Kranke Seele: "Die meisten Menschen wissen kaum, wie sie psychisch funktionieren"

Jeder Dritte erkrankt in seinem Leben an einer psychischen Störung. Viele setzen sich zu spät damit auseinander. Die Psychotherapeutin Sabine Wery von Limont beschreibt in ihrem Buch, welchen Mustern die Seele folgt, bis sie krank wird.

Sabine Wery von Limont ist Psychotherapeutin

BRIGITTE.de: Frau von Limont, sie kritisieren, dass wir für unsere Körper gesundheitliche Vorsorgesysteme haben, für unsere Psyche aber nicht. Wie macht sich das bei Ihrer Arbeit als Psychotherapeutin bemerkbar?

Sabine Wery von Limont: Psychische Erkrankungen werden belastender, je länger man mit der Behandlung wartet. Spontanheilung gibt es in diesem Bereich kaum, Störungen chronifizieren mit der Zeit. Angst führt in der Regel zu noch mehr Angst und verengt das Leben. Am Anfang traut ein Mensch sich zum Beispiel nicht an einen bestimmten Ort. Bald kann er nicht mehr mit der Bahn oder dem Bus fahren, bis er schließlich gar nicht mehr vor die Tür geht. Auch Zwangsrituale werden opulenter, je länger sie unbehandelt bleiben. Depressionen nehmen im Verlauf an Tiefe und Schwere sehr zu. Wenn Patienten zu mir kommen, sind viele Muster bereits stark eingeschliffen bis hin zu Suizidalität.

Hätte man ihnen denn zu einem früheren Zeitpunkt besser helfen können?

Ja,  je früher, desto besser. Depressionen zum Beispiel beginnen oft mit negativen Erfahrungen in der Biographie und werden zum Grübelkarussel: „Ich bin unfähig“, „Ich bin eine Belastung für alle“, „ich bin nicht liebenswert.“ Die meisten halten eine Depression für eine Störung der Gefühle, weil man Trauer und Hoffnungslosigkeit fühlt, tatsächlich sind sie aber eine Denkstörung. Den Gefühlen gehen belastende Gedanken voraus, die sich um Versagen, Hoffnungslosigkeit oder Befürchtungen drehen. Man kann lernen, solche Gedanken frühzeitig zu unterbrechen und sich anders zu verhalten - die Gefühle ziehen dann nach.

Sie sagen, dass vielen psychischen Störungen ein instabiler Selbstwert zugrunde liegt ...

Ja, sehr vielen. Es ist dramatisch, wie viele Menschen sich innerlich immer wieder fertigmachen: „Ich kann nichts, ich bin nichts, ich genüge nicht“ - sind noch die harmlosen Selbstverurteilungen. Oft geht es auch um: „Ich bin dumm, hässlich, fett, schlecht, nicht liebenswert…“ Bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass diese Urteile gelernte Erfahrungen sind. Jemand hat uns das mit auf den Weg gegeben. Aber diese Sichtweisen sind änderbar. Man kann eine neue positivere Haltung zu sich erlernen. Und wenn ein Mensch sich selbst okay findet, lebt er sein Leben ganz anders. Er kann neue und positivere Erfahrungen machen. Psychische Störungen entstehen oft durch eine negativen Spirale. In der Therapie kann man das umdrehen: aus der Abwärts- eine Aufwärtsspirale machen.

Warum warten die Menschen denn so lange, bis sie therapeutische Hilfe suchen?

Den meisten von uns fehlt psychologische Kompetenz, also das Verständnis darüber, wie wir funktionieren. Die bringt uns einfach niemand bei. Wenn wir uns in den Finger schneiden, kleben wir ein Pflaster darauf. Entzündet sich die Wunde, suchen wir ärztliche Hilfe. Auf körperliche Erkrankungen lernen wir in der Regel, adäquat zu reagieren. Aber wenn es um unsere Seele geht, sind wir Meister im Bagatellisieren und Verdrängen. Eine Kränkung beispielsweise kann sich wie ein tief sitzender Stachel im Herzen anfühlen. Eine Depression raubt jegliche Hoffnung und Lebensenergie. Viele beißen aber die Zähne zusammen und schleppen sich mühsam durch das Leben. Erst wenn der Zustand unerträglich geworden ist, denken manche an Hilfe. Oft müssen sie dann aber schmerzvoll erfahren, dass das so leicht nicht möglich ist.

