Du hast ein Talent? So holst du das Beste aus dir heraus!

Wie holst du das Beste aus dir heraus? Psychologin und Begabungsforscherin Prof. Dr. Franzis Preckel weiß, du du es richtig angehst.

BRIGITTE: Frau Dr. Preckel, warum denken so viele Menschen, dass sie völlig talentfrei sind?

Dr. Franzis Preckel: Oft steckt ein Selbstwertproblem dahinter. Wie wir unsere Fähigkeiten einschätzen, ist nur zum Teil davon abhängig, was wir tatsächlich richtig gut können. Der Vergleich mit anderen, ob wir besser oder schlechter sind als die Menschen in unserem Umfeld, ob wir gerade Erfolge oder Misserfolge ernten – das alles spielt eine Rolle.

Wie kann ich denn als Erwachsene herausfinden, ob noch unentdeckte Begabungen in mir schlummern?

Neue Talente entdeckt man, wenn man sich traut, etwas Neues zu probieren. Wenn man an seine persönlichen Grenzen geht. Und nicht immer gleich sagt, man könne dies oder jenes nicht, nur weil man es noch nie gemacht hat.

Das heißt, ich sage beim nächsten Meeting am besten: „Ich übernehme die Leitung vom Projekt!“ Einfach, um mal auszuprobieren, ob ich das kann?

Es muss nicht gleich der Ernstfall sein. Man kann sich erst mal in spielerischen Situationen ausprobieren: Ein Organisationstalent kann sich auch zeigen, wenn man den Flohmarkt für die Schule organisiert. Eine kommunikative Begabung oder Führungsfähigkeiten kann man auch im Vorstand des Kleingartens entdecken. Man muss eigentlich nur vieles ausprobieren und dann aufmerksam dafür sein, was einem gut gelingt und zugleich relativ leicht fällt – dann ist man seinem Talent auf der Spur. Wer sich gar nicht traut, kann in einem ersten Schritt auch Freunde fragen, welche Talente sie bei einem sehen. Oder mit einem Coach daran arbeiten.

Wenn ich für eine Sache wirklich talentiert bin: Bin ich darin dann auch automatisch sehr erfolgreich?

Talent allein nützt einem, ehrlich gesagt, noch nicht viel. Man muss es trainieren. Alle, die in einer Sache sehr gut werden und erfolgreich sind, haben extrem viel geübt und üben immer weiter. Studien zeigen, dass eine herausragende Sportlerin genau wie eine sehr erfolgreiche Wissenschaftlerin im Schnitt 10 000 Stunden Übung braucht, um eine grundlegende Begabung zu einer exzellenten Leistung auszubauen.

Das hört sich nach sehr viel Zeit an.

Ja, 10 000 Stunden sind umgerechnet etwa zehn Jahre, in denen man jeden Tag drei Stunden sein Talent trainiert. Ohne Übung wird auch aus der größten musischen Begabung keine Star-Geigerin. Und eine Person mit mittlerer Begabung kann dagegen mit Übung und Ehrgeiz sehr gut werden.

Ist Talent angeboren?

Eine Weile dachte man, Begabungen seien gleichzusetzen mit der angeborenen Intelligenz. So entstand die Idee vom Menschen, der zum Genie geboren ist. Vor etwa 30 Jahren kam dann die Theorie auf, mit nur genug Übung könnte jeder eine beliebige Fähigkeit zur Exzellenz ausbauen. Aus meiner Sicht ist aber etwas in der Mitte angemessen. Es gibt Menschen mit besonders günstigen Voraussetzungen etwa in Musik, Mathematik, Sport oder anderen Bereichen, die Hochbegabten also. Leistung und Erfolg erwachsen allerdings auch bei ihnen erst aus dem Zusammenspiel von Anlage, , Unterstützung und Förderung des Talents.

Hat jeder Mensch Fähigkeiten, die er mit Übung so ausbauen könnte, dass er darin zumindest sehr gut wird?

