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Probleme lösen: Abwarten oder durchstarten?

Probleme lösen: Abwarten oder durchstarten?
© Maria Vaorin/ photocase.com
Der einen hilft Geduld beim Probleme lösen, der anderen Mut. Vier Frauen über ihren Weg, Probleme zu lösen. Außerdem: Interview mit BRIGITTE-Psychologe Oskar Holzberg über Problemlösungsstrategien.

Typ "Sofort Handeln"

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Es gibt Menschen, die ziehen sich nach einem Streit Tage, manchmal Wochen zurück und warten, bis sich das Gewitter verzogen hat. Das schaffe ich nicht. Ich muss Konflikte sofort aus der Welt schaffen. Sonst kann ich an nichts anderes denken, mich nicht konzentrieren. Und steigere mich auch immer mehr in die Gedanken an eine Aussprache hinein. Daher greife ich meistens irgendwann zum Hörer und mache den ersten Schritt auf den anderen zu. Auch wenn ich vielleicht gar keine "Schuld" habe. Ich war natürlich auch schon an dem Punkt, an dem ich so verletzt oder wütend war, dass ich nicht darüber sprechen wollte. Aber das hielt höchstens zwei Tage.

Ich weiß, dass manche Dinge Zeit brauchen. Nur brauche ich eben wenig davon. Ich bin ein Kind der Informationsgesellschaft. Heute muss immer alles "schnell, schnell" gehen - das ist auch die Maxime meines Handelns. Die meisten Leute schätzen das an mir, aber manche fühlen sich auch überrumpelt. Die Zeitdimensionen, die Menschen für Entscheidungsprozesse brauchen, sind sehr unterschiedlich. Ich versuche, auf die einzelnen Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen, aber das gelingt mir nicht immer. Wenn ich mich zwinge, dem anderen die Zeit zu geben, die er braucht, ist das Gespräch auch konstruktiver.

Im Moment stecke ich wieder einmal in so einer Situation: Ich habe mich wegen einer blöden Sache mit einer engen Freundin gestritten. Ich habe sofort das Gespräch gesucht. Sie mehrmals angerufen, Woche für Woche, ihr einen Brief geschrieben. Aber sie reagiert nicht. Ich muss wohl akzeptieren, dass sie erst einmal Abstand braucht. Irgendwann wird sich auch bei ihr hoffentlich das Gewitter verzogen haben. Ich muss eben lernen zu warten.

Typ "Abwarten und aussitzen"

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Mein Freund und ich waren acht Jahre zusammen, als mir plötzlich Zweifel kamen. Ein Gefühl, dass irgendwas fehlt. Die Frage, ob das wirklich schon alles gewesen sein kann. Eine beißende Unzufriedenheit. Jeden Tag, jede Woche wurden die Gedanken an eine Trennung konkreter. Aber mir kam kein Wort über die Lippen. Vielleicht fehlte mir der Mut. Vielleicht hatte ich auch Angst, dass ich es später bereuen würde. Also wartete ich. Auf den richtigen Moment, die richtigen Worte. Oder darauf, dass diese Gedanken wieder verschwinden würden.

Natürlich hat mein Freund gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Er hat mich immer wieder gefragt, was denn los sei. Es dauerte mehr als sechs Monate, bis die Sache endlich in Gang kam. Und selbst dann war nicht ich es, die von Trennung sprach, sondern er. Eine Verzweiflungstat, ein dramatisches Zeichen. Aber ich fühlte mich von einer auf die andere Sekunde erleichtert. Es war das, was ich wollte, ohne dass ich den entscheidenden Schritt in diese Richtung machen musste.

Vielleicht verhalte ich mich so, weil ich hoffe, dass sich einige Probleme von allein lösen. Oder dass andere mir die Lösung abnehmen. Die Angst davor, mich falsch zu entscheiden oder falsch zu handeln, kommt mir schlimmer vor als das Ausharren in dieser Warteposition. Dadurch verliere ich jedoch viel Zeit - und manche Dinge verschlimmern sich, je länger man wartet.

