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Psychologie 3 Prinzipien, nach denen du stets entscheidest, ohne es zu merken

Psychologie: Eine nachdenkliche Frau
© Daniel Jedzura / Shutterstock
In die meisten unserer Entscheidungen fließen zahlreiche Faktoren mit ein, die uns überhaupt nicht bewusst sind. Unter anderem seien laut einem Psychologen drei Prinzipien besonders wichtig und fundamental für unsere Urteile.

Bewusste Entscheidungen zu treffen, kostet uns (mentale) Energie und die ist begrenzt – bei den einen mehr, bei anderen weniger. Einen großen Teil unserer Alltagsentscheidungen treffen wir deshalb nicht bewusst, sondern unbewusst und routiniert. Wir kochen jeden Morgen als erstes Kaffee, nachdem wir aufgestanden sind, schauen nach links und rechts, ehe wir eine Straße überqueren, kaufen grundsätzlich die Bio-Eier, wenn überhaupt. Doch manchmal kommen wir in neue Situationen, in denen wir es nicht so machen können wie immer. Zum Beispiel wenn wir unsere Stimme bei einer Bundestagswahl abgeben dürfen. Oder zu entscheiden haben, ob wir uns impfen lassen oder nicht. Oder ob wir Schluss machen oder der Partnerschaft noch eine 32. Chance geben.

In solchen Situationen müssen wir wohl oder übel ein paar Informationen sammeln, sie ordnen und gewichten, um dann zumindest gefühlt gezielt und wohlüberlegt handeln zu können. Doch auch dann werden in unsere Entscheidung Faktoren miteinfließen, die wir gar nicht auf dem Zettel haben. Da wären einerseits individuelle Verhaltensmuster, die auf unserer Erfahrung und Persönlichkeit basieren. Und andererseits psychologische Prinzipien, die uns allen zueigen sind. Drei davon beschreibt der Psychologe Kevin Dutton in seinem Buch Schwarz. Weiß. Denken! Warum wir ticken, wie wir ticken, und wie uns die Evolution manipulierbar macht und nennt so dort auch "die wichtigsten evolutionären Eckpfeiler des sozialen Einflusses".

3 psychologische Prinzipien, nach denen du stets entscheidest

Mit seiner Darstellung bezieht sich der Psychologe vor allem auf Kontexte, in denen wir andere überzeugen möchten (oder andere uns). Doch da wir bei einer Entscheidung, die wir mit uns selbst verhandeln, uns selbst zu überzeugen haben, spielen die Prinzipien auch dabei eine Rolle.

1. Sicherheit (Kampf versus Flucht)

Unser Bedürfnis nach Sicherheit ist eine tief verwurzelte Triebfeder unserer Psyche. Unsicherheit bedeutet für uns Qual. Mit Unsicherheit verbinden wir (Lebens-)Gefahr und Angst. Ursprung dieses Bedürfnisses ist möglicherweise der Umstand, dass unsere Vorfahren einmal in einer Welt lebten, in der an jeder Ecke lebensgefährliche Bedrohungen lauerten: Wilde Tiere, eiskalte Nächte, giftige Pilze. Wagten sich Menschen früher auf unbekanntes Terrain, konnte das ganz schnell die letzte Entscheidung ihres Lebens sein.

Nun hat sich unsere Welt im Laufe der letzten 300.000 Jahre zwar sehr verändert. Unsere kognitive Ausstattung jedoch nicht ganz so drastisch. Deshalb ziehen wir bis heute das Bekannte und Kontrollierbare dem Unbekannten und Unkontrollierbaren vor. Deshalb erscheint uns laut Kevin Dutton der Kampf, so wir ihn denn gewinnen können, stets als die attraktivere Option als die Flucht, weil wir bei ersterem Handhabe besitzen, während wir bei der Flucht ins Ungewisse getrieben werden für wer weiß, wie lange. Und deshalb sympathisieren wir auch leichter mit Menschen, die sich für einen Kampf (zum Beispiel gegen eine Krankheit, eine:n politischen Gegner:in ...) entscheiden als für eine Flucht (zum Beispiel Schicksalsergebenheit, Aufgabe schon vor der Wahl ...).

