Menschenkenntnis: Oft nicht mehr als eine Illusion

Immer wieder stellt uns unsere vermeintliche Menschenkenntnis ein Bein. Aber wir sind trotzdem überzeugt, wir hätten sie. Und das ist auch sehr gut, meint BRIGITTE-Psychologe Oskar Holzberg.

Das Schlimmste ist nicht die Enttäuschung. Und auch nicht der Schmerz oder die Wut. Das Schlimmste ist das Unfassbare. Der Augenblick, in dem unsere Wirklichkeit zerbröselt. Wenn wir die Geburtsurkunde einer Halbschwester finden, die Papa zu Lebzeiten nie erwähnt hat. Wenn im parkenden Golf ein Typ mit einer Frau rumknutscht und wir erkennen, es ist der eigene Kerl. Dann tut sich der Boden auf, stürzt alles zusammen. Wir fühlen uns auf einmal leer und orientierungslos. Sich dagegen zu wehren, sich der Wahrheit zu entziehen, die wir gerade gesehen oder erfahren haben, ist zwecklos. Einen Weg zurück gibt es nicht mehr.

Mehr Zeit für mich: Frau sitzt im Stuhl und liest ein Buch

Mir kann keiner was vormachen! Von wegen...

Dabei waren wir doch immer stolz auf unsere Menschenkenntnis. Keiner konnte uns was vormachen. Dachten wir. Und nun das! Wir öffnen auf dem Computer versehentlich seine Datei mit Hardcore-Pornos und erfahren eine Wahrheit, die uns bislang verborgen war. Selbst wenn es Anlass zur Freude gibt, wenn die knauserige, griesgrämig Tante zur Geburt ihres Neffen Bargeld lachen lässt und wir uns ungläubig immer wieder bei den Nullen auf dem Scheck verzählen - es ist eine Überraschung und doch irgendwie auch eine Enttäuschung. Denn mit einem Mal bricht das Bild zusammen, das wir uns von einem Menschen gemacht haben.

Natürlich wissen wir über die Abgründe der Welt. Spätestens, wenn sich die ganze Abteilung auf der Weihnachtsfeier zugelötet hat und die wahren Ichs um die Wette lallen, führt kein Weg an der niederschmetternden Erkenntnis vorbei, dass auch Freunde, Partner und Kollegen ihre verborgenen Schattenseiten haben.

Doch wir brauchen das Gefühl, Menschenkenntnis zu besitzen. So sehr, dass fast jeder glaubt, er sei ein ausgewiesener Fuchs und Experte darin. Was eine äußerst hilfreiche Illusion ist. Denn schließlich treffen wir ständig auf Menschen und müssen schnell wissen, woran wir mit ihnen sind. Selbst wenn uns die Realität hart und unvermittelt ins Gesicht schlägt, geben wir diese Illusion, über den anderen Bescheid zu wissen, nicht auf.

In Wahrheit ist es mit unserer Menschenkenntnis nicht weit her. "Machen wir es nicht im Wachen wie im Träumen? Immer erfinden und erdichten wir erst den Menschen, mit dem wir verkehren", vermutete schon der Philosoph Friedrich Nietzsche. Und die psychologische Forschung gibt ihm Recht. Erst machen wir uns ein Bild von einem Menschen. Und dann leben wir danach.

Wer glaubt, man mache sich nur bei flüchtigen Bekannten ein falsches Bild, der irrt sich. "In einer älteren Partnerschaft kennen die Partner einander oft nicht viel besser als in der jungen. Im Unterschied zu den taufrischen Beziehungen glauben aber die langjährigen Partner sehr viel eher, sie wüssten über den anderen genau Bescheid." Sagt der Psychologe Georg Felser. Er sagt es aus wissenschaftlicher Erkenntnis heraus. Aber in diesem Irrtum leben trotzdem ungezählte Paare miteinander.

Wir sehen die Menschen so, wie wir sie brauchen, um uns geborgener zu fühlen.

Die Welt mit ihren ungewissen Schrecken ist nicht unbedingt der Ort, an dem wir gern leben. Wenn wir die Wahl hätten, würden wir uns für eine freundlichere Welt entscheiden, mit friedlicheren Menschen und liebevolleren Beziehungen. Und deshalb sehen wir die Menschen so, wie wir sie brauchen, um uns geborgener zu fühlen. Eine Illusion, die sich auszahlt. In glücklichen Ehen ist das Bild der Partner voneinander positiver als ihr tatsächliches Verhalten.

Was wäre, wenn eine kleine Zauberfee uns im Traum das Elixier der wahren Menschenkenntnis brächte und wir beim Erwachen jedem bis auf den Grund seiner Seele sehen könnten? Dann wüssten wir, dass der dynamische Junglehrer im Domina-Studio verkehrt. Erführen, dass die stille, unscheinbare alte Dame von gegenüber in der NS-Zeit im aktiven Widerstand war. Dass die aufgebrezelte Schalterbeamtin zwei behinderte Pflegekinder großzieht und unser verlässlicher Abteilungsleiter zwei uneheliche Kinder sitzen gelassen hat.

Wir wären erstaunt, entgeistert und empört. Wir könnten die Welt kaum ertragen. Aber das müssen wir auch nicht. Unsere Psyche wird uns immer wieder die Illusion von Gut und Böse schaffen. Und dafür zahlen wir dann den Preis, indem wir fassungslos feststellen: "Das hätte ich nie von dir gedacht!"

Text: Oskar Holzberg

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel