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Psychologie Alles gut oder alles doof? 3 Faktoren bestimmen, wie du die Welt siehst

Psychologie: Eine Frau blickt aufs Meer
© Akin Ozcan / Shutterstock
Wir alle sehen die Welt aus unterschiedlichen Augen – und interpretieren das, was wir sehen, auch noch verschieden. Welche Faktoren bei dieser Interpretation die Hauptrollen spielen, liest du hier.

Wir machen uns das in der Regel selten klar, aber es hin und wieder doch zu tun, kann nicht schaden: Wir leben zwar alle auf demselben Planeten, aber jeder in seiner eigenen Welt. Keine zwei Menschen haben eine identische (Wahrnehmung der) Wirklichkeit. Und das liegt nicht nur daran, dass wir aus unterschiedlichen Augen blicken und die Dinge aus verschiedenen Winkeln betrachten, sondern auch daran, dass wir alle Eindrücke und Informationen, die bei uns ankommen, interpretieren und daraus ein Bild von der Wirklichkeit machen. Eine Vorstellung, auf die wir gezielt reagieren und die wir handhaben können. Alles was wir entscheiden, fühlen und tun, beruht auf unserer eigenen, individuellen Interpretation der Wirklichkeit. Und in manchen Situationen kann, sich dessen bewusst zu sein, uns durchaus helfen oder auch trösten. 

Doch welche Faktoren bedingen und beeinflussen unsere Interpretation, unsere Vorstellung von der Wirklichkeit? In ihrem Buch "Wie du bewirkst, dass dir Gutes geschieht" nennt und beschreibt die Psychologin Marian Rojas Estapé die drei folgenden.

Diese 3 Faktoren entscheiden maßgeblich darüber, wie du die Welt siehst

Deine Aufmerksamkeit bzw. Wahrnehmung der Wirklichkeit

(aufsteigendes retikuläres Aktivierungssystem = ARAS)

In jedem Moment, in dem wir wach sind, prasseln haufenweise Informationen auf uns ein – doch wir nehmen nur einen Bruchteil davon bewusst wahr. Unser Verstand ist ständig dabei zu priorisieren und die Informationen aus unseren Sinneseindrücken auszusuchen, die für uns wichtig und interessant sind. Die wiederum können je nach Lebenssituation und von Mensch zu Mensch stark variieren.

Wer zum Beispiel in der eigenen Nachbarschaft immer nur zu Fuß unterwegs ist und sich dann einmal von einer Freundin mit dem Auto nach Hause bringen lässt, wird wahrscheinlich überrascht sein, wie viele Einbahnstraßen und Abbiegeverbote es in der Umgebung gibt. Oder ein anderes Beispiel: Wenn wir gerade mit dem Gedanken spielen, uns neue Sneaker zuzulegen, werden wir sicherlich viel aufmerksamer und bewusster wahrnehmen, was andere Leute an den Füßen tragen, als sonst. Und kein Auge für ihre Jacken haben.

Psycholog:innen nennen diesen selektiven Aufmerksamkeitsmechanismus "aufsteigendes retikuläres Aktivierungssystem" (ARAS). Ohne dieses System wären wir mit der Verarbeitung der auf uns einprasselnden Informationen überfordert. Dadurch, dass wir es anwenden, ist unsere bewusste Wahrnehmung auf uns und unsere aktuelle Lebenssituation zugeschnitten – und deshalb immer individuell und subjektiv.

Dein Befinden

Vermutlich wissen wir das alle aus Erfahrung: Wir nehmen die Welt um uns herum in der Regel völlig anders wahr und beurteilen sie anders, wenn wir uns gut fühlen, als wenn es uns schlecht geht. Sind wir zum Beispiel gestresst und übermüdet, werden wir die Textnachricht einer Freundin, die uns fragt, ob wir am Abend ein Weinchen mit ihr trinken wollen, womöglich als belastend oder bedrängend empfinden. Fühlen wir uns fit und ausgeglichen, freuen wir uns über den Vorschlag und lassen schon mal den Primitivo atmen. Je nach Befinden kann ein und dasselbe Ereignis eine Katastrophe für uns sein oder eine Kleinigkeit. Je nach Befinden können wir ein To Do als easy peasy einstufen oder als unlösbares Problem. 

(Hier kannst du übrigens noch einmal nachlesen, von welchen Faktoren unser Befinden abhängt)

Dein Glaubenssystem

Unsere Glaubenssätze, also beispielsweise unsere Meinung darüber, was richtig und falsch oder gut und böse ist oder eben was sich jenseits dessen abspielt, was wir wissen (können), beeinflussen in hohem Maße, wie wir die Welt und Geschehnisse um uns herum wahrnehmen und beurteilen. Wenn zum Beispiel eine geliebte Person stirbt und wir an den Himmel glauben, ist das für uns ein Abschied auf Zeit. Glauben wir nicht an den Himmel, sind wir uns darüber im Klaren, dass wir diesen Menschen vermissen werden, bis wir selbst an der Reihe sind und gar nichts mehr fühlen. Ein Ereignis, zwei Wirklichkeiten – aufgrund von unterschiedlichen Glaubenssystemen.

Und nun?

Zugegeben: Wenn wir zu viel darüber nachdenken, wie subjektiv und selektiv unsere persönliche Wirklichkeit ist, kann das ziemlich verunsichern und demoralisierend sein. Bei jeder Entscheidung oder bei Dingen, über die wir uns freuen sofort im Kopf zu haben "ist ja 'nur' meine Wahrnehmung", ist sicherlich alles andere als hilfreich und sinnvoll. Doch in Konflikten zum Beispiel, wenn es uns schwerfällt, die Meinung von anderen zu tolerieren, wenn wir eine Lage als ausweglos empfinden oder in ähnlichen Situationen kann dieses Wissen um die Individualität und Subjektivität unserer Wirklichkeit sehr wertvoll sein. Deshalb sollten wir es genau dann bei unseren Entscheidungen und unserem Tun berücksichtigen.

Verwendete Quelle: "Wie du bewirkst, dass dir Gutes geschieht" (Marian Rojas Estapé)

sus Brigitte

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