Auf jeden Fall! Es gibt keinen Nullpunkt der Begabung. Wir alle haben Fähigkeiten und sind in der Lage zu lernen. Und das ist bereits die wichtigste Voraussetzung dafür, dass wir unsere Begabungen ausbauen können.

Kann man später noch Talente fördern?

Nehmen wir an, ich entdecke tatsächlich erst mit Anfang 40 durch einen Theater-Workshop, dass ich eine Begabung für Schauspiel habe. Kann ich darin überhaupt noch richtig gut werden?

Ja, sicherlich! Es ist vielleicht etwas schwerer, als wenn man Anfang 20 wäre. Meist hat man ja auch schlicht weniger Zeit, zum Beispiel weil man kleine Kinder oder einen Beruf hat. Auch wird es mit dem Alter etwas anstrengender, ganz neues Wissen zu erlernen. Aber ansonsten ist es sicherlich so, dass man in jedem Alter die Chance hat, etwas Neues für sich zu entdecken und neue Fertigkeiten zu entwickeln. Es gibt berühmte Beispiele von so genannten Late Bloomers, also Menschen, deren hohe Begabung erst sehr spät sichtbar wurde. Zum Beispiel der Komponist Anton Bruckner, der erst mit 40 Jahren anfing zu komponieren, oder die Schauspielerin Kathryn Joosten, die erst mit 40 mit der Schauspielerei begann und dann als Darstellerin in der Serie „Desperate Housewives“ weltbekannt wurde.

Wenn man schließlich mit Anfang 40 sein wahres Talent entdeckt hat, könnte man also ruhig seinen Job kündigen und völlig neu durchstarten?

Solche Geschichten gibt es natürlich. Allgemein muss man aber sagen: Wenn man sich als Erwachsener sehr weit von seinem bisherigen Leben und seiner Ausbildung entfernt, wird es schwierig. Schließlich hängt der Erfolg nicht nur am Talent. Für viele Berufe gibt es ja auch eine formale Ausbildung, die man durchlaufen muss. Wer beispielsweise mit Anfang 40 noch ein Medizinstudium anfängt, begibt sich später im Arbeitsmarkt in Konkurrenz zu all den anderen Menschen, die auch eine Begabung dafür haben – und zusätzlich einen zeitlichen Vorteil in ihrer Lerngeschichte. Das braucht schon viel Kraft, das sollte man nicht unterschätzen.

Das klingt etwas desillusionierend.

Aber letztlich geht es gar nicht darum, dass jeder versucht, zum Supertalent zu werden. Vieles macht einfach mehr Freude, wenn man es mit seinen Begabungen in Einklang bringt und man merkt, dass man sich entwickelt, Kompetenz aufbaut. Vielleicht werden Sie nicht mehr Comedy-Star, aber die Fachfrau für Präsentationen mit Witz in Ihrem Unternehmen. Oder die Begabung im heilenden Umgang mit Menschen führt Sie nicht ins Medizinstudium, aber in eine Weiterbildung als Beraterin.

Es gibt umgekehrt auch Begabungen, die eine Art Verfallsdatum haben. Egal, wie gut jemand als junger Mensch in seinem Sport war, irgendwann kann der Körper keine Höchstleistungen mehr vollbringen. Und dann?

Wer sich auf eine Laufbahn als Leistungssportler einlässt, hat nicht nur die Grundsportlichkeit, sondern auch die Persönlichkeit dafür: Zu der gehören vor allem Ausdauer, eine große Toleranz für Frust und der Glaube an die eigenen Möglichkeiten. Und diese Leistungsorientierung verschwindet ja nicht einfach, weil man sich aus dem aktiven Sport zurückzieht. Wenn man sich beispielsweise Steffi Graf ansieht, die ja auch nach der sportlichen Karriere weiterhin erfolgreich als Unternehmerin ist, dann kann man davon ausgehen, dass ihre Fokussiertheit, ihr Durchhaltevermögen und die Leistungsorientiertheit nach wie vor da sind und ihr enorm nutzen. Sie beflügeln jetzt einfach andere Talente, die vorher hinter dem Sport in der zweiten Reihe standen.

