Mitwisser: So gehen Sie mit Geheimnissen um

Eine langjährige Liebesaffäre, die versteckte Spielleidenschaft: Manchmal werden Menschen zu Mitwissern von Geheimnissen. Was man tun kann, um von dieser Belastung loszukommen.

Psychologin Claudia Clasen-Holzberg hat Strategien entwickelt, wie Mitwisser aus ihrer Rolle finden - für alle von ihnen, die sich nicht mehr wohl in ihrer Haut fühlen.

Irrtum Nr. 1

Es ist eine Auszeichnung, um ein Geheimnis zu wissen. Ich muss es unbedingt wissen.

Grundsätzlich gilt im Umgang mit Geheimnissen: Widerstehen Sie dem kindlichen Drang, ein Geheimnis teilen zu wollen, als hätten sie dann teil an der geheimnisvollen Welt der Erwachsenen. Achten Sie deutlich darauf, wann sich bei Ihnen erstes Unwohlsein regt.

Über Körpersignale erfassen wir die zwiespältigen Folgen des Eingeweihtseins intuitiv oft früher als mit dem Verstand. Nehmen Sie solche Warnzeichen ernst, äußern Sie deutlich Ihre Vorbehalte, sagen Sie "Nein", wenn Ihnen jemand etwas "ganz unter uns" anvertrauen will und sie ein ungutes Gefühl dabei haben.

Leider lässt sich Mitwisserschaft nicht immer vermeiden. Sie kann zufällig entstehen, einem aufgedrängt werden oder sich erst im Nachhinein als solche entpuppen. Mitteilungsbedürftige Geheimnisträger stellen einen selten vor die Alternative: "Ich möchte dir etwas anvertrauen, aber überleg dir genau, ob du das auch möchtest." Geheimnisse lassen sich meist nur unmittelbar, ohne Vorwarnung mitteilen. Und schon sitzen wir in der Falle. Wenn Sie dem Geheimnis nicht entkommen konnten, rücken Sie vor zu Irrtum Nr. 2.

Irrtum Nr. 2

Ich bin daran gebunden, das Geheimnis zu wahren.

Auch wenn Ihnen etwas unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut wurde, sind Sie nicht verpflichtet, sich daran zu halten. Wenn Sie merken, dass das Geheimnis Sie zu sehr belastet, in Loyalitätskonflikte bringt oder gar krank macht - reden Sie darüber. Und zwar mit der Person, die Sie in das Geheimnis eingeweiht hat. Sagen Sie, wie es Ihnen damit geht. Dass Sie die Heimlichtuerei nicht mehr mitmachen möchten und ertragen können. Keine leichte Aufgabe, aber Sie können etwas erreichen.

Nicht selten vertraut jemand sein Geheimnis einer anderen Person an, weil er unbewusst darauf hofft, so zur Aufdeckung seines Geheimnisses beizutragen, ohne selbst die Verantwortung dafür übernehmen zu müssen. Geben Sie dem Geheimnisträger seine Verantwortung zurück. Es ist weder Ihr Job, die andere Person zu schützen, noch das Geheimnis aufzudecken. Geben Sie ihr/ihm die Chance, der Geheimhaltung selbst ein Ende zu setzen.

Irrtum Nr. 3

Als Mitwisserin darf ich mir keine Hilfe holen.

Spätestens wenn das Geheimnis anfängt, Ihr Leben zu vergiften, und der Mensch, der Sie eingeweiht hat, sich weigert, sich dem Thema zu stellen, ist es höchste Zeit, dass Sie sich Hilfe suchen. Am besten professionelle Hilfe, jemanden, dem Sie sich risikolos öffnen und von dem Sie außerdem Klärung Ihres Dilemmas erwarten können. Psychotherapeuten, Mitarbeiter in Beratungsstellen, Priester und Pastoren sind an ihre Schweigepflicht gebunden und nicht persönlich in die Angelegenheit verstrickt. Diese Personen sind geübt im Umgang mit inneren Konflikten. Sie werden helfen, den Schaden einzudämmen, die Verstrickung aufzulösen und einen für Sie akzeptablen individuellen Lösungsweg zu finden.

Besonders Menschen aus "co-abhängigen Familien" sind es gewöhnt, Geheimnisse mitzutragen, auffälliges Verhalten zu decken und zu vertuschen. Und geben sich dann noch selbst die Schuld dafür. Wer aus einer Familie stammt, in der ein Elternteil alkoholabhängig (drogen-, medikamentenabhängig, spielsüchtig...) war oder zu Gewalt neigte, für den ist es normal, alles in den eigenen vier Wänden unter Kontrolle zu halten und nichts nach außen dringen zu lassen. Sich die eigene Überforderung einzugestehen und Hilfe zu suchen, wäre "Verrat". Menschen aus Familien, in denen beharrlich über ein Geheimnis geschwiegen wurde, sind ebenfalls meist unbewusst leicht bereit, Geheimnisse unhinterfragt zu decken. Ein befreiender Umgang mit dem aktuellen Geheimnis wird oft erst dann möglich, wenn diese Vorgeschichte in das Gespräch miteinbezogen werden kann.

Irrtum Nr. 4

Um mich zu entlasten, muss ich mit irgendjemandem reden.

Das Wissen um ein Geheimnis schafft eine besondere, paradoxe Dynamik. Das Ego wird nur richtig gekitzelt, wenn andere erfahren, in welch spannende Geheimnisse ich eingeweiht bin. Das führt zum Weitererzählen. Auch der Druck, der sich durch die Geheimnisträgerei in jemandem aufbaut, verleitet dazu, das Geheimnis auszuplaudern. Aber damit vergrößern Sie die Probleme eher: Sie haben Ihr Wort gebrochen. Sie haben keine Kontrolle mehr über das Geheimnis. Die Folgen, die die Weiterverbreitung des Geheimnisses hat, sind unabsehbar. Dass Sie sich entlasten und mit jemandem austauschen wollen, ist angemessen. Aber überlegen Sie dabei auch: Was passiert mit der dritten Person, wenn sie in das Geheimnis miteingeweiht wird? Verschafft Ihnen das Ausplaudern wirklich Erleichterung, oder setzen Sie nur eine destruktive Entwicklung fort?

Also zurück zu 2) und 3):

2) Reden Sie mit dem Geheimnisträger. Konfrontieren Sie ihn damit, dass sie das Geheimnis nicht mehr mittragen wollen. Finden Sie eine gemeinsame Lösung oder wagen Sie den Bruch - aber dann offen! - der Verschwiegenheit.

3) Schaffen Sie sich ein Ventil und suchen Sie konstruktive Lösungen, indem Sie mit einem Profi reden. Ziehen Sie dann Konsequenzen.

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