Nie wieder schüchtern sein!

Nathali Ganß, 37, lebt als freie Künstlerin mit ihrem Freund in Hamburg. Muss sie sich öffentlich präsentieren oder auch nur auf einer Party Smalltalk machen, würde sie am liebsten im Erdboden versinken. Ihr großer Wunsch: "Ich will nicht mehr schüchtern sein".

Die Ausgangssituation

Nathali Ganß, Freie Künstlerin, 37, aus Hamburg

Nathali hat sich ihren Traum erfüllt: Vor zwei Jahren kündigte sie ihren Job als Werbegrafikerin und machte sich als Künstlerin selbstständig (www.nathalieganss.de). Hier fühlt sie sich wohl - hinter der Leinwand. Doch sie hasst es, sich selbst zu präsentieren. Dann wird aus der kreativen, ausgeglichenen Frau ein wortkarges, verunsichertes Wesen. Denn Nathali ist seit ihrer Kindheit schüchtern.

Nachdem ihr Vater starb, als sie vier war, ist sie durch den neuen Partner ihrer Mutter in eine Familie mit vier weiteren Kindern geschlittert. Sie zog sich mehr und mehr zurück. Und noch heute fehlt ihr oft die Kraft, sich neuen Situationen zu stellen, und sei es nur ein Urlaubsbild. Denn auf Fotos kann sie sich nicht ausstehen - sobald eine Kamera in der Nähe ist, verkrampft sie, lächelt nur noch gequält. Sogar in ihrem Lebenslauf zeigt sie statt eines Bewerbungsfotos eines ihrer Bilder.

Begegnet sie auf einer Party fremden Menschen, wäre sie am liebsten unsichtbar. oder gar jemanden anzusprechen, findet sie fürchterlich - aus Angst, dass sie nichts zu erzählen hat. Sie sagt: "Das ärgert mich. Ich stehe mir selber im Weg, aber ich schaffe es nicht, so frei zu sein, wie ich sein möchte."

Das sagt die Psychologin

Psychologin Gisela Freisberg, Dipl.-Psych. und Mentaltrainerin, Wiesbaden

Nathali hat etwas mit Liz Taylor, Immanuel Kant, David Letterman und Leo Tolstoi gemeinsam: Sie alle waren oder sind schüchtern. Schüchternheit kann sich aus angeborenen Anlagen entwickeln - oder sie wird durch Erfahrungen in der Kindheit erlernt. Der erste Schritt, um die Hemmungen loszuwerden: sie erst einmal akzeptieren. Dann kann Nathali die Situationen analysieren, in denen sie besonders schüchtern ist. Welche Gedanken, Gefühle oder körperlichen Reaktionen beobachtet sie dabei? Der nächste Schritt: mutig sein - und die Hemmschwelle ganz bewusst überschreiten. Nathali sollte sich dabei erlauben, Fehler zu machen, nicht perfekt zu sein. Anschließend kann sie sich ein konstruktives Feedback geben. Was war gut, was schlecht? Und was meinen die Freunde? Nathali kann darauf vertrauen, dass irgendwann die Routine kommt: Die erste Rede ist miserabel, die zwanzigste dann perfekt.

Das sagt die Image-Beraterin

Image-Beraterin Angelica Egerth, Image- und Persönlichkeits- coach, Berlin und Köln*

Schüchternheit hat auch positive Seiten. Dieser Wesenszug ermöglicht es Nathali, Zwischentöne wahrzunehmen und sie in ihrer Malerei auszudrücken. Auch gut: In Nathali schlummern Quellen wie Kraft und Mut, die ihr helfen, selbstbewusst aufzutreten. Mein Leitgedanke für sie: "Ich zeige mich jeden Tag ein Stückchen mehr!" Das beginnt bei der Körperhaltung: Nathali übt, aufrecht zu stehen, mit geradem Rücken und geöffneten Schultern. Tiefes Atmen gibt ihr innere Sicherheit und Präsenz. Die nächsten Schritte: 1. Sie legt ein Lob-Buch an und schreibt auf, welche Komplimente sie bekommt. 2. Sie versucht, freundlich auf Menschen zuzugehen, anstatt ihnen mit Skepsis zu begegnen. 3. Sie akzeptiert ihre Grenzen. 4. Nathali bringt ihren lästigen inneren Kritiker zum Schweigen. Äußere Sicherheit bringt vor allem an Krisentagen ein Wohlfühl-Outfit, optimal in Farbe und Stil, das stets griffbereit im Schrank hängt.

* www.image-for-professionals.de

Das sagt die Nia-Lehrerin

Nia-Lehrerin Miriam Wessels, Nia Technique Blackbelt Teacher und Diplom-Sportwissen- schaftlerin, Hamburg*

Schüchternheit und Hemmungen lassen sich abbauen, wenn man lernt, sich selbst besser wahrzunehmen und auszudrücken. Dabei kann Nia helfen. Die Technik verbindet östliche und westliche Bewegungsformen: Die Dynamik asiatischer Kampfkünste, die Lebendigkeit von freiem Tanz sowie die Aufmerksamkeit von Yoga und Tai-Chi. Nathali wird dadurch achtsamer sich selbst gegenüber - und mutiger, denn sie muss sich in den Kursen vor und mit anderen bewegen. Das gibt ihr innere Sicherheit und Ausstrahlung. Bei den Kampfsport-Elementen gilt es, laut zu schreien. Dabei kann Nathali ihre Stimme erproben, lernen, sich auch im Leben mehr zu behaupten. Eine Übung für mehr Standfestigkeit ist der Sumo-Stand: Füße etwas auseinander stellen, die Fußsohlen haben vollen Bodenkontakt, das Gewicht ruht mehr auf dem Innenfuß. Dann: hochspringen, sicher landen, "Ha!" rufen, Bauch anspannen!

