Neues Leben, einfach abhauen?

Was, wenn ich alles hinter mir lasse? Werde ich dann glücklicher sein? Wie es ist, einfach abzuhauen.

"Ich füttere meinen Mann nicht länger durch": Jahrelang nur leere Versprechungen - er würde sich einen Job suchen, Geld verdienen, sie unterstützen. Nichts passierte. Dann kam sein Hartz-IV-Bescheid.

Wissenschaft deckt auf: Das haben beste Freundinnen gemeinsam

1997

Bernd und ich lernen uns im Internet kennen. Nach vier Wochen und vielen E-Mails treffen wir uns zum ersten Mal, in einem Café. Bernd hat eine schöne Stimme und sanfte Augen - ich bin sofort hin und weg. Drei Monate später heiraten wir. Es ist mehr als Verliebtheit, es ist die große Liebe. Ich denke "Für immer und ewig" und übersehe erste Warnsignale. Auf unserer Hochzeit erzählt Bernd, wie er sich die Zukunft vorstellt: "Annika geht arbeiten. Ich spiele Computer und kümmere mich ums Kind."

1998

Wir sind Seelenverwandte. Ich weiß vorher, was Bernd sagen will, ihm geht es ähnlich: "Brauchst nichts zu sagen, ich weiß schon." Obwohl wir in verschiedenen Orten studieren, sehen wir uns fast täglich und schmieden Pläne. Ein eigenes kleines Haus wäre schön, mit ein paar Fremdenzimmern. Bernd ist von seinem Informatik-Studium genervt, lässt Vorlesungen und Klausuren ausfallen, und irgendwann nimmt er ein Urlaubssemester, um zu mir zu ziehen und mit dem Hausbau zu beginnen. Eigentlich wäre es mir ja lieber, wenn er zu Ende studieren würde, aber ich kann es kaum erwarten, mit ihm zusammen unsere Träume zu verwirklichen. Das Geld dafür kommt von mir: mein Erspartes, ein Bausparvertrag von meinen Eltern und ein Kredit, den ich aufnehme. Bernd kann finanziell nichts beisteuern. Dafür wird er umso tatkräftiger mit anpacken, beteuert er.

1999

Bernd verliert bereits nach kurzer Zeit das Interesse am Bauen. Von Seelenverwandtschaft keine Spur mehr. Ich muss dauernd auf ihn einreden, damit er an Termine mit Handwerkern denkt, oft muss mein Vater für ihn einspringen. Bernd hockt lieber am Computer. Er müsse noch etwas für die Arbeit erledigen, ist dann seine Ausrede. Immerhin hat er jetzt einen Job als System-Administrator, der uns über Wasser hält - meine Ersparnisse sind fast aufgebraucht. Auch meine Kräfte sind am Ende. Mein Studium muss ich unterbrechen, die Ärzte diagnostizieren eine "psychovegetative Erschöpfung". Eine Therapeutin, die ich frage, wie ich Bernd wieder zu dem Mann machen kann, in den ich mich verliebt habe, sagt freundlich, aber gnadenlos: "Vielleicht sollten Sie lieber bei sich anfangen." Was sie damit meint, verstehe ich erst viel später.

2002

Bernd verliert seinen Job, weil er sich mit seiner Chefin anlegt. Als ich ihn frage, wie er in unserer finanziellen Situation so blöd sein könne, den Job seinen Launen zu opfern, beschimpft er mich als "geldgeil". In diesem Augenblick zerbricht etwas in mir. Bernd bemerkt meine Bestürzung und verspricht, sich eine neue Arbeit zu suchen, doch ich habe Zweifel, dass das gelingen wird - er ist nach dem Urlaubssemester nie wieder an die Uni zurückgekehrt, er hat keinen Abschluss. Vom Computer aus verschickt er angeblich seine Bewerbungen. In Wirklichkeit spielt er Computerspiele und isst Gummibärchen. Damit ist er völlig ausgelastet. Ich vermiete die Fremdenzimmer in unserem neu gebauten Haus, kümmere mich um die Gäste und nehme einen zusätzlichen Nebenjob an. Ich versuche auch, wieder studieren zu gehen, aber abends ich bin oft so müde, dass ich nicht mal mehr ein Buch lesen kann. Wenn ich total verzweifelt tobe und weine, nimmt mich Bernd in den Arm, verspricht, sich zu bessern, und kauft mir irgendein kleines Geschenk. Dann schöpfe ich jedes Mal neue Hoffnung und denke, dass wir es vielleicht doch noch hinkriegen.

