Perfektionismus: Wie er manchmal gar nicht so schlecht ist

Perfektionisten haben den Ruf, verspannt und anstrengend zu sein, vor allem aber gelten sie als extrem Burnout-gefährdet. Dabei ist Perfektionismus per se nicht schlecht – wenn man sich nicht komplett von ihm beherrschen lässt!

Lebst du schon oder bist du noch Perfektionist? Ein Satz, der auf den Punkt bringt, was man von dieser Eigenschaft und dem, der sie besitzt, zu halten hat. Schließlich ist Lässigkeit das neue Mantra unserer Zeit. Wir wollen cool sein und locker durchs Leben surfen, als koste es keine Anstrengung. Und ja, es ist wahr: Gäbe es keinen Perfektionismus, würden wir alle anders leben. Allerdings nicht zwangsläufig besser, sondern ziemlich sicher sogar schlechter – oder womöglich gar nicht mehr ...

Den Perfektionisten sei Dank! 

Spätestens wer mit dem Flieger reist oder als Patientin auf einem OP-Tisch liegt, ist nämlich darauf angewiesen, dass Flugzeug-Techniker oder Chirurg sich uneingeschränkt darum bemühen, bestmögliche Arbeit zu machen, und nicht schludern. Auch die kulturelle Entwicklung des Menschen wäre kaum vorstellbar, wenn Einzelne nicht immer wieder daran gearbeitet hätten, Dinge zu optimieren.

"Wir sollten Perfektionisten zutiefst dankbar sein", sagt Dr. Christine Altstötter-Gleich. Die Psychologin lehrt und forscht an der Universität Koblenz-Landau und setzt sich dafür ein, das Phänomen differenzierter zu betrachten und damit gleichzeitig zu rehabilitieren: "Perfektionismus an sich ist keine Krankheit, man kann sehr gut damit leben. Und viele tun es auch." Dabei weiß sie natürlich genauso gut um seine ungesunden Ausprägungen.

Perfektionistische Tendenzen steigern zum Beispiel das Risiko für Essstörungen besonders bei jungen Frauen – und zwanghaftes Verhalten. "Vor allem aber sind sie ein zentrales Element in der Entstehung eines Burn-outs", so die Psychologin. "Trotzdem: Jeder Prozess der Heilung beginnt mit Wertschätzung. Und dazu gehört auch anzuerkennen: Ja, mir ist es wichtig, hohe Ansprüche zu haben."

Perfektionismus als Falle

Momentan herrscht dagegen die Meinung vor, Perfektionisten müssten vor allem eines tun: ihre hohen Ziele möglichst schnell über Bord werfen. Das sei nicht nur abwertend, sondern auch wenig hilfreich, meint Christine Altstötter-Gleich: "Einer Perfektionistin zu sagen, sie solle mal fünfe gerade sein lassen, ist ungefähr so erfolgreich, wie wenn man einem Alkoholiker sagt, er solle halt nichts mehr trinken." Vielen sei ja durchaus bewusst, dass ihre perfektionistischen Strategien problematisch sind. "Aber diese aufzugeben, erscheint ihnen eben noch viel gefährlicher", so die Expertin. Sie sind gefangen: zwischen der Angst, ihren Ansprüchen nicht zu genügen, und der, diese zu senken.

Positive und negative Perfektionisten

Aber es gerät eben auch nicht jeder Perfektionist in diese ungesunde Falle. Woran das liegt? Vor allem an der Motivation, also dem, was hinter den hohen Ansprüchen steht. Geht es dabei eher um den Wunsch, Erfolg zu haben, oder vielmehr um den Misserfolg zu vermeiden? In beiden Fällen verwenden Menschen Energie und Zeit darauf, etwas sehr gut und noch besser zu machen.

Aber während die einen – manchmal werden sie auch positive Perfektionisten genannt – sich freuen, wenn sie ihr selbst gestecktes hohes Ziel erreichen, sich für ihren Einsatz belohnt fühlen, so ihr Selbstwertgefühl stärken und Energie für Neues gewinnen, sind negative Perfektionisten nur selten mit sich und ihrer Leistung zufrieden. Schließlich gibt es doch immer etwas, das sich besser machen ließe. Selbst wenn die Abweichungen vom Optimum noch so klein sind, fokussieren sich Betroffene auf diese "Misserfolge" viel stärker als auf das, was ihnen gut gelingt, und werten sie als komplettes Versagen.

Aus diesem extremen Schwarz-Weiß-Denken ziehen sie wenig Selbstbewusstsein für neue Aufgaben. Denn auch sie bergen ja wiederum die Möglichkeit zu scheitern. "Diese sogenannten perfektionistischen Bedenken entscheiden letztendlich darüber, wie verletzlich hohe Ansprüche eine Person machen", sagt die Psychologin. Dabei muss noch nicht mal etwas wirklich schiefgehen.

 "Bereits beim Planen von Handlungen beschäftigen sich diese Menschen übermäßig damit, etwas vielleicht nicht zu schaffen."

