Wie gut können Sie mit Veränderungen umgehen?

Wie gut wir mit Veränderungen umgehen können, hat mit konkreten Fähigkeiten zu tun, die in uns schlummern. Welche sind das?

Es gibt ein Gedankenspiel, das ich manchmal mache. Es klingt vielleicht etwas makaber, aber ich überlege dann, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn ich morgen eine schlimme Diagnose bekäme. Unheilbar krank. Oder etwas anderes passieren würde, das mein Leben stark beeinträchtigt. Ein Unfall zum Beispiel. Und ich bin mir ziemlich sicher, ich könnte dieses Schicksal tragen. Als ein Restrisiko, das zum Leben gehört. Als ein vielleicht angemessener Ausgleich für all das Glück, das mir schon widerfahren ist.

Natürlich mag mein Gedankenspiel anmaßend klingen. Wie kann man so etwas behaupten, wenn man nicht betroffen ist. Andererseits: Wenn man nicht Vertrauen in seine eigene Grundhaltung zum Leben hat - in was dann? Und eine Garantie auf ein unversehrtes Leben gibt es nicht - für niemanden. Oder? So empfinde ich es zumindest.

Experten nennen diese Eigenschaft Kohärenzsinn. Sie ist eine der Kompetenzen, die einem Menschen helfen, gut mit Veränderungen umzugehen. Kohärenzsinn ist eine Grundhaltung, die davon ausgeht, dass die Dinge, die einem im Leben passieren, einen Sinn machen - so schmerzhaft sie auch sein mögen. Eine Trennung als Neuanfang zu sehen oder einer schlimmen Krankheit mit Akzeptanz zu begegnen zum Beispiel. Es gibt Studien, die belegen, dass diese Menschen bei schweren Krankheiten wie Krebs wesentlich höhere Heilungschancen haben. Wer einen ausgeprägten Kohärenzsinn hat, hat das gute Gefühl, den meisten Aufgaben des Lebens gewachsen zu sein. Das hat auch mit Demut zu tun.

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Warum gerade ich, fragen viele.

Ich stelle mir manchmal eine Art Konto vor. Da stehen auf der einen Seite all die Momente, in denen das Leben gerade noch mal gutgegangen ist, aber eben haarscharf: Das Überholmanöver, das auch in einem üblen Crash hätte enden können; der Fußgänger, den man beim Abbiegen gerade noch gesehen hat; der Sturz vom Pferd, der deshalb glimpflich ausging, weil der spitze Baumstumpf ein paar Zentimeter weiter rechts stand. So viele Situationen, die im Alltag einfach untergehen, in denen eine Nanosekunde unser unbeschwertes Leben hätte komplett über den Haufen werfen können. Hat sie aber nicht. Wie oft nehmen wir diese Grenzmomente wahr? Wie oft sind wir dankbar, dass sie gut ausgegangen sind? Wie oft sehen wir nur das Drama, wenn es uns wirklich erwischt, und hadern mit dem bösen Schicksal?

Menschen gehen sehr unterschiedlich mit Veränderungen um. Auch mit solchen, die durchaus positiv enden könnten. Die einen sind zögerlich und abwehrend. Andere fallen sogar in eine totale Lähmungsstarre. Oftmals wird gehadert oder gezögert. Warum gerade ich? Soll ich wirklich?

Es gibt keinen Königsweg, um unwegsames Gelände zu durchqueren, dazu sind wir alle zu unterschiedlich. Aber eine der bestmöglichen Herangehensweisen ist laut Wissenschaft, Veränderungen und Unsicherheiten als Chance zu sehen. Als Rostlöser. Oder als ein Entwicklungs-Bootcamp der eigenen Persönlichkeit. Nie entwickeln wir uns stärker als in Krisen, das ist bekannt. Und ein Sprung ins kalte Wasser hat in der Regel eine schockheilende Wirkung.

Vertrauen und ein gesundes Selbstwertgefühl sind wichtig

Doch ob wir so sportlich mit Veränderungen umgehen können, hat, wie so vieles, mit Prägungen aus der Kindheit zu tun. Mit Vertrauen ins Leben - ein ganz wichtiger Punkt - und mit einem gesunden Selbstwertgefühl. Wenn ich das beides habe, bin ich in der Lage, Dinge kritisch zu hinterfragen und Ereignisse, die mir passieren, aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Statt schwarz-weiß auch die Grauschattierungen wahrzunehmen. Und je mehr Farbpaletten und Spielräume ich zur Verfügung habe, wenn es im Leben eng wird, desto besser. Wer eine sehr starre Vorstellung von den Dingen hat, wird sich mit Veränderungen - ob gewollt oder nicht - schwertun. Eine weitere wichtige so genannte Veränderungskompetenz ist die Selbstregulation. Das klingt leider total unglamourös, denn das Wesen eines Genies ist in der Regel seine Impulsivität - aber wer seine Gefühle und Handlungsimpulse kontrollieren kann, ist klar im Vorteil. Er kann störende Gefühle in seinem Sinne beeinflussen und Kurzschlusshandlungen vermeiden.

Die Königsdisziplin der sogenannten Veränderungskompetenzen aber ist die Ambiguitätstoleranz. Das ist die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, ohne diese auflösen zu wollen. Nicht zu bewerten, sondern Dinge, die passieren, einfach mal stehen zu lassen, auch wenn sie einem nicht schlüssig erscheinen. Zu sagen: So ist das eben. Die Welt ist nicht einfach, das hat auch nie jemand behauptet. Ambiguitätstolerante Menschen haben eine weniger festgefügte Vorstellung von sich selbst und fühlen sich deshalb nicht so schnell in die Enge getrieben. Sie können schwierige Situationen oder Schicksalsschläge galant durchschiffen und gehen bestenfalls gestählt daraus hervor. Wer das kann, ist wirklich Bundesliga.

Ich selbst beherrsche weder die Selbstregulation, noch bin ich besonders ambiguitätstolerant. Ich neige zu impulsiven Kurzschlusshandlungen und möchte am liebsten jedes Ereignis einordnen und bewerten. Ich mag klare Verhältnisse und will Unsicherheiten möglichst schnell und unerschrocken aus der Welt schaffen. Das ist zwar eine mutige Herangehensweise, jedoch für die Langstrecke nur mittelmäßig geeignet. Aber ich bin unendlich dankbar für meinen Kohärenzsinn, der mich optimistisch in die Zukunft blicken lässt.

Der bisher schwerste Schicksalsschlag in meinem Leben war der schwere Schlaganfall meines Vaters und das zehnjährige Martyrium bis zu seinem Tod. Ich war noch recht jung, als es passierte, und es war wahrlich keine leichte Zeit. Aber ich habe nie gefragt: Warum? Warum gerade er? Warum gerade ich? Es war so. Es ist das Leben.

Text: Nikola Haaks
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