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Psychologie Warum es uns sogar guttut, uns mit anderen zu vergleichen

Zwei Freundinnen Rücken an Rücken: Warum es uns sogar guttut, uns mit anderen zu vergleichen
© loreanto / Adobe Stock
Ständig lesen wir, dass es unserer Mental Health schadet, uns mit anderen Menschen zu vergleichen. Zeit, mit diesem Vorurteil aufzuräumen.

"Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit", soll der dänische Philosoph Søren Kierkegaard gesagt haben. Kierkegaard in allen Ehren, aber die moderne Psychologie sieht das etwas anders. Der Grundgedanke, dass wir nur auf uns selbst blicken und unser Umfeld neidlos ignorieren sollten, klingt sehr nobel – ist aber nicht realistisch. Es liegt in der Natur des Menschen, sich zu vergleichen, ja, er braucht Vergleiche sogar, um sich selbst und seine Umwelt einordnen zu können.

Darum vergleichen wir uns ständig mit anderen

Vergleiche helfen uns, uns über uns selbst zu informieren. Und das gilt sowohl für Vergleiche mit anderen Menschen in ähnlichen Berufen, in einem ähnlichen Alter oder aus ähnlichen sozialen Verhältnissen als auch für Vergleiche mit uns selbst, etwa mit früheren Leistungen im Job oder auch Sport.

Die Psychologie unterscheidet zwischen Aufwärts- und Abwärtsvergleichen. Wenn ich mich aufwärts vergleiche, schaue ich mir vielleicht eine ehemalige Kommilitonin an, die eine höhere Position mit einem besseren Gehalt hat. Das sorgt möglicherweise dafür, dass ich mich schlecht fühle – vielleicht motiviert es ich aber auch, mich auf interessante Jobs mit besseren Aufstiegschancen zu bewerben.

Beim Abwärtsvergleich blicken wir auf jemanden, der zwar ähnliche Voraussetzungen hat wie wir, aber (vermeintlich) schlechter dasteht. Also vielleicht einen ehemaligen Studienkollegen, der gar keinen Job hat. Das sorgt in der Regel dafür, dass wir uns besser fühlen.

So werden Vergleiche zum Problem

Du siehst: Vergleiche sind erst mal normale soziale Funktionen, die wir in der Gesellschaft und für unsere eigene Einordnung brauchen. Ein Problem entsteht eigentlich erst dann, wenn wir uns permanent mit unerreichbaren Idealen vergleichen. Social Media ist ein Katalysator für diese toxischen Aufwärtsvergleiche: Wir sehen auf Instagram und Co. ständig Menschen, die scheinbar perfekt aussehen, ein unglaublich spannendes Leben mit ganz vielen tollen Reisen, exotischem Essen und Drinks an außergewöhnlichen Orten führen – während wir in Jogginghose auf der Couch sitzen und uns hässlich und langweilig fühlen.

Das ist vor allem deshalb schwierig, weil es nicht echt ist. Influencerin XY ist garantiert auch nicht immer happy und fühlt sich manchmal unwohl in ihrer Haut. Ganz abgesehen davon, dass unser Aussehen und auch unsere Figur zu großen Teilen genetisch bedingt ist – und damit schlicht und einfach Glückssache. Sport zu treiben und sich ausgewogen zu ernähren, ist natürlich förderlich für die Gesundheit, führt aber definitiv nicht bei jeder Person zu denselben optischen Ergebnissen. Und auch die wunderschöne und glamouröse Influencerin hat mal Durchfall oder muss die Steuererklärung machen. Aber das zeigt sie natürlich nicht auf Instagram, weil das vermutlich weniger Likes geben würde. Der Vergleich ist also nicht wirklich aussagekräftig, weil wir nicht das gesamte Bild sehen, sondern uns nur mit einem kleinen Ausschnitt aus ihrem Leben vergleichen.

Wie toll ist das Leben der Social-Media-Influencerin wirklich?

Das Problem ist also nicht der Vergleich an sich, sondern dass wir nicht alle Daten dafür haben. Wenn wir neidisch auf jemanden sind, der viel mehr Geld oder einen tollen Job hat, sollten wir ehrlich sein und uns "the big picture" anschauen: Ja, vielleicht verdient diese Person viel Geld, dafür arbeitet sie aber auch deutlich mehr als wir und hat dadurch mehr Stress und eine geringere Lebensqualität.

Wenn wir alle diese Aspekte in unseren Vergleich miteinbeziehen, haben wir ein realistisches Bild und können abwägen: Ist das Leben, mit dem wir unseres gerade ins Verhältnis setzen, für uns wirklich erstrebenswert? Passt es zu unseren persönlichen Werten?

Darum tun uns Vergleiche sogar gut

Wenn wir so an Vergleiche herangehen, können sie sogar zu unserer Zufriedenheit beitragen, wie der Neurobiologe Prof. Dr. Martin Korte erklärt: "Unser Stirnlappen bezieht das Grundgefühl der Zufriedenheit maßgeblich aus dem Vergleich mit anderen Menschen", sagt der Hirnforscher. Die Kunst ist also, sich mit den richtigen Personen zu vergleichen und einen realistischen Blick auf das Gesamtbild zu haben. Hier geht es nicht darum, unliebsame Details auszublenden und uns nur die Dinge anzuschauen, mit denen wir uns besser fühlen – also ein klassischer Abwärtsvergleich. Stattdessen müssen wir nur alle Faktoren und Informationen miteinbeziehen, die wir brauchen, um die Gesamtsituation wirklich beurteilen und vergleichen zu können.

Wenn wir das Gefühl haben, dass unser Leben in etwa so gut läuft und ähnliche Rahmenbedingungen hat wie das anderer Menschen in unserem Umfeld, trägt das laut Prof. Dr. Korte zu unserer Zufriedenheit bei. Das Vergleichen ist also nicht das Problem – sondern nur, dass wir dabei gerne bestimmte Aspekte ausblenden und so das Bild verzerren.

Verwendete Quellen: quarks.de, zeit.de, Interview mit Prof. Dr. Martin Korte

mbl Brigitte

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