Mut zum Leben

Auf Dauer im Alltagstrott zu verharren, kann zu einer echten Krise führen: Lebenscoach Tom Diesbrock erklärt, warum Veränderungen so wichtig sind.

Diplom-Psychologe Tom Diesbrock (42) ist seit zehn Jahren als Coach, Supervisor und Trainer in Hamburg tätig.

Brigitte.de: Wenn heut zu Tage von der Zukunft die Rede ist, geht es meist um Ängste und Sicherheiten, wie zum Beispiel bei den Themen Arbeitsplatz und Rente. Mutig sein im Leben, ohne unvorsichtig zu werden - glauben Sie, dass wir das viel zu selten sind?

Tom Diesbrock: Ja! So wichtig es ist, für die eigene Sicherheit zu sorgen - sobald ich nicht einer unmittelbaren Bedrohung ausgesetzt bin, also der Säbelzahntiger vor mir steht, kann ich eigentlich immer etwas Neues wagen. Heute haben wir objektiv so viel Sicherheit wie noch nie zuvor. Trotzdem glauben wir, vor uns stünde der Säbelzahntiger. Kennzeichnend für unsere Gesellschaft ist ein Phänomen, das in der Psychologie als "gelernte Hilflosigkeit" bezeichnet wird: Jede Schwierigkeit, mit der wir konfrontiert werden, schätzen wir umgehend als bedrohlich für unsere Existenz ein. Wenn ich eine Situation als so bedrohlich empfinde, treten archaische Stressmechanismen in Aktion: Ich bekomme den Tunnelblick und sehe meine Möglichkeiten nicht mehr.

Brigitte.de: Wenn uns Veränderungen so schwer fallen, was bedeutet es dann, mutig zu sein?

Tom Diesbrock: Bevor ich etwas ändere, sollte ich mich fragen: Was ist mir wichtig im Leben, was entspricht meinen persönlichen Werten? Das klingt banal, wird aber von den wenigsten Menschen gelebt. Wir orientieren uns zu sehr an Instant-Lebensläufen, will sagen: Sind viel zu sehr damit beschäftigt, bestimmte Lebensmodelle zu erfüllen. Mut heißt für mich deswegen vor allem, die eigene Persönlichkeit dagegenzustellen und sich zu überlegen, was für mich selbst von Bedeutung ist.

Brigitte.de: Für die meisten Menschen hat der Job einen hohen Stellenwert, dabei sind viele unzufrieden mit ihrer beruflichen Situation. Wie merke ich, dass es an der Zeit ist, daran etwas zu ändern?

Tom Diesbrock: Ich frage meine Klienten gern, ob sie ihren aktuellen Job auch noch mit 65 machen wollen. Wenn sie entsetzt ihre Augen aufreißen und "Nein!" rufen, dann sollten sie etwas ändern. Was viele Menschen nicht wahrhaben wollen: Der Job ist nicht mehr fix, ich muss - auch als Angestellter - permanent Eigenmanagement und Selbstmarketing betreiben. Jeder, der einen Job hat, sollte sich also wie ein Selbstständiger verhalten. Zum Beispiel kann ich einen eigenen Karriereplan aufstellen, in dem Aspekte wie die Entwicklung meiner Fähigkeiten und Kenntnisse, aber auch Visionen und Träume sowie die Entwicklung der Branche, in der ich arbeite, eine Rolle spielen. Auf Basis dieses Plans sollte ich immer wieder überlegen, wo ich etwas verändern möchte - nicht nur, wenn mir der Job richtig stinkt.

Brigitte.de: Das klingt in der Theorie gut, in der Praxis ist es aber nicht so leicht, Änderungswünsche im beruflichen Umfeld durchzusetzen. Angenommen, ich habe meinem Chef einen Vorschlag unterbreitet, den er ablehnt - wie gehe ich mit diesem Rückschlag um?

Tom Diesbrock: Wenn ich Spielraum für weitere Verhandlungen habe, sollte ich vermeiden, aus der Defensive heraus zu argumentieren. Das heißt, ich sollte mit anderen über das Problem sprechen, und mithilfe der zusätzlichen Informationen - von den Außenstehenden und aus dem negativ verlaufenen ersten Gespräch mit dem Vorgesetzten - einen neuen Vorschlag erarbeiten. Gehen Sie mit dem Chef um wie mit einem Kunden: Ihre Idee ist ein neues Produkt, für das Sie nun eine veränderte Strategie entwerfen müssen.

Brigitte.de: Kommen wir zum Thema Liebe. Weshalb ist es für dauerhaftes Beziehungsglück wichtig, auch mal etwas Neues zu wagen?

Tom Diesbrock: Viele Menschen neigen dazu, die Neugier auf den anderen zu verlernen. Das ist gefährlich für Partnerschaften. Am längsten halten Beziehungen, in denen die Partner immer wieder etwas Neues aneinander entdecken.

Brigitte.de: Wie könnte so eine Neuentdeckung aussehen?

Tom Diesbrock: Das "System Beziehung" muss in Bewegung bleiben, es gibt keine pauschale Strategie. Es geht darum, im Vertrauten das Fremde zu entdecken, denn das nur Vertraute ist langweilig. Partner, die viel gemeinsam machen, sollten sich eigene Projekte überlegen, und Paare, die wenige Aktivitäten teilen, können etwas Gemeinsames angehen. Das kann zum Beispiel ein Hobby sein, oder auch eine Reise in ein unbekanntes Land. Außerdem wichtig: Im Gespräch bleiben, und einander wirklich zuhören. Sich der Unzufriedenheit zu stellen und den Mut zu haben, sich zu sagen "wir müssen etwas ändern", ist übrigens schon die halbe Miete.

Brigitte.de: Mit welcher Strategie können Singles mehr Mut zu einer Beziehung bekommen?

Tom Diesbrock: Ein Aspekt erscheint mir hier besonders wichtig: das Bild, das ich von mir habe. Ich erlebe immer wieder in Gesprächen mit Klienten und Bekannten, dass sie denken 'ich kriege keinen ab, weil ich zu unsportlich, zu klein, zu dick bin', und glauben, sie müssten dies oder jenes tun, um gefallen zu können - worauf sie aber keine Lust haben. Die Konsequenz: Sie richten sich so im eigenen Leben ein, dass für jemand anderen eigentlich kein Platz mehr ist. Diesen Mechanismus sollte man sich erstmal klar machen.

Brigitte.de: Gibt es Situationen, wo Mut zu Neuem keine so gute Idee ist?

Tom Diesbrock: Wenn er aus dem Affekt kommt, wenn ich also zum Beispiel spontan meinem Chef eine reinhauen oder meine Beziehung beenden möchte, aus dem Gefühl heraus 'jetzt mache ich mal was richtig Dolles'. Veränderung ist Arbeit, die Zeit braucht, mit einem "Chaka!" ist es nicht getan.

Brigitte.de: Aber ohne Veränderung geht es im Leben nicht?

Tom Diesbrock: Wir sind ständig Mini-Krisen ausgesetzt. Wenn ich sie wahrnehme und anpacke, lebe ich in einem gesunden Prozess von Wachstum und Änderung. Ignoriere ich dagegen die kleinen Krisen des Alltags, kommt es irgendwann zu einer tiefen Krise. Permanente kleine Veränderungen sind wichtig, und dann brauche ich auch keine großen - das gilt für den Job wie für die Liebe.

Interview: Wiebke Peters Foto: privat
Themen in diesem Artikel