VG-Wort Pixel

Neue Spiritualität So funktioniert der Trend

Neue Spiritualität: Frau meditiert
© Microgen / Shutterstock
Von Astrologie, Meditation bis zum Schamanen-Retreat: Der Trend der neuen Spiritualität wächst immer machtvoller an. Was genau suchen wir da eigentlich – und kann es uns wirklich helfen? Unsere Autorin hat sich auf den Weg gemacht. 

Einmal im Monat treffen wir uns bei Claudia, zum Neumond. Wir sitzen um eine Art Jahreszeiten-Altar mit Muscheln, Heilsteinen, Kerzen und Blumen. Nach einem Räucher-Ritual erklärt uns Claudia die Planetenkonstellationen und was das für uns astrologisch bedeutet. Bei mir sagt sie: "Finanzen". Ob es vielleicht ungelöste finanzielle Angelegenheiten in meinem Leben gebe, fragt sie. Schade – bei unserem letzten Treffen standen die Planeten im fünften Haus, das steht für Leichtigkeit, Kreativität und Flirten, das war mir lieber. Doch der Kosmos bleibt nicht stehen, alles ist im Fluss, wir auch.

Der Wink mit dem spirituellen Zaunpfahl macht bei mir durchaus Sinn. Nur zu gern lasse ich mich von allem ablenken, was zur harten Währung des Lebens gehört: Rechnungen, Versicherungen, Altersabsicherung? Glanzlos, öde. So was blendet mein luftiger Wassermann-Geist gern aus. Umso erstaunlicher, dass es gerade die Sterne sind, die mich an den Ernst des Lebens erinnern. Und dass mich ihre Botschaft stärker erreicht als jeder "Finanztest"-Artikel.

Wiederentdeckung alter Rituale 

Das scheint auch anderen so zu gehen. Schon seit Jahren wächst der Trend der neuen Spiritualität immer machtvoller an. Die Hälfte der Befragten glaubt einer Umfrage des Meinungsforschungs-Instituts YouGov zufolge an Schutzengel, ein Drittel an Hellseher, ebenso viele würden einen Heiler oder eine Heilerin zurate ziehen. Der Yoga- und Meditations-Boom gehört da ebenso rein wie die Wiederentdeckung alter Rituale, das Ausräuchern schlechter Energien mit Kräuterbündeln oder das Zelebrieren der Raunächte. Wir lassen uns Horoskope erstellen, bringen mit Reiki und anderen alternativen Heilmethoden den Energiefluss in den Körper-Chakren wieder ins Lot, pilgern zu Kraftquellen der Natur oder tragen Heilsteine bei uns. Aber was genau suchen wir da eigentlich?

Um es auf den Punkt zu bringen: mehr Sinn und Halt in einer Welt, die immer komplizierter und schneller wird. Die kirchlichen Religionen holen viele nicht mehr ab. Zu starr und dogmatisch ist ihre Sicht auf die Dinge, zu schockierend die Missbrauchsskandale. Besitz und Leistung, für die Nachkriegsgeneration noch Lebenszweck, sind auch nicht dauerhaft befriedigend – wie man an der wachsenden Zahl von Burn-outs und psychischen Erkrankungen sehen kann. Nimmt man dazu die vielen schlechten Nachrichten, globale Krisen wie Pandemie und Klimawandel, kann man sagen: Damit muss man ohne Glaubens-Trostpflaster erst mal klarkommen.

Was soll man diesem Berg an schlechter Energie entgegensetzen? Ich selbst landete mit dieser Frage im Hinterkopf bei der Meditation. Und merkte: Sie tut mir gut. Weil es manchmal reicht, einfach still zu sitzen und zu atmen, um sich wieder ganz zu fühlen. Energie fließt, die vorher blockiert war, Körper, Geist und Seele finden wieder in Einklang. Macht man diese Erfahrung häufiger, ist es auf einmal da – dieses Gefühl, dass es da noch etwas anderes gibt, etwas, was größer ist als man selbst. Mit beseeltem Blick geht man aus dem Kurs, guckt in andere leuchtende Augen, fühlt sich für den Moment völlig vollkommen und weiß: Dieses Gefühl will ich öfter.

"Lass los, der Kosmos wird schon für dich sorgen."

Meditation, Achtsamkeitsseminare oder Yoga sind für viele der Einstieg zur Spiritualität. Und ist die erste Hürde genommen, ist der Übergang fließend. Denn der Überbau ist oft ähnlich: Meist geht es um den Energiefluss, der uns mit dem Universum verbindet. "Lass los, der Kosmos wird schon für dich sorgen." Ist diese Idee nicht viel beruhigender und zeitgemäßer als die vom lieben, aber auch strafenden Gott? Also bitte mehr davon: Könnte man nicht mal einen Kurs in Aura-Sehen belegen? Oder gleich im schamanischen Retreat buchen?