Ich habe eine Freundin, die ganz tough ihren Weg geht. Manchmal wäre ich auch gern so. Aber ich kann wohl nicht aus meiner Haut. Ich bin Sternzeichen Zwilling - der geht Entscheidungen am liebsten aus dem Weg.

Typ "Mutig sein und durchstarten"

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Ich langweile mich einfach zu schnell, wenn ich zu lange an immer demselben Schreibtisch sitze und immer dieselben Dinge mache. Ich bekomme dann dieses nervöse Zucken in den Fingern und suche nach neuen Herausforderungen. Abwarten hat die Situation für mich noch nie verbessert. Darum habe ich mich vor eineinhalb Jahren auch selbstständig gemacht.

Ich hatte noch nie Angst vor Veränderungen, sondern stürze mich immer mit voller Wucht und Freude hinein. Das war früher auch schon so: Ich habe zum Beispiel Beziehungen, in denen ich nicht glücklich war, recht schnell beendet. Mein Motto lautet immer: Nicht jammern, sondern ändern. Ich weiß nicht, woher das kommt. Meine Eltern sind nicht so. Wahrscheinlich liegt es an den Erfahrungen, die ich mittlerweile gemacht habe: Auch wenn man sich für einen Weg entschieden hat, kann man ihn noch ändern und eine andere Richtung einschlagen, wenn man doch daneben lag.

Ich habe mal einen Job angeboten bekommen, als ich schon einen anderen angenommen hatte. Dieser stellte sich leider schnell als Flop heraus - also rief ich nach ein paar Wochen wieder ganz frech bei dem ersten Unternehmen an und fragte, ob sie mich noch brauchen könnten. Am Ende bekam ich den Job. Manchmal muss man sich nur trauen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ich bin für mein Verhalten früher oft von anderen kritisiert und belächelt worden. Vielleicht steckt bei denen auch ein bisschen Neid oder Angst vor Veränderungen dahinter. Vielen fehlt wahrscheinlich einfach der Mut - in diesen Zeiten setzt man lieber auf das vermeintlich sichere Pferd.

Typ "Sich Zeit nehmen und alles genau abwägen"

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Ein ehemaliger Chef hat mich "Kalkulatore" getauft: Man sieht, wie ich in meinem Kopf eine Pro-und-Kontra- Liste anfertige, wenn ich vor einem Problem stehe. Das beschreibt mich gut. Bei wichtigen Dingen notiere ich Vor- und Nachteile auf einem Zettel. Vielleicht dauert es deshalb länger als bei anderen, bis ich aktiv werde. Aber ich handele dann aus voller Überzeugung.

Im letzten Jahr bekam ich zwei gute Jobs angeboten und musste entscheiden, welchen ich wollte. Bis ich bei einem zusagte, dauerte es Wochen. Ich habe alles in die Waagschale geworfen: Gehalt, Aufgaben und Karrierechancen, aber auch Details wie Länge des Anfahrtsweges oder Größe der Firma. Dazu habe ich noch Rat gesucht bei Leuten, die sich in der Branche auskennen. Ich glaube, diese Herangehensweise habe ich von meinem Vater.

Er war genauso und hat mir beigebracht, dass Entscheidungen in Sachen Geld und Sicherheit gut bedacht sein müssen. Ich habe bis jetzt erst eine Entscheidung aus dem Bauch heraus getroffen. Damals wollte ich mich unbedingt beruflich verändern und habe das erstbeste Angebot angenommen. In diesem Job war ich so unglücklich, dass ich nach zwei Monaten wieder Bewerbungen geschrieben habe. Daraus habe ich gelernt.

Probleme lösen: BRIGITTE-Psychologe Oskar Holzberg über die richtige Strategie

BRIGITTE BALANCE: Abwarten oder Durchstarten: Gibt es eigentlich den Königsweg?

