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Psychologie 4 Wege, deinem Leben mehr Bedeutung zu geben

Psychologie: eine junge, nachdenkliche Frau
© Yuricazac / Shutterstock
Unsere Lebenszeit ist begrenzt und daher kostbar, deshalb macht der Gedanke, sie möglicherweise zu verschwenden, vielen Menschen Angst. Doch was können wir tun, um das zu verhindern? Wir hätten da ein paar Ideen.

Eines vorweg: Die Idee, dass unser Leben eine – oder auch keine – Bedeutung haben könnte, ist zunächst einmal eine menschliche Erfindung. Ohne unsere Interpretation und Einordnung der Welt in Kategorien wie sinnvoll, wirkungslos oder überflüssig hätte alles, was passiert und existiert, die gleiche Bedeutung und den gleichen Wert. Dieses Bewusstsein kann vielleicht einige Menschen entlasten und Druck oder Reue etwas abschwächen. Doch es macht die Frage nach einem bedeutungsvollen Leben nicht irrelevant. Wenn wir nämlich fühlen, dass wir nichts mit unserer Zeit anfangen, ist das für uns das Entscheidende und letztlich genauso quälend, als würden wir nichts mit unserer Zeit anfangen. Von daher macht es auf jeden Fall Sinn, darüber nachzudenken, wie wir leben könnten, um dieser Qual nach Möglichkeit zu entgehen.

Die US-amerikanische Philosophin Cheshire Calhoun hat diesem Thema, wie viele andere Wissenschaftler:innen, ein ganzes Buch gewidmet (Doing Valuable Time: The Present, the Future, and Meaningful Living), in dem sie vier grundlegende Kategorien beschreibt, wie wir unsere Zeit verbringen können:

  • Primary Time: Unter Primary Time versteht die Philosophin Zeit, die wir mit etwas verbringen, das wir um seinetwillen tun – zum Beispiel weil wir Freude daran haben oder davon überzeugt sind, dass es einen Wert hat. 
  • Filler Time: Den Begriff Filler Time verwendet Cheshire Calhoun, um Zeiträume zu erfassen, in denen wir uns die Zeit regelrecht vertreiben, weil wir zum Beispiel auf etwas warten oder keine Idee haben, was wir gerade tun möchten oder könnten, das wir als sinnvoll empfänden.
  • Entailed Time: Entailed Time (erforderliche Zeit) nutzen wir, um Primary Time verbringen zu können. Wenn wir uns zum Beispiel Primary Time darin besteht, mit einem Segelboot um die Welt zu fahren, würden wir in unserer Entailed Time vielleicht arbeiten, um Geld zu verdienen, von dem wir uns das Segelboot kaufen können. Oder hämmern, schrauben und sägen, um ein altes Segelboot zu restaurieren.
  • Norm-required Time: In die Kategorie Norm-required Time fallen solche Zeiträume, in denen wir Dinge tun, die von uns erwartet werden beziehungsweise weil sie von uns erwartet werden: Den Partner zur Hochzeit seiner unausstehlichen Schwester begleiten, Weihnachtsgeschenke für Leute kaufen, die eigentlich schon alles haben, und Ähnliches.

Damit sich unser Leben möglichst bedeutungsvoll für uns anfühlt, wäre es nach Ansicht der Philosophin mit Blick auf ihr Modell am besten, wenn der Großteil darin aus Primary Time bestünde und die anderen drei Arten der Lebenszeitgestaltung weniger oft vorkämen – schließlich ist Primary Time mit etwas gefüllt, das wir als wertvoll empfinden. Um nun Primary Time in unserem Leben zu maximieren und die übrigen Weisen des Zeitverbringens zu reduzieren, können folgende Schritte hilfreich sein.

4 Wege, deinem Leben mehr Bedeutung zu geben

1. Primary Time definieren

Während wir uns unter Filler, Entailed und Norm-required Time wahrscheinlich alle recht ähnliche Beispiele vorstellen, ist das, was wir als Primary Time empfinden, individuell und kann sich von Mensch zu Mensch stark unterscheiden. Zumindest in der Theorie Cheshire Calhouns, die eine subjektivistische Sichtweise vertritt. Ein Abend, den wir mit einer Freundin verbringen, kann (und wird wahrscheinlich bei den meisten) unter Primary Time fallen, weil wir die Zeit mit ihr genießen, sie uns inspiriert, dabei hilt, mit unseren Emotionen umzugehen, wir unsere Freundschaft stärken und vieles mehr. Eine Joggingrunde kann ebenso Primary Time sein, weil uns das Laufen Spaß macht, auf Ideen bringt, wir uns gerne fit fühlen und so weiter. Ein gutes Buch lesen, sich um andere Menschen kümmern, Essen servieren, Haare schneiden, bedrohte Sprachen dokumentieren, beten – was für uns persönlich einen Wert hat, dürfen wir uns in unsere Primary-Time-Spalte schreiben. Entscheidend ist nur, dass wir es auch tun, um uns bewusst zu machen, was für uns Primary Time ist. Denn nur dann können wir sie in unserem Leben wahrnehmen und fühlen oder gegebenenfalls Raum dafür schaffen.