Auch einstige Nischen-Branchen profitieren von dem Trend. Die "BeWitch"-Heilzauber- Packs aus dem Hexenladen "Practical Magic" im schicken Hamburg-Eppendorf sind jedenfalls ausverkauft, wann immer ich auf die Online-Seite gehe. Was man damit tun kann, verraten die Produktnamen: "Partner finden", "Blockaden auflösen", "Geld anziehen" oder "Beruf verändern". Hex, hex, einfach kaufen, und alles wird gut? So einfach ist es leider nicht. "Ein Ritual ist ein energetischer Handlungsablauf, der beim Erreichen persönlicher Ziele unterstützt. Denn wohin wir unsere Aufmerksamkeit lenken, dahin fließt die Energie", erklärt Besitzerin Meike Menzel.

"Magische Handlungen funktionieren im Prinzip wie ein Hebel. Man setzt mit ein wenig Energie an und mithilfe der kosmischen Gesetze gerät viel Energie in Bewegung. Und zwar genau in die Richtung, die den persönlichen Zielen förderlich ist." Rituale können also keine Wunder vollbringen, sondern lediglich den eigenen Wünschen einen Schub geben. Daher sieht sich Menzel nicht als Zauberin, sondern als Unterstützerin von Menschen in schwierigen Lebenslagen. Sie selbst war in ihrem früheren Leben Multimediadesignerin. Nach einer schlimmen Trennung erinnerte sie sich an das, was ihre Oma ihr vorgelebt hatte. Die half im Zweiten Weltkrieg Soldaten mit psychischen Problemen und vererbte Enkelin Meike ihr altes Wissen, etwa über Kräuter und Düfte. Zu 90 Prozent kommen übrigens Frauen in den Laden der Hamburger "Vollzeit-Hexe", wie sie sich selbst nennt. Und auch in unserer Neumond-Gruppe gibt es keinen einzigen Mann.

Spiritualität als Möglichkeit der Selbstfindung

Warum das so ist? "Das hat stark mit der Individualisierung zu tun, die in der westlichen Welt stattgefunden hat. Wir feiern nicht mehr das Gemeinwohl, sondern die eigenen Bedürfnisse. Männer konnten das über Statussymbole, über die Verwirklichung in ihrer Karriere tun, während Frauen dieser Weg lange verschlossen bleib. Der spirituelle Bereich eröffnete auch ihnen Möglichkeiten zu erfahren, wer sie eigentlich sind und was sie in dieser Welt möchten", sagt Victoria Hegner, Professorin am Institut für Kulturanthropologie der Universität Göttingen. Dass es besonders oft Frauen in der Mitte des Lebens sind, die sich dahin wenden, liegt für Kai Funkschmidt, Esoterik-Experte an der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, darin, dass sie schon so einige "Ohnmachtserfahrungen" in der rein rationalen Welt gemacht hätten. Ob schmerzliches Kopfstoßen an der gläsernen Job-Decke oder Verlassenwerden für eine Jüngere, solche Erfahrungen geben dem "klassischen" Weg, der als frustrierend empfunden wird, oft eine neue Richtung. Man wendet sich verheißungsvolleren Bereichen der Weltdeutung zu als den herkömmlichen.

Auch bei Claudia Hohlweg, der Gründerin unseres spirituellen Salons, gab es diesen Wandel. In ihrem ersten Job-Leben als Führungskraft bei einem Zeitschriftenverlag ging es zwar viel um Kreativität, aber immer stärker um Bilanzen. Irgendwann sah sie ihre Werte in Gefahr, Kündigungswellen wollte sie nicht mittragen. Dazu kam das Gefühl, dass sie "nur noch funktionierte". Erst ein Sabbatical in Asien brachte die Wende: "Die Welt hat wieder geschmeckt, gerochen, war farbig – ich war auf einmal wieder ganz bei mir." Sie kündigte und merkte erst danach, dass da ja noch etwas anderes war. Eine Tür, die schon einmal halb geöffnet war, sich aber durch Alltagszwänge fast geschlossen hatte: ihre Faszination für die Sterne. "Auf einmal war da der Gedanke: Jetzt kann ich endlich! Jetzt habe ich auch die Reife, um als Astrologin die Leute zu verstehen, um sie da abzuholen, wo sie es brauchen. Das war für mich ein echter Moment der Erleuchtung." 

Claudia Hohlweg absolvierte ein Astrologie-Studium und machte sich als Beraterin selbstständig. 2017 ging ihre Website "Blumoon Astrologie" online. Mit riesigem Erfolg – gerade in der Corona-Krise explodierten die Anfragen. Vielleicht ist es das Paket aus alldem, was ihr auf ihrem Weg begegnet ist, von Buddhismus bis Psychodrama, das ihren Klientinnen so ein gutes Gefühl gibt. Und ganz sicher auch der "Hunger nach der nicht realen Welt, dem alten spirituellen Wissen, der Magie, dem Okkulten", den sie schon als Kind verspürte. "Meine Mutter sagte immer: Du bist schon so eine Spöken-kiekerin."

