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Gewagtes Experiment Frau verzichtet eine Woche lang aufs Entschuldigen – und das ist passiert

Nicht entschuldigen: Eine Frau trägt eine Jacke mit der Aufschrift "not sorry"
© andersphoto / Shutterstock
Wer sich andauernd für irgendwelche Dinge entschuldigt, bringt damit oft die eigene Unsicherheit zum Ausdruck. Aber kann man es einfach so KOMPLETT abstellen? Die Autorin Erica Gerald Mason hat's eine Woche lang versucht – und dabei eine wichtige Erkenntnis gewonnen ...

Die meisten Menschen (besonders Frauen) rechtfertigen und entschuldigen sich gegenüber anderen viel häufiger, als sie müssten. Theoretisch sind Rechtfertigungen angebracht, wenn unser Handeln als ungerecht empfunden wird, Entschuldigungen wiederum vor allem, wenn wir jemanden verletzt haben. Dass wir uns oft auch in anderen Situationen erklären und entschuldigen, in denen es an sich gar nicht nötig wäre, ist häufig der Ausdruck einer übergroßen Angst, dass andere uns etwas übel nehmen oder nicht mögen könnten. Die wiederum ist eine Folge mangelnden Selbstbewusstseins – mit dem wohl fast alle Menschen so ihre Erfahrungen haben ...

Auch Redakteurin Erica Gerald Mason gehört nach eigenen Aussagen in dem Personenkreis derer, die sich ständig, d. h. wirklich viel zu oft, entschuldigen. Ein Beispiel: Einmal habe ihr eine Servicekraft im Restaurant Cola über die Klamotten gekippt, woraufhin Erica sich bei ihr dafür entschuldigte, dass sie um Extra-Servietten bat. Ja, genau. Um etwas gegen ihre Apologitis zu unternehmen, beschloss Erica, eine Woche lang komplett auf Entschuldigungen zu verzichten – quasi ein kalter Entzug. Im Online-Portal "Byrdie" schildert sie, wie es so lief.

Ruckliger Start

Nachdem sie beim ersten Versuch gleich am ersten Tag (natürlich einem Montag) gescheitert war (als sie im Supermarkt die Angestellte nach ihren Lieblingscornflakes fragte, entschuldigte sie sich mehrfach, sie in ihrer Arbeit zu unterbrechen), startete Erica Anlauf zwei an einem Sonntag – und erlebte die brenzligste Situation des Tages wieder beim Einkaufen: Ein Fehler in ihrer Supermarkt-App zwang sie, die Kassiererin zu Rate zu ziehen. "Ich unterdrückte meinen Drang mich zu entschuldigen und sagte: 'Hey, guten Morgen? Nachmittag? Ähm, ist die App kaputt? Ich kann nicht auf meine Kreditkarte zugreifen.'" Als die Angestellte ihr daraufhin vorschlug, einfach ihre physische Karte zu benutzen, falls sie sie dabei habe, sei es Erica noch schwerer gefallen sein, sich das "Sorry" zu verkneifen, doch sie schaffte es – und bedankte sich stattdessen mit dem Kommentar "wie peinlich" für die Geduld. Und die Kassiererin antwortete mit einem freundlichen Lächeln.  

Tag eins war damit geschafft. Und niemand war Erica böse.

Läuft bei Erica

Glücklicherweise brachte der darauffolgende Montag sie gar nicht erst in die Verlegenheit, sich entschuldigen zu wollen. Erst an Tag drei habe sich wieder eine Situation ergeben, in der sie sich normalerweise entschuldigt hätte: Ein Kollege sendete ihr einen Link, der nicht ans gewünschte Ziel, ein Webinar, führte. Statt sich wie üblich im Rahmen der Nachfrage für ihre Unaufmerksamkeit zu entschuldigen, textete sie ihm einfach kurz die Worte "der Zoom Link funktioniert nicht" und bekam binnen weniger Sekunden den korrekten Link begleitet von einem netten, lockeren Spruch. Wieder keine Katastrophe, wieder keine neu gewonnenen Feinde. Und die Hälfte des Experiments war damit schon fast erfolgreich überstanden. Doch dann kam Tag vier, der Mittwoch.

Berechtigte (?) Zweifel treten auf

Erica hatte an diesem Tag einen Call aus dem Homeoffice. Erst brach die Verbindung dreimal ab, dann gingen ihre Nachbarn mit den Hunden raus und es wurde: SO. RICHTIG. LAUT. 

  • Wie bitte?
  • Danke für Ihr Verständnis!
  • Waaaas?
  • Danke für Ihr Verständnis?
  • Wollen wir den Termin verschieben?
  • Was haben Sie gesagt?
  • Wollen wir den Termin verschieben?
  • Ja, okay, tschüß.
  • Wann wollen wir denn ...

Man kann sich die Situation wohl vorstellen – und nachempfinden, wie schwer es Erica gefallen sein muss, sich dafür nicht zu entschuldigen. Doch sie blieb "clean". Auch wenn sie am Ende des Tages das Gefühl nicht losließ, dass eine Entschuldigung angebracht gewesen wäre ...

Ein Grund stolz zu sein

Der Donnerstag stellte Erica dann vor eine Herausforderung im Bekanntenkreis: Eine Facebook-Freundin hatte ein Meme gepostet, in dem sie die Hoffnung äußerte, nach all den Ereignissen und Protesten für Veränderungen hin zu einer faireren Welt (Black Lives Matter) bald wieder zur Normalität zurückkehren zu können. Erica konfrontierte sie und schrieb ihr, dass für sie (als schwarze Frau) etwas anderes normal sei als für die Bekannte – ohne sich zu entschuldigen. Ihre Facebook-Freundin reagierte mit einer einsichtigen privaten Nachricht an Erica – die Tag fünf ihres Experiments mit einem stolzen Gefühl erfolgreich abhakte.

Eine wichtige Erkenntnis

Am Freitag erhielt Erica eine Nachricht, die sie ihr Experiment für einen Moment vergessen ließ: Ein entferntes Familienmitglied war in Kontakt mit dem Coronavirus gekommen und hatte kurz darauf ihre direkten Verwandten, etwa ihre Eltern, getroffen. Am Telefon mit ihrer Mutter sagte Erica: "Es tut mir Leid, dass du dir deswegen Sorgen machen musst. Meide Kontakte, bis er sein Ergebnis hat. Und melde dich bei mir, wenn du dich krank fühlst, okay?"

Erst nach dem Auflegen habe Erica realisiert, dass sie mit diesem "Es tut mir Leid" streng genommen rückfällig geworden war – doch erkannte auch, dass sie in diesem Fall eine andere Art der Entschuldigung ausgesprochen hatte. Es war keine Entschuldigung, mit der sie sich selbst klein machte und um Sympathie warb – sondern eine, mit der sie ihre Sympathie und ihr Mitgefühl mit ihrer Mutter ausdrückte. "In einem persönlichen Kampf können wir mit einem 'tut mir Leid' Empathie signalisieren und dem Gegenüber mitteilen 'Ich sehe deinen Schmerz und hasse ihn für dich'", formuliert es die Autorin. Es sei denn, wir werfen so mit "tut mir Leids" und Entschuldigungen um uns, dass die Worte ihre Bedeutung verlieren – und wir sie in den wichtigen Momenten gar nicht mehr richtig fühlen können.

sus

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