2. Alltag reflektieren und Aktivitäten zuordnen

Natürlich wissen wir alle irgendwie, was wir mit unserer Zeit anfangen. Aber es sich einmal gezielt und ganz pragmatisch vor Augen zu führen und zu ordnen, kann sehr viel offenbaren, das uns gar nicht mal so klar ist. Wie viele Stunden bist du jeden Tag wach? Wie viele davon verbringst du mit Arbeit, mit deinen sozialen Beziehungen, Hobbys (Sport, Musik, Literatur ...), Haushalt, Medien, Kindern, ausruhen ...? Wenn du alles aufgelistet und gewichtet hast: Welche Elemente würdest du spontan in deine Primary-Time-Spalte schreiben? Im besten Fall sind es die meisten. Je mehr es in unserem Leben gibt, das für uns von Bedeutung ist, umso besser. Weil es dann weniger schlimm ist, wenn eine Sache wegbricht – oder an Bedeutung für uns verliert.

3. Nicht-Primary-Time zu Primary Time machen

Findest du in deinem Alltag nur weniges, das du in die Kategorie Primary Time einordnen würdest, heißt das nicht automatisch, dass du dein ganzes Leben umkrempeln musst. Vielleicht kannst du auch über deine Einstellung etwas an deiner Kategorisierung ändern. Denn wie eingangs erwähnt: Was Bedeutung hat und was nicht, entscheiden wir. Und was wir als bedeutungsvoll empfinden und was nicht, können wir damit auch beeinflussen. Zeit, in der wir nichts machen, weil wir gerade keine Ideen oder Energie haben, kann Primary Time sein, wenn wir sie als etwas erleben, das uns gut tut, uns entspannt und uns etwas gibt, das wir brauchen. So werden wir sie nur niemals erleben, sofern wir sie mir einem schlechten Gewissen verknüpfen und uns schuldig fühlen, weil wir gerade nicht die Welt retten. Einige Aktivitäten, die wir auf den ersten Blick als Entailed oder Norm-required Time einnehmend kategorisieren würden – einen Job, den wir vorwiegend als Geldquelle wahrnehmen, oder eine soziale Veranstaltung, auf die wir keine Lust haben – können plötzlich zur Primary Time werden, wenn wir irgendetwas darin finden, das uns interessiert, begeistert, inspiriert oder erheitert. Das zu suchen – und zu finden – kann unser Leben subjektiv bedeutungsvoller machen, ohne dass wir wahnsinnig viel ändern müssen.

4. Primary-Time-Aktivitäten priorisieren

Geht zu viel unserer Lebenszeit für Dinge drauf, die wir aus keinem Winkel als an sich wertvoll empfinden können, bleibt uns nichts anderes übrig, als zu versuchen, sie zu reduzieren beziehungsweise konsequent mehr von dem zu tun, was sich für uns bedeutungsvoll anfühlt. Letzteres ist tatsächlich in der Praxis oft leichter. Wenn es für dich Primary Time ist, ein Buch zu lesen, du aber im Alltag kaum liest, fang damit an, dir zumindest zehn Minuten Zeit dafür zu nehmen, ob in der Mittagspause, vor dem Zubettgehen oder direkt nach dem Aufstehen. Fühlt es sich gut an, war es ein Schritt in die richtige Richtung und du kannst darauf aufbauen – indem du auf 20 Minuten erhöhst oder es mit zehn Minuten selbst schreiben probierst.

Fazit

Sicherlich gibt es noch sehr viele andere Wege, unserem Leben mehr Bedeutung zu geben und die Frage, wie wir am besten unsere Zeit verbringen, überhaupt anzugehen. Doch einiges wird wahrscheinlich unterm Strich grundsätzlich kontraproduktiv sein. Zum Beispiel uns zu stressen, komplett an anderen zu orientieren und uns auf einen einzigen Weg zu versteifen. Denn wenn wir uns stressen, spüren wir nicht, was uns gut tut. Orientieren wir uns an anderen, werden wir blind für unsere eigenen Ideen. Und versteifen wir uns auf einen Weg, nehmen wir uns die Chance, andere schöne Wege zu erkunden. 

Verwendete Quellen: Psychologytoday.com, cheshirecalhoun.com, Cheshire Calhoun, "Doing Valuable Time: The Present, the Future, and Meaningful Living"

sus Brigitte

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