2. Geschlossenheit (richtig versus falsch)

Mit wachsenden Sprachsystemen und zunehmendem Bewusstsein haben wir im Laufe der Evolution unter anderem die wunderbare Fähigkeit entwickelt zu grübeln. Wir lernten, die Möglichkeit zu sehen, dass ein Schatten an der Höhlenwand nicht unbedingt eine Gefahr sein musste, sondern auch der Gatte sein könnte, der früher als gedacht mit einem erbeuteten Baby-Mammut nach Hause kam. Das war definitiv ein Vorteil, da wir dem Gatten sonst vielleicht jedes Mal die Keule über die Rübe gezogen hätten. Doch endloses Grübeln – und das gilt heute wie damals – ist mindestens ungesund und im äußersten Fall gefährlich. Denn irgendwann müssen wir uns entscheiden, wie wir auf einen Schatten reagieren.

Deshalb, so die Annahme des Psychologen, haben wir ein Bedürfnis nach Geschlossenheit entwickelt, das ähnlich tief in unserer Psyche verankert sei wie das nach Sicherheit. Es bewirke, dass wir an einem bestimmten Punkt aufhören nachzudenken. Indem wir sagen, das ist richtig, das ist falsch. Das ist die Wahrheit, das die Lüge. Meine Meinung ist die beste, die anderen haben keine Ahnung. Und wenn ich für diese Überzeugung Fakten ignorieren oder anpassen muss, mache ich das eben – denn ich kann das Fass nicht endlos offen lassen.

Laut Kevin Dutton ist dieses Bedürfnis nach Geschlossenheit bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt: Einige Menschen geben sich mit wenigen Informationen zufrieden, um eine Entscheidung zu treffen (starkes Bedürfnis), andere sammeln lieber mehr (weniger starkes Bedürfnis). Doch früher oder später erreichen wir alle den Punkt, an dem wir uns zu einem Richtig und einem Falsch bekennen – auch wenn die Dinge von einem anderen Standpunkt aus betrachtet wieder ganz anders erscheinen.   

3. Eigeninteresse (wir versus sie)

In den 1970er Jahren führte der Psychologe Henri Tajfel ein Experiment durch, das bis heute zitiert wird (und das auch Kevin Dutton zitiert). Bei dem Experiment forderte er seine Proband:innen, eine Gruppe von Oberstufenschüler:innen, zunächst dazu auf, innerhalb von einer halben Sekunde eine Anzahl von Punkten zu schätzen, die sie auf einem Bildschirm sahen. Es waren zu viele, um es korrekt zu sagen, sie mussten schätzen. Darauf basierend teilte er die Versuchsgruppe in zwei Zufallsgruppen auf: Überschätzer:innen und Unterschätzer:innen. Im dritten Schritt wies er die Studienteilnehmenden an, an zwei andere Proband:innen Punkte zu verteilen, wobei die einzigen Informationen, die sie über ihre Mitstreitenden hatten, lautete: "Mitglied der eigenen Gruppe / Mitglied der anderen Gruppe".

Und siehe da: Diese Information genügte den Schüler:innen, um ihre Entscheidung zu treffen. Obwohl sie einander weder kannten noch wussten, was sie angeblich miteinander verband, verteilten sie ihre Punkte großzügig an Mitglieder der eigenen Gruppe und ignorierten bei der Vergabe Mitglieder der anderen Gruppe. Und illustrierten damit das Prinzip des Eigeninteresses beziehungsweise unser natürliches Bedürfnis, uns mit einer Gruppe zu identifizieren, indem wir uns von einer anderen abgrenzen. 

Dieses Prinzip bewirkt ähnlich wie die beiden anderen, dass wir manchmal Entscheidungen treffen, die bei näherer Betrachtung nicht besonders viel Sinn ergeben. Denn dass wir Menschen bevorzugen, nur weil wir uns in einer Gruppe mit ihnen einordnen können, ist nicht fair. Doch wir brauchen jede Entscheidungs- und Ordnungshilfe, die wir kriegen können. Egal, ob wir in einer Höhle leben, einer Mietwohnung oder einem Schloss.

Verwendete Quelle: Kevin Dutton, Schwarz. Weiß. Denken! Warum wir ticken, wie wir ticken, und wie uns die Evolution manipulierbar macht

sus Brigitte

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