Pippi Langstrumpf & Co.: Helden und ihre Macken

Was ist eigentlich bei Pippi Langstrumpf falsch gelaufen? Ist Alice im Wunderland ganz normal? Oder Aschenputtel? Laura James hat unsere Kindheitshelden auf die Couch gelegt und auf psychische Probleme untersucht. Hier lesen Sie die Macken unserer liebsten Kindheitsheldinnen - und was das über uns selber aussagt.

Pu der Bär ist hyperaktiv. Peter Pan leidet an Narzissmus und Essstörungen. In ihrem Buch "Tigger auf der Couch" hat die Britin Laura James unsere Kindheitshelden mit dem Blick eines Psychiaters angesehen: Sind sie verhaltensauffällig? Liegt das eventuell in ihrer eigenen Kindheit begründet? Und wie könnte eine Therapie aussehen?

Forscher decken auf: Darum vergeht die Zeit mit dem älter werden gefühlt schneller

Auf den nächsten Seiten stellen wir Kindheitsheldinnen des BRIGITTE.de-Teams vor - mit Diagnosen.

Die Diagnosen von Aschenputtel bis Pippi Langstrumpf

Der Fan

Ein Disney-Star mit braunen Haaren! "Die Schöne und das Biest" hat mir als Kind besonders gut gefallen, weil da endlich mal eine Filmheldin die gleiche Haarfarbe hatte wie ich.

Die Liebesgeschichte zwischen der Schönen und dem Biest fand ich gar nicht so spektakulär, weil der verzauberte Prinz auch als Biest ganz süß war und noch dazu schön gesungen hat. Dafür habe ich die Schöne für ihren Mut bewundert: Sehr tapfer, dem Biest nicht davon zu laufen!

Die Schöne war außerdem genau so ein Bücher-Fan wie ich. Ich habe früh angefangen zu lesen - und das Bücherregal meiner Mutter hat mich wahnsinnig fasziniert! So eine mit Büchern überfüllte Bibliothek wie das Biest hätte ich heute noch gerne.

Die Diagnose

Co-Abhängigkeit Belle weist alle Zeichen für eine Co-Abhängigkeit auf. Sie opfert sich für das Biest und für ihre Familie auf und gibt dabei ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse komplett auf. Wenn sie sich Wünschen anderer widersetzen soll, fühlt sie sich unwohl. Also lässt sie sich lieber schlecht behandeln und versucht es immer allen recht zu machen.

Menschen, die an einer Co-Abhängigkeit leiden, kommen fast immer aus dysfunktionalen Familien, in denen sie fehlangepasste Verhaltensmuster von klein auf lernen und diese nicht mehr ablegen. Sie gehen Beziehungen zu anderen abhängigen Menschen oder solchen ein, die ebenfalls an einer Persönlichkeitsstörung leiden. Sie überschütten den Partner mit übertriebener Fürsorge und erhoffen sich dafür grenzenlose Dankbarkeit und vor allem eins: nie verlassen zu werden. Denn alleine zu sein, ist das Schlimmste für Co-Abhängige. Aber auch wenn der Partner seine „Macken“ ablegt, bedeutet dass ironischerweise keine Besserung des Co-Abhängigen, sondern eine Verschlechterung. Denn auf einmal ist der Co-Abhängige seiner Lebensaufgabe beraubt, dem anderen zu helfen. Behandlung Belle sollte sich als erstes aus der Beziehung vom Biest lösen. Weiterhin wäre ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik zu empfehlen mit Gruppen- und Einzeltherapiesitzungen. Spezielle Medikamente zur Bekämpfung einer Co-Abhängigkeit gibt es nicht, eine Therapie verspricht aber trotzdem gute Heilungschancen. Nach einem stationären Aufenthalt sollte Belle zu „Anonymen Co-Abhängigen“ Treffen gehen, die überall angeboten werden. Zur ausführlichen Analyse: Die Akte der Schönen

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Der Fan

Inga Leister, Redakteurin

Allein der Name ließ mich schon verzücken: Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf! Weil Pippis Villa genau so kunterbunt war wie ihr Name, wäre ich am liebsten bei ihr eingezogen. Oder wäre mit dem Zopfmädchen ins Takatuka-Land zu meinem Piratenpapa gereist...

Wie oft habe ich mir gewünscht, Pippis Freundin zu sein - statt der langweiligen Nachbarskinder Tommi und Annika! Denn Pippi traut sich alles, auch wenn es völlig verrückt und sehr sinnlos ist: verkehrt herum im Bett schlafen, im Süßwarenladen 18 Kilo Bonbons kaufen, sich selbst Briefe schreiben...