Und wie ist das bei verschollenen Talenten aus der Kindheit, zum Beispiel Musikalität, die nicht gefördert wurden?

Wenn das Interesse für Musik noch da ist – und nicht nur die Trauer um verpasste Chancen –, dann macht es Sinn, dort weiterzumachen. Aber eben an einem anderen Punkt. Denn man hat natürlich nicht jahrelang die Feinmotorik oder sein Gehör trainiert wie jemand, der seine Begabung gefördert hat. Ja, gewisse Voraussetzungen können verloren gehen – aber nicht vollständig.

Man hört ja immer wieder, dass auch schwierige Schicksale dazu führen können, dass ein Mensch besondere Talente entwickelt. Zum Beispiel, dass ein Kind, das schon früh selbständig sein muss, weil die Eltern sehr viel arbeiten, sehr eigenständig zu denken lernt.

Probleme zu lösen fordert die Intelligenz und kann durchaus dazu führen, dass sich Begabungen entwickeln. Das gilt für Kinder genauso wie für Erwachsene. Allerdings ist hier sehr wichtig, dass das Problem lösbar erscheint und es vertrauensvolle Unterstützung gibt. Wenn ein Kind etwa zwischen streitenden Eltern aufwächst und dies einfach aushalten muss, ist das nicht förderlich. Wenn ein Kind jedoch in einem konfliktreichen Umfeld aufwächst und Unterstützung von vertrauensvollen Personen bekommt, es die Chance hat, über diese Konflikte zu reden, viele verschiedene Perspektiven sieht, seine sprachlichen Fähigkeiten im Streit trainiert und am Ende erlebt, dass man einen Konsens findet – dann kann das natürlich ein gutes Lernfeld sein. Und bei einer entsprechenden Begabung wächst so vielleicht sogar eine begnadete Konfliktforscherin heran.

Wie kann ich bei meinem Kind Begabungen in guter Weise fördern?

Als Erwachsener kann man die Lust am Denken eines Kindes leicht fördern, wenn man Fragen wirklich beantwortet und nicht einfach eine Standardantwort gibt. Wenn man ihm zeigt, dass es sich lohnt, mal irgendwo nachzugucken, wenn man etwas nicht weiß, statt zu sagen: „Nö, weiß ich nicht, ist auch egal!“ Ähnlich ist es mit anderen Talenten. Auf die Interessen einzugehen, Lerngelegenheiten zu schaffen und ein gutes Lernumfeld: Darum geht es. Dann können sich Talente entwickeln. Aber einen Leistungswillen kann man nicht erzwingen. Sobald ein begabtes oder kluges Kind merkt, dass es nicht mehr um es selbst und um den Spaß an der Sache geht, verliert es das Interesse.

Das ist bei uns Erwachsenen ja letztlich nicht anders . . .

Genau. Man kann sich mit Selbstdisziplin natürlich zum Üben zwingen. Aber das braucht wirklich viel Energie. In der Beratung haben wir dazu eine schöne Anregung: Wenn etwas nicht funktioniert – mach etwas anderes! Wenn etwas gut funktioniert – mach mehr davon! Das hört sich sehr simpel an. Aber es ist tatsächlich hilfreich.

Prof. Dr. Franzis Preckel lehrt Psychologie an der Universität Trier und hat dort die bundesweit einzige Professur für Hochbegabtenforschung und -förderung.

Du wünscht dir mehr Achtsamkeit im Alltag? Bei uns findest du noch mehr Artikel zum Thema. -> Achtsamkeit

Interview: Carola Kleinschmidt

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