Miriam Meckel: "Ich habe mich selbst überfordert, permanent"

Sie war die jüngste Professorin Deutschlands, Regierungssprecherin, Staatssekretärin. Bis plötzlich gar nichts mehr ging. Die Professorin und Autorin Miriam Meckel über ihren Burnout. Tipp: Mehr zu dem Thema lesen Sie im Dossier "Süchtig nach Stress?" in BRIGITTE Heft 8 (ab 23. März am Kiosk)

BRIGITTE.de: Frau Meckel, Sie hatten einen Burnout. Kaum zurück aus der Klinik, schrieben Sie darüber ein Buch. Sind Sie süchtig nach Stress?

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Miriam Meckel: Ich schreibe, um meine Gedanken zu ordnen. So ticke ich. Das Schreiben ist für mich deshalb keine Arbeit und an eine Veröffentlichung habe ich anfangs auch überhaupt nicht gedacht. Ich habe aufgeschrieben, was mir widerfahren ist, um das für mich selbst abzuschließen.

BRIGITTE.de: Warum blieben Ihre Gedanken nicht in der Schreibtischschublade?

Miriam Meckel: Wenn nie jemand über diese Krankheit spricht, ändert sich nichts. In der Klinik und auch danach, in sehr vielen Gesprächen, habe ich festgestellt: sehr viele unterschiedliche Menschen leiden unter totaler Erschöpfung. Für mich war es sehr hilfreich zu erkennen, dass ich nicht alleine bin.

BRIGITTE.de: Sie arbeiten als Professorin an der Universität St. Gallen. Wenn Sie merken: Einer meiner Studenten oder Mitarbeiter steht kurz vor dem Zusammenbruch - werden Sie da missionarisch?

Miriam Meckel: Ich spreche denjenigen an, aber ich werde nicht missionarisch. Weil ich von mir selbst weiß, dass das nicht funktioniert. Meine Freunde und meine Familie haben mich immer wieder gewarnt. Und es gab auch körperliche Anzeichen: Ich hatte einen Tinnitus, war gereizt, litt unter Schlafstörungen. Aber ich konnte daraus nichts machen. Ich war wie im Wahn: irgendwie alles hinbekommen, irgendwie weitermachen. Mehr konnte ich nicht denken. Vielleicht, weil ich geahnt habe: Wenn ich die Bremse ziehe, dann bricht alles weg. Dann geht erst mal gar nichts mehr.

BRIGITTE.de: Sie haben vor Ihrem Burnout gesagt: Ich sehe meine Freunde und meine Familie wenig, doch eins wiegt alles auf: Meine unbändige Lust am Job. Wie wurde aus Lust totale Erschöpfung?

Miriam Meckel: Ich glaube, das hängt ursächlich zusammen. Ich arbeite wirklich gerne und bin eher Feuer und Flamme, als dass ich sage: nee, interessiert mich nicht. Wenn ich mich für etwas begeistert habe, ging bei mir die Maschinerie los: Alles sollte perfekt sein, ich wollte an alles denken. Im Ergebnis hat das dazu geführt, dass ich mich selbst überfordert habe, permanent. Dazu war ich viel auf Reisen, ging auf Konferenzen und Meetings, und ich pendle zwischen der Schweiz und Berlin, wo meine Freundin lebt. Das ging früher wirklich immer so: Ich habe einen Koffer gepackt, bin nach Berlin geflogen, um da das Wochenende zu verbringen, von Berlin nach San Francisco, weiter nach Frankfurt zu einem Termin, zurück nach Berlin fürs Wochenende und nach 14 Tagen pünktlich zur Vorlesung wieder in die Schweiz. Im Koffer für alle Anlässe das passende Outfit und die Unterlagen.

BRIGITTE.de: Ihre Freundin ist die Fernsehmoderatorin Anne Will. Sie arbeitet in Berlin, an der Pendelei wird sich in naher Zukunft nichts ändern.

Miriam Meckel: Wir haben ein neues Arrangement ausgehandelt: Wir wechseln uns besser ab mit den Besuchen. Und ich bleibe jedes zweite Wochenende daheim in der Schweiz. Und zwar als Wochenende und nicht als Arbeitsstation. 2008, im Jahr meines Zusammenbruchs hatte ich insgesamt drei Wochenenden daheim verbracht. Das ist definitiv zu wenig.

BRIGITTE.de: Ein Burnout ist auch eine Belastung für die Partnerschaft. Wie haben Sie das erlebt?

Miriam Meckel: In den Momenten, in denen ich in der Lage war, meine Situation zu reflektieren, habe ich schon gedacht, dass ich eine ziemliche Zumutung bin. In diesen Momenten konnte ich dann auch darüber sprechen. Aber es gab eben auch viele andere. Ein Mensch, der völlig erschöpft und ausgebrannt ist, ist für sein Umfeld schwierig. Aber meine Freundin hat mich unterstützt, wo und wie sie konnte.