Angst vor "Spinnern"?

Das war sicher liebevoll gemeint, doch nicht immer wird Menschen, die sich der Spiritualität öffnen, mit Verständnis begegnet. "Spinner" ist noch eins der netteren Worte, wenn sich jemand Bereichen zuwendet, die nicht wissenschaftlich untermauert sind. Dahinter steckt oft eine uralte Angst. Denn mit Hexen oder Zauberern verbindet der Volksglaube gemeinhin nichts Positives. Schon in Märchen übernahmen sie meist die Rolle des Bösen. Wer ist sonst schon so grausam, kleine Kinder in einen Backofen zu stecken, wie die bucklige Alte in "Hänsel und Gretel"? Auch Meike Menzel kennt die gemischten Gefühle, mit denen einige Kunden in ihren Laden kommen. Deshalb gibt es auf der einen Seite nur Duftöle oder -kerzen für Einsteiger:innen, auf der anderen den Stoff für Fortgeschrittene. So können Interessierte sich herantasten und merken: Hier geht es nicht um dunkle Magie, sondern darum, unerfüllten Wünschen oder negativen Glaubenssätzen mit ein bisschen Nachhilfe zu begegnen.

Natürlich gibt es auch schwarze Schafe, die den Trend nutzen, um damit Geld zu scheffeln. Ob ein Heiler wirklich besondere Fähigkeiten hat und sie dazu nutzen will, Mitmenschen zu helfen, ist nicht immer leicht herauszufinden. Bevor man also viel Geld in fragwürdige Veranstaltungen investiert, lohnt sich immer die Recherche im Internet oder eine persönliche Empfehlung. "Aber das ist ein generelles Problem jeder Form von Gruppengefügen mit einer bestimmten Weltanschauung", sagt Victoria Hegner. "Wenn man in einigen Ländern aus der katholischen Kirche austreten will, dann ist das der soziale Tod. Das unterscheidet sich in nichts von Sekten wie Scientology. Auch in spirituelle Gemeinschaften sollte man also nur gut informiert hineingehen." Ich selbst habe mir den spirituellen Streamingdienst "Gaia" abonniert. Aus dem Sammelsurium an Dokumentationen und Anleitungen kann sich dort jede ihr eigenes Päckchen schnüren. Mit der Zeit merkt man schon, wo die eigenen Grenzen verlaufen. Bei Ufos und Alien-Sichtungen sind sie bei mir zum Beispiel erreicht.

Und auch wenn die Astrologie nicht meine „Lieblingsdisziplin“ ist, liebe ich die Neumond-Abende bei Claudia. Sie bringen mit ihren Ritualen etwas Feierliches, Verbindendes in den grauen Alltag, und ich vermute, dass es den anderen hier ähnlich geht. Eine Steuerberaterin ist dabei, eine Bankerin, eine Yoga-Lehrerin, alles ziemlich normale Frauen zwischen Mitte 20 und Mitte 50. Victoria Hegner, die über moderne Hexen habilitierte, weiß um die Faszination der Bewegung gerade auf junge Frauen: "Die junge Hexenreligion, die auf die Hippie-Bewegung der 60er-Jahre in den USA zurückgeht, ist spirituell und gleichzeitig hoch politisiert. Da geht es um Ökologie, um Feminismus, um die Freiheit der Sexualität. Das spricht auch jüngere Leute an." Hätte ich mich mit 20 in einen Neumond-Zirkel begeben? Ich glaube nicht. Damals gehörte all das noch in die Schublade "durchgeknallt". Erst Stress, chronische Krankheitssymptome und das Gefühl, meinem Leben ein besseres Fundament geben zu wollen, brachten mich zum Yoga, zur asiatischen Heilkunst Jin Shin Jyutsu und schließlich zur Meditation. All das schenkt mir eine Verwurzelung, ein Gefühl von Sinnhaftigkeit und Zugehörigkeit, das mir keiner mehr nehmen kann. Denn das ist ja das Schöne am spirituellen Weg: Hat man ihn erst mal beschritten, kann einen keine noch so große Alltagskrise, kein Jobverlust, keine Trennung, wieder runterschubsen.

Auch unser Neumond-Zirkel endet meistens mit einer gemeinsamen Meditation. Danach wird gelacht, erzählt, Wein getrunken. Nein, wir sind keine Hexen, keine nordischen Göttinnen und auch keine Engelswesen. Wir sind einfach nur ein bisschen mehr mit der Welt und mit uns selbst verbunden.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Persönlichkeits-Forum" der BRIGITTE-Community vorbei!

Holt euch die BRIGITTE-WOMAN als Abo - mit vielen Vorteilen. Hier könnt ihr sie direkt bestellen.

BRIGITTE WOMAN 06/2021 Brigitte

Mehr zum Thema