2003

Ich würde gern zu Ende studieren, endlich mal wieder richtig shoppen gehen oder einen kleinen Wochenendurlaub machen. Nichts davon ist möglich, weil ich nicht eine freie Minute für mich selbst habe. Ich werde immer unzufriedener. Bernds Beteuerungen glaube ich nicht mehr, ich habe vielmehr den Verdacht, dass er mit seiner Situation sehr zufrieden ist. Sogar das Angebot meiner Eltern, ihm eine Fortbildung zu finanzieren, ignoriert er einfach und hängt lieber weiter in Jogginghosen vor seinem PC. Vernünftig reden können wir schon lange nicht mehr. Unsere Kommunikation besteht aus Schuldzuweisungen und Vorwürfen in Endlosschleife. Von ihm loszukommen schaffe ich trotzdem nicht.

2004

Meine Liebe zu Bernd wird immer weniger. Dafür kümmere ich mich wieder mehr um mich selbst und mache, zwar mit Mühe, aber immerhin, einige Prüfungen an der Uni. Das gibt mir so viel Auftrieb, dass ich beginne, neue Pläne zu schmieden - ich könnte zum Beispiel endlich meine Diplomarbeit schreiben. Bernd registriert mein neues Selbstbewusstsein und fürchtet sofort um seine gemütliche Existenz. Eines Abends fleht er mich an, ich solle ihm doch noch eine Chance geben. Irgendwie tut er mir Leid, wie er da so völlig verzweifelt und weinend vor mir sitzt. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob ich mich auf einen weiteren Versuch einlassen soll. Hat er nicht tausendmal versprochen, dass alles anders werden würde? Habe ich nicht genug gekämpft und gehofft?

2005

Auch nach einem weiteren Jahr hat sich an Bernds Verhalten nichts geändert. Ich dagegen habe begriffen, dass er nicht mehr zwingend zu meinem Leben gehört. Ich will diesen dauernörgelnden, selbstmitleidigen Mann nicht mehr um mich haben. Dann kommt der Brief, und es steht fest, dass ich gesetzlich verpflichtet bin, weiter für Bernd zu zahlen, weil er unter die Hartz-IV-Regelung fällt. Da ist plötzlich alles klar. An einem kalten, verregneten Sonntagmorgen im März packe ich die nötigsten Dinge in eine kleine Tasche, steige ins Auto und fahre zu einer Freundin, bei der ich so lange bleibe, bis Bernd ausgezogen ist. Ich gehe einfach. Und es fällt mir nicht mal schwer.

Und jetzt?

Ich lebe wieder in unserem Haus, habe Bernds Zimmer renoviert und an einen Bekannten untervermietet. Ich habe mir neue Kleider gekauft, gehe wieder aus und flirte sogar mit anderen Männern. Eine Beziehung will ich aber so schnell nicht wieder. Ich bin froh, allein zu sein. Bernd und ich reden zwar wieder miteinander, aber nur darüber, wie wir unsere Sachen am besten aufteilen. Ich glaube nicht, dass es für uns beide noch eine Chance gibt. In meinem Leben ist erst mal nur noch Platz für mich selbst.

Protokoll: Ulrike Hilgenberg BRIGITTE 13/05
Themen in diesem Artikel