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Beziehung Paartherapeut verrät, wie du auch über tiefe Verletzungen hinwegkommen kannst

Verletzt vom Partner: Frau hält Tasse in der Hand und guckt traurig nach unten
© simona pilolla 2 / Shutterstock
Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle. Diesmal: Wie komme ich darüber hinweg, dass mich mein Partner verletzt hat?

Wir können nicht allein lösen, was wir nur gemeinsam lösen können

Anne. Wenn dieser Name fällt, dann ist sofort das schlechte Gefühl da. Es reicht schon, wenn ein Name nur so ähnlich klingt, Anna oder Annalena oder auch nur Annika, und schon setzt sich das Gedankenkarussell von Frau M. in Bewegung. Seit ihrer Ehekrise vor drei Jahren geht das so. Damals hätte sie sich fast von ihrem Mann getrennt. Wie oft hatte sie ihn damals gebeten, fast gebettelt, ein paar Tage gemeinsam mit ihr zu verbringen. Zu verreisen, irgendwo hinzufahren, um Zeit zu haben, um wieder zueinanderzufinden. Aber er hatte nie Zeit. Es kam ihm immer ungelegen. Doch kaum hatte Anne, seine Tochter aus seiner ersten Ehe, sein Augenstern, auch nur beiläufig ausgesprochen, dass sie soooo gerne mal nach New York fliegen würde – da hatte er die Reise mit ihr dahin auch schon gebucht. Frau M. schmerzt das immer noch, so gern sie es auch hinter sich lassen würde.

Verletzungen können wir nicht bewältigen, solange der Grund für unsere Verletzungen weiter besteht. Was uns verletzt, ist ja nicht der Wunsch, der auf taube Ohren stieß, nicht die Affäre, in der wir unwichtig waren, nicht die Beschimpfung, die uns demütigte. Es ist der Partner, die Partnerin, der oder die uns nicht hörte, uns ausblendete, uns verachtete. Und wir bekommen dies nicht aus dem Kopf, solange wir nicht sicher sind, dass wir in der Partnerschaft wieder sicher sind. Dass das, was geschehen ist, nicht gleich noch mal geschehen kann.

Geteilter Schmerz ist halber Schmerz

In einer Partnerschaft entstehen Verletzungen, wenn wir uns emotional intensiv alleingelassen fühlen. Und sie heilen, wenn wir uns darin emotional intensiv verstanden und gesehen fühlen. Dazu brauchen wir unsere Partner:innen. Ihre Einsicht. Ihre Entschuldigungen. Ihr Mitgefühl. Geteilter Schmerz ist halber Schmerz, heißt es. Das stimmt nirgendwo mehr als in Liebesbeziehungen. Natürlich lässt sich Schmerz nicht 50:50 aufteilen. Aber der gemeinsame Schmerz über die entstandenen Verletzungen erleichtert uns. Und trotzdem wird sich unsere unbewusste Hoffnung nicht erfüllen, dass der Mensch, der uns verletzt hat, uns auch wieder vollkommen heilen soll. Die Verletzung wird nicht völlig aus unseren Gefühlen und unseren Gedanken verschwunden sein.

Trotz tiefster, ehrlicher Reue unserer Lieblingsmenschen, trotz ihrer spürbaren Zuwendung, müssen wir ein Stück des Weges dann doch noch alleine gehen. Denn unsere Partner:innen sind mit Gewissheit nicht die ersten, die uns wehgetan haben. Mit jeder Verletzung brechen in uns auch immer alte Verletzungen mit auf. Sie sind uns nur nicht immer bewusst. Und das können nur wir selbst klären. Indem wir diese schmerzhaften Gefühle nicht leugnen, vor ihnen weglaufen oder versuchen, sie so schnell wie möglich loszuwerden. Sondern indem wir uns ihnen zuwenden und bereit sind, die Angst, die Scham oder Ohnmacht, die sie auslösen, zu fühlen.

Wenn es uns gelingt, dieses Leid dann mit unserem Liebespartner zu teilen, es ihn sehen zu lassen und uns dafür Trost beim ihm holen können: Dann können auch alte Verletzungen heilen. Auf die gleiche magische Weise wie damals, als wir mit unserem aufgeschürften Knie zu Mama flüchteten. Sie tröstete uns, und das Knie tat längst nicht mehr so weh. Das Wunder menschlicher Verbindung und Nähe hat aber keine Altersbeschränkung.

Neu in den Partner verlieben: Oskar Holzberg
Oskar Holzberg, 67, berät seit über 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und ist seit über 30 Jahren verheiratet. Sein aktuelles Buch heißt "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (240 S., 11 Euro, DuMont).
© Ilona Habben
Brigitte

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