Eine Frau, ein Bart

Mehr als zwanzig Jahre hat Mariam jeden Tag die Härchen um ihren Mund gezupft. Dann beschließt sie: Es reicht. Seitdem darf der Bart wachsen - ihr, einer Frau. 


Der 6. August 2008 ist der erste Tag von Mariams neuem Leben, der Beginn ihres Experiments. Dauer: offen. "Zu meinem Bart zu stehen - zu mir zu stehen ... Einfach sein wie ich bin", notiert sie an diesem Tag in ihrem Blog, "das ist die Zukunft."

Eine Frau, ein Bart

Die Vergangenheit, das sind 23 Jahre. In denen hat Mariam versucht, die Härchen in ihrem Gesicht loszuwerden, hat epiliert, gewachst, verödet. Schmerzhaft war jede der Methoden gewesen, längerfristig zufrieden stellend keine.

Gesellschaft: Die Frau mit Bart

Bis heute gibt es keine medizinische Erklärung für ihren Bartwuchs. Zwar stellte die Ärztin Birte Oltmanns-Elbelt vom Endokrinologikum Berlin einen leicht erhöhten Testosteronwert bei Mariam fest. Aber da die 45-Jährige weder an anderen für männliche Behaarung typischen Körperpartien wie Bauch oder Oberschenkelinnenseiten noch sonst irgendwie stärker behaart ist, scheiden sowohl Hirsutismus als auch Hypertrichosis als Ursache aus. Oltmanns-Elbelt Vermutung als Hormonexpertin: "Als Halbperserin hat sie wie viele südländische Frauen im Gesicht möglicherweise mehr Androgenrezeptoren in der Haut. Die Folge ist ein vermehrtes und verstärktes Haarwachstum - in ihrem Fall rund um den Mund."

"Der Bart ist ein Teil von mir"

Als sich Mariam im vergangenen Sommer nach langem Nachdenken entscheidet, die Haare in ihrem Gesicht wachsen zu lassen, tut sie das auch, weil sie das Gefühl hat, "der Bart zeigt mir den Weg zu mir. ... Denn mich so zu zeigen. Das bedeutet authentisch zu sein. ... Das wo ich mit Bart nicht hinpasse, das passt auch nicht zu mir, denn der Bart ist Teil von mir", bloggt sie am 18. August.

Überhaupt der Blog. Ihre Erlebnisse und Gedanken als bärtige Frau zu veröffentlichen, sind ihr wichtig. Sie will sichtbar sein, will wahrgenommen werden. Zu sehr hat sie das in ihrer Kindheit und Jugend in dem pfälzischen Arzthaushalt vermisst. Auf der Seite ihres Blogs lädt Mariam auch immer wieder Selbstporträts hoch. Auf diese Weise hat sich ihr heute 24-jähriger Sohn, der zurzeit in Portugal lebt, langsam an ihr neues Aussehen gewöhnen können. Trotzdem: Als er sie Weihnachten getroffen habe, erzählt er, wäre die Veränderung doch ziemlich groß gewesen. Aber Probleme, sich mit seiner bärtigen Mutter zu zeigen, nein, die habe er nicht gehabt.

Nur Mariam selbst fällt es hin und wieder schwer, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen: Zu heftig ist manchmal die Ablehnung der Menschen, zu laut der Spott. Und obwohl sie es schon nach ihrem abgebrochenen Lehramtsreferendariat nicht immer einfach hatte, einen Job zu finden - als Frau mit Bart ist es ungleich schwieriger. Mal hilft sie in der Küche von Restaurants, mal betreut sie Kinder, mal macht sie Näharbeiten. Viel verdient sie nicht damit, aber es reicht meistens.

Trotz aller Außenseitererfahrungen: Die Begegnungen Mariams mit sich selbst, mit ihrer Angst, ihren Sehnsüchten und Wünschen lässt sie heute feststellen: "Der Bart hat mich innerlich freier gemacht." Wie, das erzählt sie in diesem Video.

Zu Mariams Blog bei BRIGITTE.de

Text: Gunthild Kupitz Foto: Theresa Rundel, www.theresarundel.de Video: Henning Hönicke

Wer hier schreibt:

Gunthild Kupitz

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Eine Frau, ein Bart

Mehr als zwanzig Jahre hat Mariam jeden Tag die Härchen um ihren Mund gezupft. Dann beschließt sie: Es reicht. Seitdem darf der Bart wachsen - ihr, einer Frau.

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