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Nostalgie Sommer und Freibad: Warum es gesund sein kann, uns an unsere Wohlfühlorte zu erinnern

Nostalgiekolumne: Mädchen im Pool
© tunedin / Adobe Stock
Es gibt diese Orte, die einem ganz unauffällig immer wichtiger werden. Für Kirsten Hoffmeister ist es ein Schwimmbad.

Ein beliebiger Sommer in den 80er-Jahren: Sobald es warm war, radelten meine Freundinnen und ich nach Schulschluss ins Schwimmbad um die Ecke. Hastig schlüpften wir am Beckenrand in unsere Badeanzüge und sprangen mit Salti, Rückwärts-Köpfer oder zumindest einer formvollendeten "Arschbombe" ins kühle Nass. Richtiges Schwimmen war uninteressant. Lieber tauchten wir und summten uns unter Wasser mit "Hmh-hmh-hmh" Melodien vor, die die anderen erraten mussten. "You’re My Heart, You’re My Soul" von Modern Talking war fast immer dabei. Später bestellten wir uns durchgefroren, aber in bester Laune am kleinen Schwimmbad-Kiosk Pommes mit Ketchup.

Abtauchen im Freibad der Kindheit

Das gleiche Schwimmbad in diesem Spätsommer: Bis auf ein neu gebautes Vereinshaus hat sich nichts verändert. Zielsicher steuere ich eine Bank direkt am Becken an und ziehe mich um. Genau wie damals ist das Wasser auch heute wieder kalt. Langsam gleite ich hinein, fröstele und beginne meine Bahnen zu ziehen. Neben mir schwimmt eine Frau, die ich von früher kenne. Wir grüßen uns und wechseln ein paar Worte über die Wassertemperatur. Nach dem Schwimmen und einer warmen Dusche – wie früher riecht es dort unangenehm – hadere ich kurz mit mir. Dann bestelle ich sie mir doch, die sagenumwobenen Pommes. Sie schmecken noch immer großartig.

Eines ist vollkommen klar: Es gibt modernere und schönere Schwimmbäder. Sie sind schneller erreichbar und das Wasser ist dort tatsächlich angenehm warm. Trotzdem zieht es mich Sommer für Sommer wieder hierhin – in das Freibad meiner Kindheit. Das liegt wohl in erster Linie an der nostalgischen Erinnerung an damals, die sich mit den Jahren in eine vollkommen idealisierte Zeit verwandelt hat. Diese etwas verzerrte Vergangenheit schwappt dann wie eine kleine Welle ganz einfach hinüber ins Heute.

Schon am Eingang bin ich fast so unbeschwert wie einst. Hinzu kommt ein mehr oder weniger unbewusstes Gefühl von Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass ich jeden Sommer wieder hierher zurückkehren kann. Und dass nicht nur das Schwimmbad immer das Gleiche geblieben ist, sondern auch ich einigermaßen unbeschadet durch mein Leben geschwommen bin. Äußerlich zwar älter geworden, innerlich jedoch mit der gleichen Begeisterungsfähigkeit. Nicht nur für das Schwimmbad. Auch für das eigene Sein.

An einen "sicheren Ort" kann auch durch Erinnerungen zurückgekehrt werden

Leider haben nicht alle von uns die Möglichkeit, an ihre Plätze der Kindheit oder Jugend zurückzukehren. Für sie gibt es eine Alternative, nämlich die Vorstellung davon. Sie können sich ein inneres Bild davon erschaffen, in dem sich daran erinnern, wie es dort riechen könnte und welche Geräusche dort sind. In der Psychologie nennt man diese Imagination den "sicheren Ort". Mit ein bisschen Training ist dieser Ort dann im Bewusstsein jederzeit abrufbar. Und er kann ähnliche Gefühle auslösen wie bei mir das Lieblingsschwimmbad.

Für meine Mutter, 79, ist das zum Beispiel eine bestimmte Skipiste in Österreich, die sie früher oft heruntergefahren ist. Jetzt macht sie es manchmal voller Inbrunst in Gedanken. Sie stellt sich die Lockerheit des Schnees vor, nimmt den Geruch der umliegenden Tannen wahr und fährt im ordentlichen Parallelschwung den Berg hinunter. Mein Mann joggt in Gedanken lieber durch ein Naturschutzgebiet in Schleswig-Holstein, natürlich genauso leichtfüßig wie einst. Das erdet ihn auch.

Denn irgendwie ist ja sowieso fast alles eine Sache der Einstellung. Nach dem Motto: Für die einen ist es nur ein Schwimmbad, eine Skipiste oder ein Moor. Und für die anderen ihr ganz persönliches Bullerbü.

Brigitte

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