Das kann so weit gehen, dass bestimmte Entscheidungen – wie etwa sich auf eine Stelle zu bewerben – gar nicht getroffen werden, aus Angst zu versagen. "Wenn jemand in diesem Sinne prophylaktisch perfektionistisch ist, merken Außenstehende das oft gar nicht", so Christine Altstötter-Gleich. Wenn die eigenen hohen Ansprüche stressen, sollte sich also erst einmal damit befassen, was dahintersteckt. Wer im Job perfekt sein will, dem geht es vielleicht gar nicht um das Ziel an sich, sondern um die Angst, andernfalls die Kritik des Chefs auf sich zu ziehen. Und wer sich beim Kindergeburtstag ins Zeug legt, tut dies eventuell nicht, um sich über strahlende Kinderaugen zu freuen, sondern aus Furcht, sonst hinter den anderen Müttern zurückzustehen.

Perfektionismus und Angst vor Ablehnung 

Tatsächlich ist das ein häufiges Motiv, vor allem bei Frauen: perfekt sein zu wollen, um zu gefallen und gemocht zu werden. Weniger als das Optimum abzuliefern, wäre dann mit der Gefahr verbunden, Ablehnung zu erfahren, weniger geschätzt und respektiert zu werden, und ist deswegen extrem angst- und vor allem schambesetzt. Umso mehr gilt dies für Menschen, deren Selbstwertgefühl stark davon abhängt, wie andere sie wahrnehmen bzw. wie sie glauben, dass andere sie wahrnehmen. Denn hier liegt oft eine Verzerrung vor.

Perfektionisten selbst beurteilen ihre Mitmenschen nämlich häufig deutlich weniger streng als sie meinen, dass andere über sie denken. Sie tolerieren, wenn diese weniger anspruchsvolle Ziele haben, auch mal Fehler machen, und bezeichnen sie trotzdem als wertvoll. Sich diese doppelten Standards bewusst zu machen, ist ein erster Schritt, sich selbst gegenüber gnädiger zu werden. "Warum kann man nicht zum Beispiel auch mal ein leicht fehlerhaftes Produkt stehen lassen?", sagt die Psychologin. Also öfter "Etwas ist jetzt gut genug" statt "Ich bin nicht gut genug".

In unserer Leistungskultur fordert das uns alle: "Wir brauchen dringend eine gesellschaftliche Auseinandersetzung um den Begriff des Scheiterns, des Fehlermachens, des Menschlichen, statt immer alles zu optimieren." Dabei sind Enttäuschung und Ärger keineswegs tabu, wenn mal etwas nicht klappt. Solche Gefühle empfinden auch positive Perfektionisten, aber sie überwinden sie schneller und ziehen daraus vielleicht sogar neuen Ansporn.

Positives als selbstverständlich hingenommen

Es gibt aber auch Unterschiede, wie gesunde und ungesunde Perfektionisten mit Erfolg umgehen. "Dies gilt wiederum nicht nur für Einzelne, sondern für viele Bereiche der Gesellschaft: Wir vernachlässigen die positive Wertschätzung", so Altstötter-Gleich. "Alles Kritische sehen wir schnell und überdeutlich, aber das Positive wird als selbstverständlich hingenommen." Also warum nicht öfter sich selbst auf die Schulter klopfen – das macht erwiesenermaßen gesünder. Ebenfalls wichtig für alle, die sich im Job mit ihrem Perfektionismus unter Druck setzen: den Fokus weiten und auch das sehen, was in anderen Lebensbereichen gut läuft . Und: Alle Perfektionisten brauchen Ruhe-Inseln, in denen wirklich mal alles wurscht sein darf.

So schützt man Kinder vor ungesundem Perfektionismus

Aber müssen wir nicht auch an die Wurzel des Problems? Die liegt – wie sollte es anders sein – in unserer Kindheit und darin, wie unsere Eltern mit unseren Erfolgen und unserem Scheitern umgegangen sind. "Es ist nicht unbedingt nötig, dem auf den Grund zu gehen. Schwierigkeiten, die sich heute daraus ergeben, lassen sich durch Auseinandersetzung mit dem eigenen Denken und Handeln, durch Übungen, die dies unterstützen, und Achtsamkeitstraining auch so entschärfen", so die Expertin.

Bei unseren eigenen Kindern aber haben wir die Chance, ungesunden Perfektionismus von vornherein zu verhindern. Wie das gelingt? Zumindest nicht, in dem man das Thema ausspart. "Das Niedermachen von guter Leistung finde ich absurd. Es ist doch ein zentraler Wert, Dinge gut und richtig zu machen", sagt Christine Altstötter-Gleich. "Stolz und Freude darüber sollte man unterstützen. Aber wenn etwas nicht klappt, ist es genauso wichtig, auch dieses Gefühl aufzunehmen. Viele Eltern neigen dann dazu zu sagen: ‚Ist nicht so schlimm, reg dich nicht auf.‘ Besser wäre es, das Kind zu trösten und seine Selbstwirksamkeit zu unterstützen, indem man gemeinsam überlegt, was sich daraus lernen lässt." So erfährt das Kind: Man mag und sieht mich, auch wenn ich etwas falsch mache.

Der Psychologin ist klar, dass Eltern dabei nicht perfekt sein können: "Natürlich dürfen sie sich auch mal maßlos über ihr Kind ärgern, aber was spricht dagegen, hinterher hinzugehen und sich kurz zu erklären? Sich selbst als fehlerhaft darzustellen, zeigt doch, dass auch mit Schwächen und Misserfolgen die Welt nicht untergeht." Und genau das ist die Weiche, die den Perfektionismus in gesunde Bahnen lenkt.

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BRIGITTE 03/2019

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann
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