Hilfe, ich bin zu nett!

Nett zu sein ist eine schöne, wünschenswerte Sache. Zu nett zu sein ist dagegen vor allem eines: Selbstsabotage. BRIGITTE-Autorin Karina Lübke weiß, wann es Zeit wird, das "soziale Nettwork" zu verlassen.

Heute wieder unfreiwillig auf der Straße "eine kleine Spende" gegeben? Freundlich genickt, als die Bedienung im Restaurant das ungenießbare Essen mit "Hat es geschmeckt?" abräumte, gar entschuldigend gesagt: "Die Portion war so groß"? Sich netterweise am Telefon oder an der Haustür Lebenszeit abquatschen lassen, obwohl man weder Zeit noch Interesse hatte?

Willkommen im Club der chronischen Nettworker. Da, wo die meisten Menschen nicht rein-, sondern rauswollen, aber nicht wissen, wie, ohne unfreundlich zu wirken. Ja, hier geht es mal um die, die sich nie beschweren, sondern alle Forderungen mit einem fröhlichen "Kein Problem!" und jede Verletzung mit "Alles gut!" beantworten. Die sich immer selbst so große Mühe geben, aber selber keine machen wollen.

Den anderen nur nicht zur Last fallen

Nett sein ist eine gute Sache. Schmerzgrenzwertig wird es aber, wenn der Wunsch, gefällig zu sein, so zwanghaft wird, dass man sich dabei dauernd überfordert und schadet, weil eigene Bedürfnisse dafür ignoriert werden.

Die britische Psychologin Jaqui Marson, Autorin des Buches "Zu nett für diese Welt", ist selbst eine Betroffene. Nachdem sie sich bei einer Tanzveranstaltung den Arm gebrochen hatte und die Schmerzen zwei Wochen lang lächelnd ignorierte, "um anderen keine Umstände zu machen", merkte sie erst im Krankenhaus - in dem sie dann letztendlich doch landete -, dass es nicht schaden würde, vor allem netter zu sich selbst zu sein. Marson rät Menschen wie ihr zur Selbsterkenntnis: "Wir haben unverhältnismäßig große Angst vor Konflikten, Ablehnung oder Kritik. Folgendes versuchen wir zu vermeiden: Dinge im Geschäft umtauschen, irgendeine Art von Beschwerde (egal wie berechtigt) äußern, in einer Diskussion oder einem Streit widersprechen, eine Bitte abschlagen oder jemanden bitten, mit etwas aufzuhören (oder etwas zu tun)."

Die Gründe dafür liegen natürlich, wie so oft, in der Kindheit. Da war Nettsein eine passgenaue Strategie, die einst erlernt wurde, um sich vor Wut, Bestrafung oder Enttäuschung der Eltern zu schützen. Chronische Nettworker allerdings bleiben auch als Erwachsene in ihre kindliche Erfolgsstrategie verstrickt - Jaqui Marson bekam beispielsweise in ihrer Familie Anerkennung, weil sie als Mädchen so robust unkompliziert und "keine Heulsuse" war.

Nettworker sind ununterbrochen im Einsatz

Für die Gesellschaft ist das natürlich ausgesprochen praktisch. Sie hält sich die Herde der Nettworker als emotionale Nutztiere, die an der Kette ihrer kindlichen Konditionierung hängen und sich dienstleistungsmäßig jederzeit melken lassen. Der Paketbote macht sich schon gar nicht mehr die Mühe, mit dem Paket in den vierten Stock zu steigen, weil er weiß, dass im Erdgeschoss diese nette Frau wohnt, deren Wohnungsflur deshalb oft so einladend aussieht wie ein gigantisches Postfach zum Selberabholen. Nettworker sind ununterbrochen im Einsatz. Andererseits haben sie auch etwas davon: ein hübsches Selbstbild durch das Gefühl, ein guter, wenn nicht sogar besserer Mensch zu sein. Sie müssen dafür keine starke Persönlichkeit mit Zielen, Werten, Vorlieben, Abneigungen entwickeln, mit der man anecken könnte. Die Persönlichkeit ist der Rest, der übrig bleibt. Nachdem man allen anderen gegeben hat, was sie brauchen.

Wieder die Bitte des Partners erfüllt, nach der Arbeit für ihn noch seine Hemden aus der Reinigung zu holen? Am Wochenende seine Mutter besucht, damit die sich nicht allein fühlt? Zu nett gewesen, um nach dem dritten Date immer noch keinen Sex zu wollen (jetzt hat er schon so viel investiert...)?