Was geht dann schief?

Das System zwingt sie zum weiteren Ausharren. Wenn es um die Behandlung psychischer Erkrankungen geht, ist unser Gesundheitssystem wahnsinnig schleppend, kompliziert und voller Hürden. Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind oft unerträglich lang. Menschen, die dazu kaum in der Lage sind, wird zugemutet, sehr viele Therapeuten abzuklappern oder lange Anfahrtswege hinzunehmen. Das ist unrealistisch, unverantwortlich und unmenschlich. Statt dessen greifen die Betroffenen weiter zu kurzfristigen Strategien.

Was ist falsch an kurzfristigen Strategien? Die Menschen leiden und wollen sich schnell helfen

Alles, was wir machen, wirkt. Kurzfristige Strategien sogar erstmal wahnsinnig gut – das ist das Fatale. Sich zu betrinken scheint einen Moment lang eventuell wirklich gegen negative Gefühle zu helfen. Aber was ist mit dem nächsten? Wieder betrinken? Oder shoppen, in den Puff gehen, arbeiten bis zum Umfallen? Oder ein anderes Beispiel, das ich oft sehe: Wenn jemand schmerzvoll zurückgewiesen wurde, erscheint es sinnvoll, sich zurückzuziehen. Psychisch hilfreich wäre das Gegenteil: Mutig auf andere zugehen, es wieder versuchen, eine andere Erfahrung möglich machen. Rückzug vermeidet akuten Schmerz super, aber wenn ein Muster daraus wird, dann schneiden sozialer Rückzug und Vermeidung uns davon ab, was wir dringend brauchen: Bindung und Zugehörigkeit zu anderen. Psychische Erkrankungen beruhen oft auf dem letztlich gescheiterten Versuch, auf seelischen Schmerz mit ungeeigneten, kurzfristige Strategien zu reagieren.

In ihrem Buch beschreiben Sie, dass es Fälle gibt, in denen Menschen gar nicht spüren, dass sie psychisch krank sind. Wie kann einem das entgehen?

Eine Depressionen oder Angststörungen merkt man irgendwann sehr deutlich. Die Betroffenen merken ziemlich genau: „Mit mir stimmt etwas nichts. Ich will, dass das weggeht.“ Bei einer Persönlichkeitsstörung ist das anders. Sie ist so sehr Teil des Menschen, dass er gar keine Ahnung hat, dass etwas nicht mit ihm stimmen könnte. Er erlebt sich selbst als völlig okay. In der Psychologie wird das Ich-Syntonie genannt. Es fühlt sich für den Betroffenen total stimmig an, so zu sein, wie er ist. Nur für das Umfeld wird die Störung deutlich. Persönlichkeitsstörungen sind gar nicht so selten: Laut Studien sind immerhin rund zehn Prozent der Bevölkerung betroffen. Das hört sich dramatisch an, Fakt ist aber, dass viele Menschen ganz gut damit leben können.

Sie sagen sogar, dass manche Menschen – oft sogar die Gesellschaft - von Persönlichkeitsstörungen regelrecht profitieren können.

Es ist nichts, dass man oft hört, aber unsere Gesellschaft funktioniert an manchen Stellen ganz gut, gerade weil Menschen Persönlichkeitsstörungen haben. Menschen mit einer Dependenten - also „abhängigen“ Störung - zum Beispiel sind oft ganz wunderbare, treusorgende Partner oder Eltern. Menschen mit narzisstischen Zügen wiederum sind mutig und unterhalten uns hervorragend als Schauspieler oder sonstige Darsteller. Viele Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung landen nicht zufällig oft in genau für sie passenden Berufen. Ein Chirurg oder ein Techniker in einem Atomkraftwerk, für den Perfektion und Akribie eine persönliche Notwendigkeit sind, kann ein Glücksfall für andere sein. Und er selbst zieht durchaus ebenfalls große Befriedigung daraus.

Wann fangen die Probleme denn an?