BRIGITTE.de: Was kann der Partner tun?

Miriam Meckel: Ich brauchte ganz viel Ruhe. Ich musste Raum für mich haben, Zeit zum Nachdenken. Und Zeit und Raum, um nicht funktionieren zu dürfen. Ich glaube, jemandem das zu lassen, ist eine gute Strategie. Nicht permanent zu versuchen, ihn zu irgendetwas zu überreden, mach dies, mach das, das würde dir doch jetzt gut tun. Zeit geben ist gut. Reden ist gut. Und gemeinsam überlegen, was man anders machen kann, damit es nicht mehr soweit kommt. Bei uns war es unter anderem das Reisen, das wir neu organisiert haben.

BRIGITTE.de: Burnout gilt als Erfolgskrankheit...

Miriam Meckel: ...und genau deshalb mag ich das englische Wort nicht. Da wird Stress als Lifestyle verkauft nach dem Motto: Der Burnout gehört zum erfolgreichen Berufsleben wie das Eigenheim zur Vorbildfamilie.

BRIGITTE.de: Aber ist es nicht einfacher, sich eine Erfolgskrankheit einzugestehen?

Miriam Meckel: Ich habe sehr unterschiedliche Menschen in der Klinik getroffen, Chefs und Managerinnen, Kindergärtnerinnen und Verkäuferinnen. Manche wurden krank, weil sie gemobbt werden oder ihr Chef sie quält, da kann man nun wirklich nicht von Erfolgskrankheit sprechen. Und wenn Sie ganz unten sind, vor Erschöpfung nur noch weinen oder schlafen, wie ich es getan habe, dann denken Sie auch nicht: Ach, es war ja der Erfolg, der mich dahin gebracht hat, das wird schon wieder.

BRIGITTE.de: Widerspricht Schwäche Ihrem Selbstbild?

Miriam Meckel: Schwäche hat lange meinem Selbstbild widersprochen, ja. In der Klinik habe ich gemerkt, dass es noch eine andere Miriam gibt: Eine, die nicht immer funktioniert, die nicht alle Anforderungen erfüllt und von allen lieb gehabt wird. Die auch mal traurig ist. Gefühle zulassen, das habe ich mir nur sehr selten erlaubt. Nach dem Tod meiner Mutter vor ein paar Jahren habe ich beispielsweise sehr schnell wieder gearbeitet.

BRIGITTE.de: Warum haben Sie sich keine Zeit der Trauer gestattet?

Miriam Meckel: Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Es wäre die kluge und richtige Entscheidung gewesen, aber ich habe einfach weiter gemacht. Ich habe alles weg geschoben. Wenn sie das tun, staut es sich an, in irgendeiner Ecke der Seele. Und irgendwann macht es buff.

BRIGITTE.de: Nach Ihrem Zusammenbruch sind Sie in eine Klinik gegangen.

Miriam Meckel: Ja, aber ich musste mich sehr überwinden. Dieses Bild von Klapsmühle und nicht-alle-Tassen- im-Schrank-haben ist doch immer noch sehr präsent. Ich habe mich dann in der Klinik auch erst mal als teilnehmende Beobachterin verstanden, wie ich es aus meinem Beruf als Sozialwissenschaftlerin kenne: Ich habe den anderen zugeschaut nach dem Motto: Ich selber bin ja gar nicht betroffen. Bis ich gemerkt habe: Ich mache wieder den gleichen Fehler, der dafür mitverantwortlich ist, dass ich hier bin.

BRIGITTE.de: Was hat Ihnen in der Klinik geholfen?

Miriam Meckel: Dass ich aus allem raus war, was mein normales Leben ausmacht. Für mich war die Klinik ein Schutzraum. Was mir auffiel: Dort hat mich nie jemand gefragt: Was machst du eigentlich beruflich? Diese typische Partyfrage eben. Wir fragten uns: Wie geht es dir, warum bist du hier? Ich finde, das sagt schon sehr viel aus über unsere Gesellschaft. Es dreht sich so viel um den Job. In der Klinik habe ich gemerkt: Ich möchte das nicht mehr: ein stromlinienförmig funktionierender Mensch sein.

BRIGITTE.de: Was ist auf Ihrer Werteliste an die Stelle des Erfolgs gerückt?

Miriam Meckel: Freunde. Gespräche. Zeit für mich. Mein Beruf ist mir natürlich immer noch wichtig. Aber es gibt doch so vieles darüber hinaus.

Miriam Meckel, 42, war die jüngste Professorin Deutschlands, Regierungssprecherin des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen und Staatssekretärin. Seit 2005 ist sie Professorin für Corporate Communications an der Universität St. Gallen, Schweiz. Sie lebt in Berlin und St. Gallen.

Zum Weiterlesen: Miriam Meckel: Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout. Rowohlt 2010, 224 S., 18,95 Euro

Interview: Madlen Ottenschläger Foto: Martin Langhorst

Wer hier schreibt:

Madlen Ottenschläger
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