich jemand die Schleusen zu ihrer Seele öffnet.

Warum tauschen wir uns nicht ehrlicher miteinander aus?

Familie und Kinder, Beruf und Geld, Liebe und Sex, Krankheit und Tod – das sind die Lebensthemen, die uns alle beschäftigen. Wäre es nicht eine Bereicherung für uns alle, wenn wir uns offener und ehrlicher miteinander darüber austauschen würden?

Natürlich kann man dabei auch auf die Nase fallen. Vor meinem Umzug fragte ich meine neue Nachbarin, wie viel sie für ihr Reihenhaus bezahlt habe, in dem Wissen, dass es exakt das Gleiche war, wie das, in dem ich wohnte. Sie guckte mich an, als hätte ich nach ihren bevorzugten Sexpraktiken gefragt und verschwand schnell mit den Worten "Darüber möchte ich nicht sprechen" im Hauseingang. Schade, denn ihre Auskunft hätte mir geholfen, eine Idee zu entwickeln, zu welchem Preis ich mein Haus verkaufen könnte. Die Frage "Wie viel verdienst du?" ist für viele ebenso schockierend. Dabei wäre es doch beispielsweise für Frauen, die nach der Elternzeit in den Job zurückkehren, nützlich zu erfahren, was man wo verdienen kann.

Noch pikanter: das Thema Sex. Trotz aller Offenheit fällt es uns meist schwer, darüber ehrlich zu sprechen. Dabei würde es helfen, sich mit seinen eigenen Bedürfnissen normaler und sicherer zu fühlen. Bin ich normal, wenn ich drei Mal am Tag Lust auf Sex habe? Oder ist es so ungewöhnlich, gar keine Lust zu haben? Es lohnt sich gerade hier unbedingt, genau zu überlegen, wen man belügt und warum. Bevor man einen Salto schlägt vor angeblicher Freude über Sex am Kronleuchter, sollte man sich klar machen, dass man da vielleicht nie wieder runterkommt.

Ich schweige auch nicht mehr aus falscher Rücksichtnahme, Scham oder Angst.

Wäre das Leben also nicht viel einfacher, wenn wir uns trauen würden, die Wahrheit zu sagen – oder zumindest so nah wie möglich an ihr zu bleiben? Für mich klingt das nach einer großen Freiheit. Ich habe Schluss gemacht mit den Versuchen, Gedanken nur zu erraten oder zu vermuten. Ich frage nach. Und ich schweige auch nicht mehr aus falscher Rücksichtnahme, Scham oder Angst. Denn ich habe erlebt, wie gut es tut, echte Anteilnahme zu zeigen und zu erfahren. Und ich empfinde es als große Bereicherung, mit anderen Menschen in einen echten Kontakt zu kommen, mit Ehrlichkeit und Offenheit.

Adrienne Friedlaender, 59, ist freie Journalistin in Hamburg und hat mit ihrem ersten Buch "Willkommen bei den Friedlaenders!" vor vier Jahren einen Bestseller gelandet. In ihrem aktuellen Buch geht es um vermeintliche Tabus: "Ist das verboten oder darf ich das?" 

Brigitte

Mehr zum Thema