Mut: Ich kann auch anders!

Dieser Satz hat Macht: Er kann ein ganzes Leben verändern. Er kann sehr verletztend sein. Er ist Ausdruck von Mut und Stärke.

"Du machst es doch sowieso nicht, also lass mich in Ruhe", antwortete ihr Mann, als Andrea* drohte, ihn nach zwölf Ehejahren zu verlassen. Das war der entscheidende Punkt. Das Protokoll eines Aufbruchs

Trauer: Deswegen trauert man so sehr um verstorbene Hunde

Das erste Ultimatum - 90 Prozent Bleiben, 10 Prozent Gehen Als ich das erste Mal zu Bernd sage: "Entweder du änderst dich, oder ich trenne mich von dir!", will ich ihn gar nicht verlassen. Eigentlich versuche ich damit nur, unsere Beziehung zu retten. Und weil ich so verzweifelt bin, fällt mir nichts anderes ein, als den Mann, mit dem ich seit über zwölf Jahren verheiratet bin, unter Druck zu setzen und ihm zu drohen. Seit Monaten fühle ich mich von ihm völlig im Stich gelassen: Ich bin für unsere Kinder zuständig, für den Haushalt, und alle wichtigen Entscheidungen, zum Beispiel in welchen Kindergarten und welche Schule Anton und Lena gehen sollen, muss ich allein treffen. Meinen Mann interessiert das alles nicht. Feiertage, Wochenenden, Geburtstage - ich mache Pläne, organisiere alles, kaufe die Geschenke, nur damit sein Leben möglichst unkompliziert und unbelastet bleibt. Bernd arbeitet in seiner Computerfirma und verdient das Geld - für ihn ist das mehr als genug Engagement. Morgens geht er früh, abends kommt er spät, und dann ist er meist so müde, dass er sich entweder gleich ins Bett oder vor den Fernseher legt. Die Kinder stören ihn dann nur, und zum Reden hat er auch keine Lust. Hundertmal habe ich versucht, ihn dazu zu bewegen, sich wenigstens ein bisschen am Familienleben zu beteiligen. Wenigstens am Wochenende mit den Kindern auf den Spielplatz zu gehen, einzukaufen oder ab und zu mal einen Ausflug mit uns zu machen. Mehr will ich ja gar nicht. Aber da kann ich bitten und betteln, laut werden und ihm Vorwürfe machen - es nützt alles nichts. Die Familie ist einzig und allein mein Job. Irgendwann fällt mir nichts anderes mehr ein, als ihn vor die Wahl zu stellen und ihm mit der Trennung zu drohen. Und von einem Moment auf den anderen scheint Bernd aufzuwachen. Er schaut mich fassungslos an, fängt sogar an zu weinen und sagt: "Das kannst du nicht machen. Wir kriegen das alles wieder hin." Ich habe ein richtig schlechtes Gewissen, weil es ihm wegen mir so mies geht. Am nächsten Tag hat Bernd Kinokarten und einen Babysitter fürs Wochenende besorgt. Er repariert Antons Fahrrad, renoviert endlich unser Schlafzimmer, kommt früher nach Hause und spielt Memory mit den Kindern. Er hat Recht: Wir kriegen das wieder hin.

Das zweite Ultimatum - 70 Prozent Bleiben, 30 Prozent Gehen Langsam, aber sicher schleichen sich die alten Gewohnheiten wieder ein. Die Aufmerksamkeiten von Bernd werden weniger, seine Hilfe im Haushalt auch, und ein halbes Jahr später ist alles beim Alten: Bernd arbeitet Tag und Nacht, ich manage den Alltag und den Rest der Familie. Trotzdem hat sich etwas in mir verändert: Manchmal schwirrt mir der Gedanke durch den Kopf, was wäre, wenn ich Bernd wirklich verließe. Unsere Kinder sind aus dem Gröbsten raus, und ich kann doch mehr als Hausfrau und Mutter sein. Ich könnte mir einen Job suchen. Aber so schnell mir der Gedanke kommt, so schnell wische ich ihn auch wieder weg. Wer würde mich schon einstellen? Wer soll sich um die Kinder kümmern? Und wie sollte ich ganz ohne Job als Alleinerziehende finanziell klarkommen? Außerdem kann ich nicht so egoistisch sein. Zu einer Familie gehören nun mal Mutter, Vater und Kinder. Und ich habe immer von so einer heilen Familie geträumt. Meine eigene Freiheit war mir dagegen nie besonders wichtig. Und auch gar nicht vorgesehen in meinem Lebensplan. Als Bernd und ich geheiratet haben, war ich ganz sicher, wir würden gemeinsam alt werden. Wir passten ja auch prima zusammen: ich die Quirlige, die die Stimmung macht, er der ruhige Typ, auf den man sich hundertprozentig verlassen kann. Wie selbstverständlich habe ich damals meinen Job als Sekretärin aufgegeben, Bernd war der Meinung, Geld verdienen sei Männersache. Und lange habe ich das genauso gesehen. Aber mittlerweile sehne ich mich nach ein bisschen Abwechslung und vor allem nach Selbstbestätigung. Bernd interessiert das überhaupt nicht. Er ist nicht bereit, von seiner Vorstellung der perfekten Familie auch nur einen Millimeter abzurücken. Aber ich kann meine Wünsche nicht mehr länger verleugnen. Ich will es auch gar nicht, denn sie weiterhin zu unterdrücken quält mich. Und trotzdem fehlt mir der Mut zur letzten Konsequenz. Also drohe ich ihm wieder mit der Trennung. Weil es meine einzige Möglichkeit ist. Und auch diesmal beschwört er mich, ihn nicht zu verlassen. Er könne ohne mich nicht leben, sagt er. Er bringt mir Blumen mit, jeden Abend einen neuen Strauß, geht mit den Kindern ins Schwimmbad und ins Kino, und endlich haben wir auch mal wieder richtig guten Sex.

