Eine Woche ohne Meckern - geht das?

Meckern macht schlechte Laune und führt zu nichts. Kann man es eine Woche mal sein lassen? BRIGITTE-Redakteurin Michèle Rothenberg hat es versucht.

Meckerer sind doof. Ich mag keine Menschen, die schimpfen, weil man mit dem Fahrrad auf der falschen Seite fährt oder der Kaffee zu kalt ist oder die Kinder zu laut. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich meckere auch. Zwar selten andere an, dafür viel vor mich hin. Weil es im Alltag ständig Situationen gibt, die mich aufregen. Gehört zum Leben dazu, ich weiß. Aber eigentlich ist mir meine Zeit zu schade, über Sachen zu schimpfen, die ich eh nicht ändern kann. Alle sprechen über Achtsamkeit - passt es dazu, laut "Dieses bekackte Excel!" durchs Büro zu brüllen? Nein. Meckern macht schlechte Laune und eine miese Aura, und steckt im schlimmsten Fall die anderen an. Ich will das ändern. Ob es mir gelingt, eine Woche lang alles positiv zu sehen?

Tag 1 Fehlstart, aber richtig. Am ersten Tag tappe ich mehrfach in die Meckerfalle. Erst ist es der langsame Computer, dann das Gespräch beim Mittagessen über die Vor- und Nachteile von Großraumbüros (wetten, dass in diesem Land über nichts so viel gemeckert wird wie über die Zustände am Arbeitsplatz?). Ich mache mir eine mentale Notiz. Beim nächsten PC-Streik: tief durchatmen, aufstehen und etwas anderes machen. Bei der nächsten Bürojammerei: auf die positiven Aspekte konzentrieren. Ich weiß, das wird hart. Aber diese Woche war ja auch nicht als Ringelpiez geplant.

Erstes Erfolgserlebnis am Nachmittag: Ich muss mich mit meiner Altersvorsorge beschäftigen und setze gerade zu einem lauten "Ich HASSE ..." an, als mich zwei Kolleginnen unterbrechen ("Nicht meckern!") und vor dem Sündenfall bewahren. Großraum hat eben auch Vorteile.

Tag 2 Es wird leider nicht besser. Ich wache auf und fluche schon los: verschlafen! Ausgerechnet heute steht ein Schwimmbad-Besuch auf dem Kita-Programm meiner Tochter, und der Mann ist nicht da. Also schnell das Kind wecken, anziehen, Milch kochen, duschen, Frühstück machen, Badeanzug suchen, Schwimmflügel suchen, Zähne putzen (x 2), Stulle schmieren, Äpfel schneiden usw. Wer Kleinkinder hat, weiß, dass sich ihre Geschwindigkeit proportional zur steigenden Zeitnot verlangsamt. Also schon wieder gemeckert. Schlechtes Gewissen bekommen, Lächeln aufgesetzt und pfeifend aus dem Haus gerannt - in den Platzregen. Wer kann da positiv bleiben? "Singing in the Rain" fand ich schon immer blöd. Die Meckerquote steigt.

Mittags führe ich ein unangenehmes privates Telefongespräch. Danach Wut im Bauch und Ausheulen bei einer Kollegin über beratungsresistente Mütter mit Krankenhaus-Phobie. Ist das jetzt Meckern? Ich überlege kurz und lege es unter lebensrettende Maßnahmen ab. Manches muss einfach raus, sonst habe ich am Ende selbst ein Magengeschwür.

Die nächste Herausforderung ist der Nachhauseweg. Die Kita macht bald zu, ich bin mit dem Fahrrad unterwegs und gerate in den typischen "Straßenverkehrs-Mecker-Bewusstseinsstrom": "Wird die Ampel heute noch grün? Warum haben Autos eigentlich immer Vorfahrt? Schon wieder eine Baustelle! Blödes Kopfsteinpflaster. So ein Arsch!" Es ist kein lautes Schimpfen, aber im Innern klinge ich schlimmer als die Beschwerdehotline der Deutschen Bahn.

Ich merke, dass Meckern bei mir viel mit Stress und Zeitdruck zu tun hat. Vielleicht ein Ansatz? Es kann jedenfalls nur besser werden.

Tag 3 + 4 Wochenende! Mein Verdacht vom Vortag bestätigt sich. Samstag und Sonntag liegen ohne Pläne vor mir. Ich muss nirgendwo hinhetzen, Mann und Kind sind ausgeschlafen und gut gelaunt. Ich meckere - gar nicht. Am Sonntagabend fühle ich mich so positiv wie nach einer Chakra-Reinigung, und beschließe, den "Tatort" lieber nicht zu gucken, um das gute Gefühl nicht zu gefährden. Ich schlafe sehr gut.

Tag 5 + 6 Es gelingt mir, die meckerfreie Laune mit in die Woche zu nehmen. So ganz traue ich mir aber selbst noch nicht und klebe ein "Nicht meckern"-Post-it an den Bildschirm. Es funktioniert ganz gut. Immer wenn ich spüre, dass sich Ärger im Bauch bildet, atme ich tief durch. Ist die Sache wirklich so schlimm, dass sich dafür drei neue Stirnfalten lohnen? Nein, ist es eigentlich nie. Wieder gerät aber das Mittagessen zur Belastungsprobe. In Gruppen meckert es sich immer noch am schönsten. Die Rolle des Sonnenscheins, der in allem das Gute sieht, gelingt mir noch nicht so recht. Also schweige ich die meiste Zeit.

Tag 7 Der letzte Tag läuft richtig gut. Ich arbeite im Homeoffice und komme meckerfrei durch den Tag. Schon allein deshalb, weil der Berufsverkehr wegfällt. Selbst den Laubpuster, der mitten im Januar 20 Minuten vor meinem Fenster röhrt, lächle ich einfach weg. Ein Leben ohne Mordgedanken - eigentlich ganz cool.

Michèle ist froh, dass ihr Umfeld sie positiver sieht als sie selbst: "Du meckerst gar nicht so viel", hörte sie zum Glück recht oft.

Fazit Vor dem Experiment war ich skeptisch. Was sollte eine Woche Meckerverzicht bringen, wenn die Ärgernisse ja nach wie vor da sind? Aber es brachte erstaunlich viel! Mir half schon, dass ich mich mal von außen betrachtet und mir klar gemacht habe, wie oft ich mir von Kleinkram die Laune verderben lasse. Und wie viel Energie das frisst. Ich weiß nun auch, dass ich in stressigen Situationen besonders anfällig bin, Dinge negativ zu sehen. Also noch ein Grund mehr, den zu vermeiden. Und noch Tage nach der Versuchswoche ist meine Meckerquote angenehm niedrig. Das Post-it lasse ich erstmal am Bildschirm kleben.

Text: Michèle Rothenberg

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