Ich hätte mir die Welt auch gerne so gemacht, wie sie Pippi gefallen hat. Erwachsen werden? Ach nö.

Die Diagnose

Unspezifische Persönlichkeitsstörung Pippi macht alles so, wie man es nicht machen sollte. Sie widerstrebt jeglichen sozialen Normen, wodurch ihr Verhalten in gesellschaftlichen Situationen oft mehr als unangemessen wirkt. Am liebsten beschäftigt sie sich mit sich selber, so kann sie jeglicher Autorität entgehen. Dafür verhält sie sich anderen gegenüber autoritär, zum Beispiel ihre engsten Freunde Thomas und Annika müssen sich ihren Einfällen unterwerfen. Auch sich selbst maßregelt sie mit ihrer Autorität: So muss sie sich immer wieder ermahnen ins Bett zu gehen. Ihr ganzes Verhalten lässt sich als unkonventionell beschreiben. Sie lügt, dass sich die Balken biegen, trägt exzentrische Kleidung und hat einen erheblichen Mangel an Einfühlungsvermögen.

Auch wenn eine Persönlichkeitsstörung bei einem neunjährigen Kind eher ungewöhnlich ist, kann man sie bei Pippi nicht ausschließen. Schuld daran ist vermutlich der frühe Tod der Mutter. Außerdem hat der Vater sie sitzengelassen. Pippi wächst völlig allein, ohne Fürsorge und ohne den Besuch einer Schule auf. Ihre Störung lässt sich nicht spezifizieren, sie weist Verhaltensmuster unterschiedlicher Störungen auf. So zum Beispiel einer schizotypen Persönlichkeitsstörung und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Behandlung Pippi sollte dringend eine Psychotherapie machen, damit ihre Gefühle bezüglich dem frühen Tod der Mutter und dem Verschwinden des Vaters, ergründet werden können. Außerdem sollte sie in eine Pflegefamilie aufgenommen werden und regelmäßig eine Schule besuchen, um ihr Autoritätsproblem in den Griff zu bekommen. Zur ausführlichen Analyse: Die Akte Pippi Langstrumpf

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Der Fan

Marion Koslowski, Producing

Ich hatte zwei Hörspielkassetten auf denen übrigens die Cheshire Cat mit "Pinneberger Katze" übersetzt wurde, aber das nur am Rande. Alice völlig absurden Abenteuer mit unberechenbaren Wesen hatten mich völlig in den Bann gezogen.

Da war nicht alles nur niedlich und langweilig - da traf man auf echte Herausforderungen und spleenige Charaktere! Einmal hatte ich sogar geträumt ich wäre Alice und bin durchs Wunderland gelaufen. Der Traum war so intensiv, dass ich noch Monate später versucht hatte, ihn noch einmal zu träumen. Das ist mir aber leider nie wieder gelungen.

Die Diagnose

Keine Störung Alice hat anderen Kindheitshelden etwas voraus: Sie ist - normal! Dafür hat sie im Wunderland mit jeder Menge gestörter Persönlichkeiten zu tun. Zusätzlich nimmt sie wahrnehmungsverändernde Substanzen zu sich. Aufgrund ihres stabilen Familienhintergrundes und ihres gesunden Selbstvertrauens, kann sie diese ungewöhnlichen Situationen jedoch meistern, ohne Schaden zu nehmen. Auch sonst weist sie zahlreiche Eigenschaften auf, die ihr im Wunderland helfen, gesund zu überleben: Sie verfügt über Optimismus, Verantwortungsbewusstsein und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Da Alice das Wunderland überlebt hat, wird sie sich auch in Zukunft geistiger Gesundheit erfreuen können. Behandlung Eine Behandlung ist bei Alices geistigem Zustand nicht nötig. Allerdings sollte man nicht unterschätzen, was sie durchlebt hat und sie aufmerksam beobachten, falls ein posttraumatisches Stress-Syndrom auftritt. Ihre Familie muss sie außerdem darin bestärken, über das Erlebte zu berichten. Wird ihr nicht geglaubt, könnte sie Probleme bekommen, die Ereignisse zu verarbeiten. Zur ausführlichen Analyse: die Akte Alice im Wunderland

Auf der nächsten Seite: Aschenputtel

Der Fan

Michèle Rothenberg, Redaktion

Aschenputtel. Fleißig, bescheiden, unscheinbar, leidensfähig - gähn. Dass ich eine solche Streberin als Kind wirklich toll fand, ist schon fast einen Beitrag für unsere Outing-Rubrik wert. Pippi, Alice, Ronja, Zora - das sind coole Kindheitshelden, aber diese olle Erbsenzählerin? Was hat mich nur so daran fasziniert?

