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Oskar Holzbergs Liebeskolumne Herz ja, Leben nein?

Oskar Holzbergs Liebeskolumne: Paar, dass die Hände aneinander hält
© galina_kovalenko / Adobe Stock
In der Kolumne unseres Paartherapeuten Oskar Holzberg dreht sich alles um typische Liebesweisheiten und ihren Wahrheitsgehalt, er seziert Sprichwörter, Songtexte und berühmte Zitate. Diesmal: "Ist es richtig, jemandem sein Herz zu geben, wenn man nicht bereit ist, ihm auch sein Leben zu geben?"

Was klingt wie eine Dating-Frage, bewegt uns immer wieder.

Peter hat Jaqueline über Tinder kennengelernt. Inzwischen hat sich daraus eine erfüllende Beziehung entwickelt, die Peter sehr schätzt. Trotzdem: Er will sich trennen. Jetzt, bevor alles noch mehr wehtut. Denn Jaqueline möchte Kinder. Und Peter, der bereits einen fast erwachsenen Sohn hat, möchte nicht noch einmal das Familienmodell leben.

Nichts zwischen Ja und Nein

Wenn Peter unserem Ideal der romantischen Liebe folgen würde, dann wäre die Liebe das Einzige, worauf es ankommt. Weil Liebe angeblich alle Hindernisse überwindet. Doch Liebesbeziehungen in der Realität sprechen eine andere Sprache. Es gibt Konflikte, in denen kein Kompromiss zu finden ist. In denen es nur Ja oder Nein gibt, nichts dazwischen. Wir können nicht "ein wenig" Kinder haben. Wir können nur entweder monogam, in einer offenen Beziehung oder polyamourös leben. Mit Drogen oder ohne. In getrennten Wohnungen oder in einer gemeinsamen.

Wenn wir eine Partnerschaft eingehen, lassen wir den anderen Menschen nur wirklich in unser Leben, wenn wir dabei ehrlich vertreten, was wir niemals aufgeben werden: dass wir für unsere Karriere an jeden Ort der Welt ziehen würden, niemals unsere spirituelle Gemeinschaft verlassen werden und unseren Kinderwunsch auf jeden Fall erfüllen wollen. Die Liebe vereint, aber der Lebensentwurf trennt. Wer eine unveränderbare Haltung dazu hat, tut gut daran, sie von Beginn an deutlich zu vertreten. Es ist radikal, aber es erspart viel Leid.

Natürlich ist das Leben nicht schwarz-weiß und manche Einstellung ändert sich im Laufe der Zeit. Aber wir sollten nie da-rauf setzen, dass wir unseren Lieblingsmenschen schon noch von unseren Wünschen überzeugen werden. Und häufig wird uns auch erst im Zusammenleben deutlich, worauf wir nicht verzichten wollen. Wir wussten natürlich, dass 20 Jahre Altersunterschied schwierig werden könnten. Aber erst wenn die Pfeile der Lebensziele deutlich in unterschiedliche Richtungen zeigen, stellen die unterschiedlichen Bedürfnisse das gemeinsame Leben infrage. Es sind die Schritte, die wir nicht mitgehen wollen. Weil sie uns widersprechen. Oder weil sich die Beziehung nicht stabil genug anfühlt, um dafür den Halt unseres gewohnten Lebens aufzugeben.

Sich selbst im gemeinsamen Leben nicht vergessen

Im Laufe einer Beziehung stehen wir immer wieder vor dem Punkt, dem Menschen, dem wir unser Herz gegeben haben, auch immer wieder unser Leben zu geben. Es ist ein endloser Prozess. Es ist der Fortgang der Liebe. Der Prüfstein jeder festen Partnerschaft. Wir sollten es wissen. Selbst die einfachste Hochzeitsformel behandelt das Ja zu den für uns schlechten Zeiten. Unsere individuellen Bedürfnisse mit dem gemeinsamen Leben in Einklang zu bringen ist eine nie endende Aufgabe. Unsere Lebensentwürfe müssen immer wieder verhandelt werden.

Wir können unser Herz nur geben, wenn wir auch unser Leben geben. Aber wenn wir unser Leben aufgeben, nur um uns das Herz des anderen zu erhalten, verlieren wir beides. Als Simone de Beauvoir sich diese Frage stellte, war sie in den Schriftsteller Nelson Algren verliebt. Doch weil sie nicht bereit war, ihr Pariser Leben aufzugeben, gab sie ihre Liebe auf.

Simone de Beauvoir, Schriftstellerin, Philosophin, Feministin

Neu in den Partner verlieben: Oskar Holzberg
Oskar Holzberg, 67, berät seit über 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und ist seit über 30 Jahren verheiratet. Sein aktuelles Buch heißt "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (240 S., 11 Euro, DuMont).
© Ilona Habben
Brigitte

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