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Nicht mehr sprechen, nur noch mailen


Es wird viel zu viel unqualifiziertes Zeug geredet, findet Nikola Haaks und begeht die Lieblingssünde: nicht mehr sprechen, nur noch mailen.

Ich habe aufgehört zu reden. Ich rede nur noch ein paar belanglose Sachen, um die man nicht herumkommt, mit meinen Kollegen und dem Nachbarn. Ansonsten habe ich meine Kommunikation auf E-Mail und SMS verlegt. Im Job und im Privaten. Das findet meine Mutter ganz grausam. Sie sieht darin den Untergang der Gesprächskultur des Abendlandes. Zwei, drei Kommunikationsforscher bestimmt auch. Ich dagegen sehe darin die Offenbarung. Denn es wird viel zu viel unqualifiziertes und somit überflüssiges Zeug geredet. Ich habe das Gefühl, dass zwei Drittel meiner Lebens- Energie durch den Akt des sinnlosen Sprechens verbraucht werden.

Schreiben macht alles leichter

Nehmen wir den Job: Ich bekomme in Auftrag gegebene Texte von freien Autoren geliefert, die a) bestenfalls sofort druckbar sind oder b) noch so bearbeitet werden müssen, dass sie anschließend druckbar sind. Meistens sieht die Autorin das in Fall b) allerdings deutlich anders. Ich könnte sie jetzt anrufen, um ihr zu sagen, dass ich Teile des Textes nicht gut finde. Sie ist wahrscheinlich gerade auf dem Sprung zur Kita, oder der Mann, der die defekte Waschmaschine reparieren will, klingelt soeben. Bestenfalls klingelt niemand, aber die Autorin trifft völlig unvorbereitet auf meine Kritik und konfrontiert mich mit Gedanken, die ich schon dreimal durchdacht und verworfen habe. Schreibe ich ihr eine E-Mail, kann sie den Unmut sacken lassen und mir beim folgenden Gespräch mit Nobelpreis-verdächtigen Änderungsvorschlägen begegnen.

Es wird allerdings behauptet, dass es Dinge zwischen zwei sich nahe stehenden Menschen gibt, die nur im persönlichen Gespräch zu klären sind. Verraten Sie mir, welche? Das Eheversprechen vielleicht. Alles andere geht auch anders. Ein handfester Meinungsaustausch mit dem Liebsten per E-Mail oder SMS erspart Frauen wie mir, dass sie sich um Kopf und Kragen reden, während der andere schweigend und "dackelblickig" dasitzt. Man ist dazu gezwungen, Gefühle und Gedanken dezidiert auf den Punkt zu bringen. Kein: "Äh nee, ich weiß auch nicht so richtig ..." Eine schriftliche Ansage, und man kann sich aus der Nummer nicht mehr rausreden. Ich habe so schon komplizierteste Liebesgeschichten in eine klare Richtung gelenkt. Manchmal auch zum Ende.

Smileys - ja oder nein

Ein genereller Streitpunkt ist die Verwendung von Emoticons. Es gibt regelrechte Verweigerer ("Mit jemandem der :-) verschickt, will ich nichts zu tun haben") und Heavy-User (;-#*):-0((). Ich war jahrelang Verweigerer, musste aber feststellen, dass die Zahl der Heavy-User (auch im Job) steigt und sich dadurch immer mehr Menschen auf den Schlips getreten fühlen, wenn man ironische Bemerkungen ohne Emoticon verschickt. Weil ich nicht unnötig Unmut erregen will, versehe ich jetzt die ein oder andere Nachricht mit einem Smiley.

Es gibt nur ein einziges wirkliches Problem bei konstantem Schriftverkehr: Man weiß nie, ob das Mitgeteilte auch wirklich ankommt. Neulich bekam ich eine SMS: "Liebe Nicol, es ist schon lange her, ich weiß nicht, ob die Nummer noch stimmt, aber ich würde dich gerne mal wieder richtig verwöhnen. frank." Im ersten Schock habe ich die SMS sofort gelöscht. Dann habe ich fieberhaft überlegt, woher ich einen Frank kennen könnte, der meinen Namen nicht richtig weiß. Aber ich kenne keinen. No way. Jetzt wird "Nicol" nie erfahren, dass Frank sich nach Jahren wieder gemeldet hat, um sie zu verwöhnen. Und ich habe vielleicht eine große Liebe zerstört. Aber das haben auch schon zu viele gesprochene Worte geschafft, oder?

Text: Nikola Haaks Foto: Clipart.com BRIGITTE BALANCE Heft 01/2007

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