Ein Schritt zurück - 10 Prozent Gehen, 90 Prozent bleiben Seine guten Vorsätze halten diesmal genau zwei Monate. Auf dem Sofa zu liegen und sich von vorn bis hinten bedienen zu lassen, scheint für Bernd doch die bessere Alternative zum Engagement für seine Familie zu sein. Offensichtlich kann er tatsächlich nicht ohne mich leben. Er meint das nur leider völlig anders als ich. Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich ein Leben ohne ihn im Kopf durchspiele - eine kleine Wohnung, nur ich mit den Kindern, vielleicht ein Halbtagsjob. Aber ich merke, dass diese Gedanken sofort Panik in mir auslösen. Ich werde es ohne die Unterstützung meines Ehemannes garantiert niemals schaffen. Irgendwann erzähle ich meinen Freundinnen davon. "Willst du wirklich deinen Kindern den Vater wegnehmen?", fragt mich die eine. "Und wovon willst du bitte leben? Du bist seit zwölf Jahren aus dem Job. Und mit zwei Kindern etwas Neues finden...", sagt die andere. Sie haben ja Recht. Es geht nicht. Ich kann es nicht.

Der letzte Versuch - 80 Prozent Gehen, 20 Prozent Bleiben Ich gebe mir wirklich jede Mühe, damit alles endlich wieder so wird wie früher. Wir haben uns doch irgendwann mal ineinander verliebt. Bernd fand mich schön und sexy, sagte, für ihn ginge jedes Mal die Sonne auf, wenn er mich sehe. Ich will unsere Zweisamkeit und diese Gefühle, die wir füreinander hatten, wieder zurück. Aber je verzweifelter ich um unsere Ehe kämpfe, desto hartnäckiger meldet sich auch mein Wunsch, zu gehen. Ich stelle Bernd bestimmt noch fünf Ultimaten in immer kürzeren Abständen, um ihn aus seiner Lethargie zu reißen. Doch was zweimal funktioniert hat, nutzt sich immer mehr ab, am Ende sagt er auf mein ". . . sonst verlasse ich dich" zu mir: "Geht das schon wieder los? Du machst es doch sowieso nicht, also lass mich bitte in Ruhe." Das ist der Punkt, an dem ich es spüre. Trotz und Wut steigen in mir auf. Doch! Ich werde es tun. Von meiner Liebe für Bernd ist nichts mehr übrig. Als Lena in die Schule kommt, wird mir bewusst, wie schnell die Zeit vergeht und wie schnell auch mein Leben vergeht. Die Vorstellung, weiter mit Bernd zusammen zu sein, macht mir mittlerweile mehr Angst als die, ohne Geld dazustehen. Frei und allein zu sein fühlt sich plötzlich richtig gut an. Und außerdem: Bin ich nicht eigentlich schon seit Jahren allein? Bernd und ich haben uns doch längst Lichtjahre voneinander entfernt.

Die Konsequenz - 100 Prozent Gehen Es ist ein Abend wie jeder andere. Bernd kommt nach Hause, spät und übermüdet. Ich versperre ihm den Weg ins Wohnzimmer und sage: "Ich verlasse dich." Ich bin ganz ruhig. Bernd muss lachen, aber seine Überheblichkeit bleibt ihm im Hals stecken, als er mir ins Gesicht sieht. "Bitte, lass uns reden", fleht er mich an. Ich sehe ihm an, dass er nicht glauben will, was ich ihm sage. Nicht glauben kann. Nie hat er damit gerechnet, dass ich meine Drohung wahr machen würde. "Nein", antworte ich. Ich bin überrascht, wie leicht das ist. Ich bin fest entschlossen. Ich verlasse meinen Mann, ich habe keine Zweifel mehr.

Danach Die Trennung von Andrea und Bernd liegt drei Jahre zurück. Die ersten Monate waren hart für Andrea, weil sie kaum Geld hatte. Trotzdem, sagt sie, sei sie so glücklich wie nie zuvor gewesen. Die Kinder sehen ihren Vater regelmäßig, Andrea hat inzwischen einen Job als kaufmännische Angestellte. Noch heute ist sie immer wieder von sich selbst überrascht - weil sie damals den Mut hatte, den Schritt in die Freiheit wirklich zu wagen.

* Alle Namen wurden von der Redaktion geändert

Prokokoll: Ulrike Hilgenberg BRIGITTE Heft 12/2006
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