Meine Vermutung: Es ist mein Faible für Außenseiter. David gegen Goliath. St. Pauli gegen Bayern. Obama gegen Clinton. Ich liebe Geschichten, in denen der unterschätzte Zwerg dem blöden Großmaul erstmal zeigt, wo's langgeht. Vielleicht liegt es an meinem Nachzügler-Status in der Familie oder an meinen bescheidenen 162 Zentimetern - keine Ahnung. Aber mir wurde damals klar: Ein bisschen Nettsein, ein bisschen Einsatz - dann kommt auch die kleinste Maus groß raus.

Daran werde ich denken, wenn ich das nächste Mal am Kickertisch mitleidig gemustert werde. Aschenputtel? Ha! Tschack. Bumm. Ätsch.

Die Diagnose

Harmoniesucht Aschenputtel hat eine schwere Kindheit durchlebt. Ihre Mutter ist früh verstorben, die heile Welt damit zerbrochen. Ihre Trauer konnte sie mit niemandem teilen, da sie ihren Vater nicht belasten wollte. Als der Vater eine neue Frau findet, freut sie sich zuerst für ihn. Die Stiefmutter behandelt sie jedoch wie Abschaum und was noch viel schlimmer ist: Der Vater lässt dies zu. Die Stiefschwestern schließen sich ihrer Mutter an und lassen Aschenputtel in jeder Situation spüren, wie wenig sie von ihr halten. Aschenputtel vertraut sich niemandem an und denkt, sie sei selber Schuld an der Situation. Durch die ständige Ablehnung verliert sie ihr Selbstwertgefühl und ist sich irgendwann ihrer eigenen Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr sicher.

Eine schwere Kindheit und der Mangel an Selbstachtung sind die Ursachen von Harmoniesucht, unter der Aschenputtel leidet. Sie ist eine Ja-Sagerin, die es jedem recht machen will ohne die eigenen Gefühle zu berücksichtigen.

Behandlung Aschenputtel muss lernen, sich selbst und anderen feste Grenzen aufzuzeigen. Dafür ist ihr zu einer Psychotherapie zu raten, in der sie ihre Kindheit aufarbeiten kann und ein neues Selbstwertgefühl entwickeln lernt. Andernfalls kann sich die Harmoniesucht zu einer noch schlimmeren Persönlichkeitsstörung entwickeln. Zur ausführlichen Analyse: die Akte Aschenputtel

Auf der nächsten Seite: George von den "Fünf Freunden"

Der Fan

Angelika Unger, Redakteurin

Enid Blytons "Fünf Freunde" haben mich durch meine gesamte Kindheit begleitet. Die Hörspiel-Kassetten habe ich auf meinem kleinen Kassettenrekorder gedudelt, bis sie leierten, und die Titelmelodie kann ich noch heute mitsingen.

Meine Heldin: George. Eigentlich heißt sie Georgina, aber das hört sie nicht gern, denn sie möchte viel lieber ein Junge sein. Mutig ist sie und wild, sie klettert auf Bäume, und als ihr Vater ihr verbietet, ihren Hund Timmy zu behalten, versteckt sie ihn und opfert ihr Taschengeld für sein Futter.

Wenn's gefährlich ist, wollen die Jungs sie oft lieber zu Hause lassen. Aber George lässt sich natürlich nichts sagen - doch nicht von den Jungs! Ganz anders als ihre Cousine Anne, die immer vor allem Angst hat und ihren Brüdern die Betten macht.

George ist wie ich Einzelkind und hat braune Locken. Damit endet unsere Ähnlichkeit aber auch schon: Ich war nie gut darin, auf Bäume zu klettern, ich wurde noch nie von jemandem für einen Jungen gehalten, besitze weder eine eigene Felseninsel noch einen cleveren Mischlingshund. Aber vielleicht war es genau das, was mir an ihr so gut gefiel.

