Psycho: Der kleine Teufel in mir

Natürlich wissen wir, was gut, richtig und vernünftig ist. Nur: So ist der Mensch nicht beschaffen.

Zwischen klarer Vernunft und echten Abgründen gibt es eine Region der Seele, in der ein tief verwurzeltes Bedürfnis nach Tratschen, Lästern, Lügen, Fremdgehen und allem, was als unvernünftig und hemmungslos gilt, angesiedelt ist. Das weiß auch BRIGITTE-Autor Till Raether aus eigener Erfahrung "Ich quäle meine Partnerin. Heimlich - und immer wieder".

Ein Mann bringt den Müll runter. Immer. Kaum nähert der Müllpegel sich dem Innenrand des Eimers, ist der Mann zur Stelle. Er macht keine Show aus seiner Zuverlässigkeit, er hat nur immer, wenn er das Haus verlässt, einen Müllsack in der Hand. Die Frau, mit der er zusammenlebt, vergisst irgendwann, dass es Müll und die Notwendigkeit, ihn runterzubringen, überhaupt gibt. Weil der Mann den Müll so zuverlässig entsorgt, ist Müll in ihrem Leben einfach kein Thema. Dann bringt der Mann den Müll einmal nicht runter. Der Mülleimer füllt sich, Abfall tritt über den Rand, Abfall droht auf den Küchenboden zu fallen. Der Mann wartet noch eine Nacht, dann, am nächsten Morgen, presst er mit großer Geste den überquellenden Abfall in den Sack und sagt zu seiner Frau: "Der Müll muss dringend runtergebracht werden."

Die Frau denkt: Stimmt, der Dings, der Müll. Der Mann sagt: "Kannst du nicht auch mal den Müll runterbringen?" Die Frau sagt: "Äh, ja klar, aber. . . " - "Aber was?", fragt der Mann, während er mit einem Anflug von Verzweiflung versucht, den Müllbeutel am Reißen zu hindern. "Den bringst du doch immer raus", sagt die Frau. Entgeistert schüttelt der Mann den Kopf, und sagt: "Ja, aber nur, weil du es nie tust!" Mühsam zieht er die Wohnungstür mit dem Fuß hinter sich zu, und man hört noch, wie im Hausflur etwas fällt und jemand es aufhebt mit tapfer unterdrückten Flüchen. Die Frau hat ein schlechtes Gewissen, ärgert sich und weiß gar nicht genau, warum.

Wir haben soeben einem Meister bei der Arbeit zugeschaut. Dies klingt vielleicht ein wenig unbescheiden, wenn man weiß, dass es sich bei dem Mann in der Geschichte um mich selbst handelt. Nach vielen Jahren als erfolgreicher Partnerquäler habe ich beschlossen, mir ein wenig in die Karten schauen zu lassen. Damit auch nachwachsende Generationen teilhaben können an der Kunst, anderen das Leben zur Hölle zu machen, ohne dass sie es merken.

Hin und wieder habe ich mich gefragt: Wäre es nicht besser, einem Menschen, mit dem man zusammenlebt, das Leben nicht zur Hölle zu machen? Dies ist ein sehr komplexes ethisches Problem, ich kann hier nur vereinfacht darauf eingehen. Zwei Antworten. Die erste: Ja ja, mag ja sein, aber es ist so gut wie unmöglich, damit aufzuhören, wenn man einmal auf den Geschmack gekommen ist. Die zweite Antwort: Nein, ganz und gar nicht, denn es stärkt die Beziehung. Warum dies so ist, werde ich am Ende kurz erklären. Beschäftigen wir uns zuerst mit dem Handwerkszeug. Frauen und Männer, die ihre Partner quälen, wissen, dass es drei unterschiedliche Herangehensweisen gibt. Man nennt die drei Stufen: Stufe 1, Stufe 2 und Stufe 2a.

Die Geschichte mit dem Müll ist ein Klassiker der Stufe 1. Das Grundprinzip dieser Art von Quälstrategien ist folgendes: Man erledigt einen eher ungeliebten Aspekt des gemeinsamen Lebens (Verabredungen organisieren, Behördenpost erledigen, früh morgens die Kinder versorgen) ganz von allein, so, als würde es einem nichts ausmachen. Der Partner oder die Partnerin wird sich an diesen Zustand schnell gewöhnen, dabei aber immer ein latent schlechtes Gewissen haben, denn er oder sie wird immer denken: Na ja, eigentlich müsste ich auch mal, aber schön, dass der andere immer. . . Und schon ist der Gedanke wieder weg, aber das kleine schlechte Gewissen bleibt. Im Konfliktfall, den der Partnerquäler wie in unserem Beispiel jederzeit beliebig herbeiführen kann, wendet sich das latent schlechte Gewissen gegen den Gequälten und hindert ihn daran, sich angemessen zu verteidigen. Er bleibt zurück mit dem unguten Gefühl, im Unrecht zu sein und dennoch Anlass zur Verärgerung zu haben. Autsch!

Das erste Tier, das du siehst, verrät etwas über deine Persönlichkeit

Stufe 2 funktioniert im Gegensatz zu Stufe 1 ohne Gegensatz wie Müll, Behördenpost oder Kinder, die früh morgens für die Schule fertig gemacht werden müssen. Man ist also variabler in den Anwendungsgebieten (Auto, Urlaub, ganz spontan), allerdings erfordert diese Stufe auch etwas mehr Erfahrung. Stufe 2 funktioniert so:

An einem beliebigen Tag erlaubt man sich eine kleine, destruktive schlechte Laune. Die Kunst ist, diese schlechte Laune nicht zum Ausbruch kommen zu lassen; sie darf nicht so offensichtlich werden, dass der Partner sagen kann: "Boah, hast du eine Scheiß-Laune heute, geh bloß weg!" Sie muss vielmehr im Vagen bleiben und immer wieder so oszillieren, dass sie auch eine mittlere Traurigkeit sein könnte. Sollte der Partner besorgt fragen, was man hat, darf man ernst, aber zuversichtlich sagen: "Ach, es ist nichts.