Oskar Holzberg: Das kann man nicht pauschal sagen, denn der richtige Weg hängt von der jeweiligen Situation ab. Wenn ich Probleme mit den Kollegen habe, dann sollte ich sicher nicht gleich kündigen. Wenn ich von meiner Freundin wieder und wieder enttäuscht werde, sollte ich nicht abwarten, dass sich das durch irgendein Wunder bessert, sondern handeln. Grundsätzlich sollten wir beides beherrschen. Und meistens können wir auch beides - nur in unterschiedlicher Ausprägung. Denn im Laufe der Zeit haben wir bestimmte Muster entwickelt, mit denen wir an Dinge herangehen. Der Königsweg ist es deshalb, zu reflektieren, was in der jeweiligen Situation angebracht ist.

BRIGITTE BALANCE: Wie entwickelt sich das eigene Muster denn?

Oskar Holzberg: Als Kind lernt man, dass man handeln oder sich entscheiden muss, wenn es ein Problem gibt. Aber wie man das richtig macht, bringt einem keiner bei. Das muss man sich selbst aneignen. Etwa am Beispiel unserer Eltern oder auch in Abgrenzung zu ihnen, weil wir furchtbar finden, wie sie das machen. Manches gucken wir uns auch von Lehrern und Freunden ab. Und natürlich spielen die eigenen Erfahrungen eine große Rolle. Wenn man mit einem Verhaltensmuster häufig erfolgreich war, neigt man dazu, dieses zu wiederholen. Und natürlich bestimmt auch die Persönlichkeit, der Charakter das eigene Verhalten.

BRIGITTE BALANCE: Inwiefern?

Oskar Holzberg: Vereinfacht gesagt, starten extrovertierte Menschen eher mutig durch. Jemand, der wenig Selbstwertgefühl hat, seinem eigenen Urteil nicht traut und nicht besonders durchsetzungsfähig ist, wird eher die Tendenz haben, abzuwarten und auszuharren.

BRIGITTE BALANCE: Welche Strategie genießt eigentlich den besseren Ruf?

Oskar Holzberg: Durchstarten hat sicher mehr Ansehen. Abwarten dagegen hat in einer Zeit, in der immer alles schneller geht und wir ständig neue Herausforderungen erleben, einen verschnarchten Beigeschmack. Man bewundert Leute, die ihre Dinge in die Hand nehmen und sich etwas zutrauen. Selbstverwirklichung in Sachen Job wird fast immer geschätzt. In Beziehungen allerdings wird man heute eher bewundert, wenn man in Krisenzeiten auch mal länger aushält und nicht sofort mit einem neuen Partner durchstartet.

BRIGITTE BALANCE: Hat man manchmal in verschiedenen Bereichen auch unterschiedliche Strategien?

Oskar Holzberg: Ja, das gibt es. Zum Beispiel gibt es Menschen, die sind im Job sehr zielstrebig und ehrgeizig. Trotz Hindernissen starten sie voll durch. Dagegen harren sie aber im Privatleben vielleicht jahrelang in einer Beziehung aus, die eigentlich schon lange am Ende ist. Das hat dann eher was mit ihren Erfahrungen in ihrer Familie zu tun. In der Schule wurden sie in ihrem Ehrgeiz bestärkt, gefördert und sind deshalb selbstbewusste Durchstarter. Aber auf der persönlichen Ebene, mussten sie sich anpassen und vieles aushalten. Und verhalten sich dann eher zögerlich, lassen geschehen. Meistens sind sie sich jedoch nicht über die gegensätzlichen Facetten ihres Handelns bewusst.

BRIGITTE BALANCE: Warum werden wir in Krisenzeiten so zögerlich?

Oskar Holzberg: Im Moment kann man fast schon von einer kollektiven Lähmung sprechen. Man denkt viel länger und intensiver darüber nach, ob man etwas ändern, etwas riskieren soll. Angst ist leider immer eine starke Bremse.

Protokolle: Angela Meier-Jakobsen Fotos: Maria Vaorin/photocase.com / Anja Lubitz Ein Artikel aus der BRIGITTE Balance 01/09

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