Und dabei ist Nett keineswegs das neue Sexy. Zu nette Menschen haben fast immer das Problem, dass die Zielperson ihrer Nettigkeitsoffensive ihnen irgendwann davonläuft. Und das, obwohl sie ihrer Meinung nach alles richtig gemacht haben - immer verständnisvoll waren, lieb, aufmerksam, pünktlich und rund um die Uhr verfügbar: "Ich war immer für sie da!" Nettworker investieren viel zu früh und zu stark in eine Beziehung. Studien haben gezeigt, dass große emotionale und finanzielle Investitionen in eine Sache oder einen Menschen dazu führen, dass man sie für umso wertvoller und erstrebenswerter hält. Wer mehr tut, zahlt und gibt, verliebt und bindet sich im gleichen Maß stärker an das Objekt seiner Zuwendungen. Nur: Der andere fühlt sich leider nicht geschätzt und gebunden, sondern bedrängt von so viel unverdienter Zuwendung. Wer nichts für die Liebe, Aufmerksamkeit und Zeit seines Partners tun muss, empfindet diesen als zunehmend langweilig und unattraktiv; schlimmstenfalls bedürftig. Auf zunehmende Respektlosigkeit reagieren Nettworker dann nicht mit der nötigen klaren Grenzsetzung, sondern mit noch mehr Geduld, Vergebung und Verständnis. Das Letzte, was sie von ihrem Wunschpartner darauf zu hören kriegen, ist: "War echt nett mit dir, aber. . . "

Frauen machen einer harmonischen Beziehung zuliebe mehr Zugeständnisse. Sie passen sich Vorlieben, Wünschen und Abneigungen des Mannes an ihrer Seite an, denn "Kompromisse muss man überall machen!". Ja, nur er macht kaum welche. Komisch, oder? Also geht er ins Ausland für den großartigen Job. Und sie geht mit, der Liebe wegen.

Irgendwann rasten die Netten aus

Aber auch die Nutznießer der ewig Netten fühlen sich letzlich unwohl. Zuerst glauben sie sich im Servicehimmel auf Erden, aber später dann zahlen sie mit Abhängigkeit und einem diffusen schlechten Gewissen für die Bequemlichkeit. Unter tief hängenden grauen Blicken, die schwer von stummen, diffusen Vorwürfen sind, lebt es sich nicht fröhlich. Es nimmt die Freude am Geben, wenn das zu einer Dienstleistung verkommt, die alltäglich erwartet oder gar verlangt wird. Es nimmt auch die Freude am (An-)Nehmen, wenn das nichts Besonderes mehr ist. Und schnell werden enttäuschte Nettworker zu emotionalen Erpressern: "Ich tue alles für dich, und DU willst nicht mal zu meinen Eltern mitkommen..." Oder sie rasten nach endloser Dauerüberlastung wegen einer Kleinigkeit aus und heulen und brüllen herum, dass alle so undankbar wären und sie gottverdammten Respekt verdient hätten - wo sie sich doch selber längst nicht mehr respektieren können. Nach einem solchen Ausbruch quälen Nettworker natürlich Schuldgefühle, und sie bemühen sich, wieder besonders nett zu sein. Ein Teufelskreis.

Nicht zum ersten Mal den Job der Kollegin gemacht, und zwar in der eigenen Mittagspause? Freiwillig Kaffee für alle in der Konferenz geholt? Sich offiziell für den Kollegen mitgefreut, der statt einem die Beförderung bekommen hat?

Auch im Beruf wird keiner netterweise vorgelassen. Wieso lieben und schätzen einen die Kollegen so wenig dafür, für alle mitzudenken? Wieso nimmt einen der Chef nicht ernst, wo man täglich beweist, wie vielfältig belastbar, arbeitswillig und sozial man ist? Weil ewiges Nettsein als Charakterschwäche ausgelegt wird. So jemandem gibt man keinen wichtigen Auftrag. Niemand würde fragen, ob der Vorstandsvorsitzende "nett" ist. Andere können auch anders - die chronisch Netten nicht. Und müssen deshalb dringend lernen, ihre Handlungs- und Reaktionsspielräume zu erweitern. Als wichtigste Waffen zum Selbstschutz empfiehlt die Psychologin Jaqui Marson ein "elegantes Nein", das bewusste Wegatmen der Panik vor Ablehnung sowie die strenge Rationierung des netten Lächelns, das in Wirklichkeit als Unterwerfungsgeste wirkt. Die Kollegen müssen einen nicht unbedingt mögen - sie können einen ruhig auch mal gernhaben.

Werden Sie authentischer

Vom gequälten Ja- zum freundlichen Neinsager zu werden kann Lebensläufe retten - etwa wenn der falsche Mann fragt, ob man ihn heiraten will, oder einem der falsche Job angeboten wird. Man muss auch nicht lebenslänglich verheiratet oder angestellt bleiben, nur um den Partner oder Arbeitgeber netterweise nicht damit zu verletzen, dass man ihn oder sie seit Jahren nicht mehr liebt. Schließlich soll einmal nicht auf dem Grabstein stehen: Mein Leben hat allen gefallen. Nur mir nicht.

Also ruhig mitfühlend bleiben - aber am besten heute noch anfangen, weniger nett und dafür authentischer und lebendiger zu werden: Nicht ans Telefon gehen, wenn man nicht reden kann oder will. Bitten auch mal freundlich, aber bestimmt ohne weitere Entschuldigung ablehnen. Sich so richtig mit jemandem anlegen, der sich in der Kassenschlange versucht vorzudrängeln. Und wenn man ein vorwurfsvolles "Das ist aber nicht nett von Ihnen!" zu hören bekommt, einfach befreit "Danke!" sagen.

Text: Karina Lübke
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