Ich weiß auch nicht." Es ist wichtig, sich an den genauen Wortlaut zu halten. Dies setzt man so lange fort, bis man den Partner, wie Fachleute sagen, total "runtergezogen" hat. Sobald dies gelungen ist, fängt man an, sachte gegenzusteuern und hellt die eigene Stimmung langsam auf. Dies erfordert Übung. Stufe 2 hat zwei mögliche Enden. Entweder man richtet den Partner vorsichtig und verständnisvoll wieder auf, so, als wäre man selber die ganze Zeit höchstens ein wenig still, aber um Gottes willen doch nicht übellaunig gewesen, man tröstet den Partner also über etwas Vages hinweg, das man selber angerichtet hat. Oder man kann ihm am Ende des Tages seine "Saulaune" und seine "ganze verdammte Destruktivität" vorwerfen. Dann kann man Sachen sagen wie: "Du, jeder kann mal schlecht drauf sein, klar, geschenkt, keiner weiß das besser als ich, aber das hier, das geht wirklich zu weit." So oder so wird im Partner ein Gefühl mittleren Unbehagens zurückbleiben.

Stufe 2a ist dann die hohe Schule. Die Kunst besteht hier darin, selber im Prinzip völlig passiv und neutral zu bleiben, wie beim Ringen aber das Gewicht des Gegners (anderes Wort für Partner) für sich arbeiten zu lassen. Man tut dies beispielsweise an einem verregneten Sonntag oder bei einem Abendessen im Restaurant, indem man über möglichst lange Zeit recht schweigsam ist, nur das Nötigste sagt, verbindlich, aber knapp, und sich davon abgesehen so weit es geht dem Zugriff des Partners entzieht. Dies jedoch, ohne irgendwelche Angriffspunkte zu bieten (wie gesagt, hohe Schule). Man kann zusehen, wie der Partner sich verdüstert, wie erst die Sorge in ihm aufsteigt, es könne "was sein", abgelöst von einer leichten Verärgerung darüber, nicht zu wissen, "was nun schon wieder ist", eine Verärgerung, die im Laufe des Tages oder des Essens anschwillt zu einer mittleren bis großen, ohne jedoch ein Ventil zu finden. Dies ist sozusagen das Gewicht des Gegners, der sich irgendwann frustriert auf einen stürzen wird, indem er einen Satz sagt wie: "Sag mal, was ist eigentlich los mit dir?", ein Satz, in dem mitschwingt: "Du hast den schönen Abend, das Wochenende, mein Leben versaut." Der Trick ist, auf diese Ansprache hin den Eindruck zu machen, man erwache gerade aus einem tiefen Traum, so tief, dass einem unmöglich hätte klar sein können, was für einen Eindruck man gemacht hat. War man nicht die ganze Zeit zwar geistesabwesend, aber doch eher konzentriert, nachdenklich, nicht missmutig und abweisend?

Der leicht überraschte Gesichtsausdruck, den man im Augenblick des Anwurfs aufsetzt, muss geeignet sein, im Partner Zweifel an der eigenen Wahrnehmung zu säen. Und dann sagt man etwas wahnsinnig Nettes oder sehr, sehr Grundsätzliches. Es ist ein bisschen typabhängig, aber von "Weißt du eigentlich, wie gut du heute Abend aussiehst?" bis zu "Willst du mich heiraten?" geht eigentlich alles (manches verbraucht sich). Und schon läuft der Partner mit dem ganzen Gewicht seiner Verstimmung ins Leere. Und nachdem er sich stundenlang damit gequält hat, zu einem durchdringen zu wollen, und dabei immer verstimmter wurde, bleibt ihm am Ende das dumme Gefühl, sich total verrannt zu haben.

Doch genug über die heiteren Seiten des Partnerquälens. Wenden wir uns zum Schluss noch einmal den ernsten Hintergründen zu. Von der Schauspielerin Katharine Hepburn stammt die Bemerkung, Paare würden irgendwann hauptsächlich durch die gemeinsame Abneigung gegen alte Freunde zusammengehalten. Dem ist nur hinzuzufügen, dass ein weiteres, ebenso stark verbindendes Element ist, sich gegenseitig auf immer neue, immer ausgefeiltere und immer subtilere Art zu quälen. Partnerquälen hat viele Ähnlichkeiten mit Bowling. So, wie Bowling seit Jahren darum kämpft, olympische Disziplin zu werden, kämpft das Partnerquälen um die Anerkennung als beziehungsstärkende Maßnahme.

Auf den ersten Blick hat das Partnerquälen natürlich wenig gemein mit klassischen Beziehungsstabilisatoren wie drüber reden, drüber lachen, drüber schlafen und Zahnpastatube zuschrauben. Man muss es jedoch so sehen: Wer sich immer mal wieder erlaubt, auf subtile Art gemein zu sein, der muss nicht so oft das berüchtigte "ganz große Fass" aufmachen, auf den Putz hauen, alles in Frage stellen. Es staut sich einfach nicht so viel auf. Wenn mich also jemand fragte, warum ich es immer wieder tue, würde ich antworten: darum. Aus Liebe sozusagen.

Foto: stockexpert BRIGITTE Heft 10/2007
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