Wenn jeder mit seiner Störung auf einer einsamen Insel leben würde, würden sie kaum auffallen. Probleme tauchen in der Regel innerhalb der Beziehung mit anderen auf. Der Atomkrafttechniker kriegt eventuell Ärger mit seiner Frau, weil es mal wieder so spät geworden ist. Aber er kann nichts delegieren, denn seiner Meinung nach ist der Sorgfalt anderer nicht zu trauen. Viele Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung kommen erst, wenn es in Beziehungen kriselt, mit Kollegen oder in Partnerschaften. Oder sie brennen aus, weil sie stets alles selbst machen müssen. Oder weil vor lauter aufopferndem Verhalten die eigene Gesundheit völlig aus dem Blick gerät. Persönlichkeitsstörungen sind wie der fruchtbare Boden, auf dem weitere Störungen gedeihen - auch körperliche.

Manche scheuen den Gang zum Therapeuten auch deshalb, weil sie nicht in der Kindheit herumwühlen wollen. Muss das immer sein?

In meiner Behandlung fangen wir immer im Hier und Heute an. Es sind ja aktuelle Probleme, mit denen ein Mensch in die Therapie kommt. Dennoch führen die Schwierigkeiten von heute in der Regel zu Ereignissen in der Vergangenheit. Psychische Probleme fallen nun mal nicht vom Himmel, es gibt eine Ursache, aus der sie sich entwickeln. Dafür muss man oft zurückschauen. Die Patienten können dann außerdem nachvollziehen, warum sie wie geworden sind. Und viele sind überrascht, wenn man nicht nur in der eigenen Kindheit landet, sondern sogar oft noch sehr viel früher: Bei der Kindheit der Eltern oder noch weiter, bei den Großeltern im zweiten Weltkrieg oder anderen Katastrophen. Das passiert ziemlich oft.

Sie beobachten immer wieder, dass auch junge Menschen, die den Krieg nicht erlebt haben, unter dessen Folgen leiden.

Ja, man glaubt es kaum, aber der zweite Weltkrieg verursacht noch immer Kollateralschäden. Das klingt vielleicht erstmal seltsam. Aber auf den zweiten Blick ist das plausibel: Der Krieg hat ganze Generationen psychisch und physisch versehrter Menschen hinterlassen. Frauen und Männer, die aufgrund schwerster Traumata emotional kaum in der Lage waren, sichere und feste Bindung zu ihren Kindern aufzubauen. Aber Bindung zu unseren Nächsten ist elementar für eine gesunde Psyche. Wir müssen sie gespürt und erlebt haben, um sie wiederum kompetent der nächsten Generation zu vermitteln. Durch eine Traumatisierung emotional erkaltete Eltern können das nicht leisten. Aber woher sollen ihre Kinder es lernen, wenn nicht von ihnen? Ein Bruch in der Biographie einer einzelnen Person reicht manchmal, um Bindungs- und Angststörungen wie einen Staffelstab durch die Generationen zu reichen. Das ist allerdings nur die Seite des erlernten Verhaltens.

Welche gibt es noch?

Die der Vererbung. Wir wissen heute, dass wir nicht nur blaue Augen oder unsere Statur weitergeben, sondern auch unsere Ängste und Erfahrungen. Sie können sich regelrecht in unsere Gene eingraben. Aus Tierversuchen weiß man, dass der Nachwuchs angeborene Angst vor bestimmten Substanzen hat, mit denen er nie in Berührung kam - mit denen allerdings dessen Eltern malträtiert wurden. Folgenreich können sich auch traumatische Ereignisse während der Schwangerschaft auswirken. Das heranwachsende Kind kann das Stressprofil der Mutter quasi übernehmen. Wissenschaftler sprechen auch von „fetaler Programmierung“. Eigentlich ein genialer Schachzug der Natur: Sie möchte den Nachwuchs anhand der Erfahrung der Mutter möglichst optimal auf die Welt vorbereiten, die ihn erwartet. Aber es ist natürlich auch traurig und tragisch, wenn die Botschaft lautet: „Stell dich auf eine unheilvolle Umgebung ein.“

 "Das geheime Leben der Seele" von Sabine Wery von Limont, Mosaik, 16 Euro. 

 

von Jarka Kubsova Anmerkung: Sie ist freie Journalistin und Co-Autorin des genannten Sachbuchs
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