* www.bewegnungsraum.de

... und das hat's gebracht

Nach einer Woche

Viele neue Kontakte und Ideen auf einmal. Am Anfang hat mich das erst einmal eingeschüchtert. Vor allem die Image-Beraterin schien mir zunächst unerreichbar perfekt. Aber schnell war klar, dass wir auf einer Wellenlänge liegen. Seit dem ersten Image-Coaching achte ich auf meine Körperhaltung. Ich korrigiere mein Rückgrat mehrmals am Tag, stehe aufrechter, mache mich nicht länger unsichtbar. Auch das Lob-Buch habe ich angelegt - und war ganz überrascht, wie viele Komplimente ich allein in den letzten Tagen bekommen habe. Mir gelingt es endlich, meinem inneren Kritiker mal zu sagen: "Halt die Klappe!" Das macht Spaß und funktioniert schon erstaunlich gut.

Bei der Psychologin wurde mir klar, dass mir Routine sehr viel Sicherheit gibt. Schüchtern und unsicher bin ich vor allem in fremden Situationen. Deshalb werde ich jetzt mein sicheres Umfeld ab und zu bewusst verlassen, um herauszufinden, ob Treffen mit unbekannten Menschen wirklich so schrecklich sind.

Ein erster Schritt war das Nia-Training. Als der Kurs anfing, dachte ich zuerst: Oh Gott, das ist überhaupt nichts für dich! Die Techniken fühlten sich zunächst sehr eigenartig an. Doch dann habe ich gemerkt, dass Nia genau das ist, was ich brauche: Ich musste mich in ungewohnter Umgebung ganz ungewohnt bewegen, und lauter Fremde schauten mir dabei zu. Ein wichtiger Gehversuch.

Nach einem Monat

Der Nia-Kurs ist mir sehr ans Herz gewachsen. Auch wenn ich jedes Mal an meine Grenzen stoße - oder gerade deswegen. Die letzte Nia-Stunde hat viel in mir bewegt. Es kamen Kampfelemente vor, wir lernten, Angriffe abzuwehren. Dabei habe ich endlich etwas Wichtiges verstanden: dass ich mich auch im täglichen Leben immer abgrenzen kann, wenn mir jemand zu nahe kommt. Diesen Kurs werde ich auf jeden Fall weiter besuchen, denn nach jeder Stunde bin ich stolz auf mich.

Durch die psychologische Beratung hat sich meine Selbsteinschätzung gravierend geändert. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass es so schnell geht. Es war wie ein Schalter, der sich umgelegt hat. Ich habe tatsächlich immer weniger Angst, für andere Menschen uninteressant zu sein. Bei der Psychologin musste ich mir eine Feier vorstellen, auf der ich mit einem Fremden spreche. Läuft er schreiend aus dem Raum, weil ich so schrecklich bin? Natürlich nicht. Ich merke, dass ich jahrelang Ängste hatte, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatten. Jetzt verstehe ich: Wenn ich auf Menschen zugehe, kann ich nur gewinnen. Selbst ein Smalltalk klappt plötzlich ganz gut.

Ich habe außerdem erkannt, wie viel ich in meinem Leben schon geschafft habe. Das Verhältnis zwischen den vier wichtigen Lebensbereichen ist bei mir sehr ausgewogen: Arbeit, soziale Kontakte, Gesundheit und individuelle Werte - alles ist in Balance, das hat mich überrascht.

Durch die Farb- und Stilberatung habe ich gelernt, wie Farben mich unterstützen können. Ein neues Outfit für Geschäftstermine hängt schon im Schrank. Ich fühle mich wohl mit meinem Aussehen und meinem Körper. Und merke plötzlich, wie positiv ich auf meine Umwelt wirke. Erstaunlich, dass ich das so lange nicht gesehen habe. Meine neue Selbstwahrnehmung gibt mir Sicherheit - selbst für einen offenen Blick in die Kamera. Ich akzeptiere jetzt meine Tagesform: Wenn ich mal nicht gut drauf bin, experimentiere ich eben am nächsten Tag weiter. Es funktioniert tatsächlich - ich zeige mich jeden Tag ein bisschen mehr.

Tipp: Hilfe gibts bei no problem!

Sie wollen wissen, wie andere mit unbekannten Situationen umgehen? Zum Beispiel auf einer Party, auf der sie niemanden kennen? Fragen Sie nach, bei:

Text: Stefanie Wiggenhorn Foto: Max Missal, privat BRIGITTE Balance Heft 02/2007

Wer hier schreibt:

Stefanie Wiggenhorn
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