Die Diagnose

Geschlechtsidentitätsstörung George von den "Fünf Freunden" scheint eine Geschlechtsidentitätsstörung (GSD) zu haben. Anstatt sich - wie nahe liegen würde - mit ihrer Cousine Anne anzufreunden, verbringt sie die meiste Zeit mit Julian und Dick und hackt auf der schüchternen Anne herum. In einer Zeit, in der Mädchen die Haare typischerweise lang tragen, schneidet trägt George sie kurz. Sie trägt die Kleidung eines Jungen und betont bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wie viel lieber sie ein Junge wäre. Eine Geschlechtsidentitätsstörung ist meistens nicht in der Umwelt begründet, sondern innerlich. Trotzdem könnte bei George auch der Vater, ein strenger und etwas merkwürdiger Naturwissenschaftler, mit zu Georges Entwicklung beigetragen haben: Er dient als starkes Vorbild, während die Mutter eher im Hintergrund bleibt. Außerdem könnte es sein, dass er George in ihrem Verhalten bestärkt, indem er sie eher anerkennt, wenn sie sich wie eine Junge benimmt. Behandlung Eine Therapie wäre in Georges Fall nicht unbedingt nötig. Wenn sie behandelt würde, käme es vor allem darauf an, sie zufrieden mit sich selbst zu machen statt sie zu verändern. Wenn die Geschlechtsidentitätsstörung sich als extrem erweist, käme auch eine medizinische Geschlechtsumwandlung in Frage. Aber das ist wirklich erst der letzte Schritt: Es gibt schließlich viele maskuline Frauen und feminine Männer.

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Interview mit der Autorin: Was sagen unsere Helden über uns?

BRIGITTE.de: Wohin man im Kinderbuchregal schaut: Störungen! Wie kommt es denn eigentlich, dass so viele Helden unserer Kindheit psychisch angeschlagen sind?

Laura James: Laura James: Weil die Autoren sich an der Wirklichkeit orientieren - und es gibt genug Menschen mit psychischen Problemen. Außerdem sind das einfach die interessanteren Geschichten. Jemand völlig normales wie Alice im Wunderland muss eine Menge erleben, um die Leser an das Buch zu fesseln. Pippi Langstrumpf schafft das auch mit ihrem Charakter.

BRIGITTE.de: Was sagt es denn über mich aus, wer mein Kindheitsheld war?

Laura James: "Bei der Schönen von 'Die Schöne und das Biest' zum Beispiel lässt sich Co-Abhängigkeit diagnostizieren: Sie stellt die Bedürfnisse anderer über ihre eigenen.

Nicht jeder Fan von "Die Schöne und das Biest" muss solche Verhaltensmuster zeigen.

Anders herum werden co-abhängige Menschen besonders oft Geschichten wie "Die Schöne und das Biest" oder kitschige Liebesromane mögen."

BRIGITTE,de: Gerade bei alten Märchen wie "Aschenputtel" oder "Die Schöne und das Biest" wird Mädchen ein überaltetes Rollenbild eingetrichtert. Wie hat sich das geändert?

Laura James: Pippi Langstrumpf war sicherlich schon ein großer Schritt in diese Richtung und zum Beispiel Hermine aus "Harry Potter" ist nun wirklich ein gutes Beispiel für einen sehr starken weiblichen Charakter in einem Kinderbuch. Die Vorbilder für Jungen ändern sich übrigens auch: Früher gab es genau zwei Kategorien: die Prinzen und die Bösen. Das war etwas eindimensional. Auch hier ist Harry Potter ein gutes Beispiel für die Veränderung: Er ist ein Held, lässt aber auch Gefühle zu.

BRIGITTE.de: Warum haben Sie die Kindheitshelden auf die Couch gelegt?

Laura James: Weil psychische Krankheiten in den Medien immer nur negativ dargestellt werden: Entweder ist man gleich pauschal depressiv oder ein potenzieller Amokläufer. Ich wollte den Krankheiten ein freundliches Gesicht geben. Es haben sich einige Eltern bei mir gemeldet, die sagen: Super! Dank dieses Buchs ist es für uns viel leichter, mit der Krankheit unseres Kindes, zum Beispiel ADS, umzugehen.

Laura James arbeitet als Journalistin in Großbritannien und hat bereits mehrere Sachbücher verfasst. Schon als Kind hat sie sich sehr für Psychiatrie interessiert - und sie liebt Märchen. Damit alles in "Tigger auf der Couch" einwandfrei stimmt, hat sie beim Schreiben mit mehreren Experten zusammen gearbeitet.

Tigger auf der Couch Laura James Ullstein 8,95 Euro erschienen im August

Interview: Inga Leister Texte: Inga Leister, Michèle Rothenberg, Angelika Unger, Gudrun Möller Fotos und Illustrationen: Mark Fairhurst, Cinetext
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