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Psychologie 5 Anzeichen, dass du dich selbst gaslightest

Psychologie: Eine nachdenkliche Frau am Fenster
© Dubova / Shutterstock
Du dramatisierst? Bist überempfindlich? Verdrehst die Fakten? Vielleicht. Aber vielleicht gaslightest du dich auch selbst.

Mit dem Begriff Gaslighting beschreiben wir üblicherweise etwas, das eine oder mehrere Personen einem anderen Menschen antun – mal mehr, mal weniger bewusst. In dem Theaterstück Gas Light des britischen Schriftsteller Patrick Hamilton, nach dem das Phänomen benannt ist, handelt der Gaslighter mit voller, perfider Absicht: Um seine Ehefrau in den Wahnsinn zu treiben, wechselt der Mann zum Beispiel die Beleuchtung in ihrer Wohnung durch Gaslichter aus, bestreitet hinterher jedoch, es getan zu haben. So bringt er sie dazu, an ihrem Verstand zu zweifeln, ihrer eigenen Wahrnehmung zu misstrauen, unsicher zu werden und sich letztlich von ihrem geliebten Mann, dem sie vertraut und von dem sie glaubt, dass er ihr Bestes im Sinn hätte, abhängig zu fühlen.

Auch in der Realität mag es Fälle geben, in denen Menschen Vertrauensverhältnisse gezielt nutzen und andere Personen bewusst gaslighten, also manipulieren und verunsichern, um Macht über sie ausüben zu können. Doch in vielen Fällen geschieht Gaslighting unbewusst. So kann es etwa sein, dass jemand so von der eigenen Wahrnehmung überzeugt ist, dass er:sie andere dazu bringt, an der ihren zu zweifeln – obwohl die vielleicht sogar näher an der Realität ist als die des von sich überzeugten Menschen. Um es kurz zu fassen: Ähnlich wie sich die wenigsten Narzisst:innen aussuchen, Narzisst:innen zu sein, entscheiden sich nicht alle Gaslightenden explizit dazu zu gaslighten. Bei den meisten etabliert es sich als Verhaltensmuster, das sie kaum als solches erkennen. Deshalb kann es theoretisch auch passieren, dass wir selbst unbemerkt zu Gaslightenden werden – sogar in der Beziehung zu uns selbst. Folgende Gewohnheiten könnten Anzeichen dafür sein. 

5 Anzeichen, dass du dich selbst gaslightest

1. Du misstraust deinem Urteilsvermögen

Es ist natürlich und gesund, gelegentlich an sich zu zweifeln – doch wenn wir unsere Wahrnehmungen und Urteile ständig und immer wieder in Frage stellen, kann das ein Ausdruck von Selbstsabotage sein. Wir brauchen ein grundlegendes Vertrauen in unsere Intuition, unsere Urteilskraft, unsere Erinnerungen und Wahrnehmungen, um Entscheidungen zu treffen und um uns einigermaßen sicher und frei zu fühlen. Mithilfe unserer Entscheidungen, Handlungen und den Konsequenzen lernen wir dazu und können unsere Intuition und unser Urteilsvermögen weiterentwickeln. Zweifeln wir hingegen daran, ehe wir eine Entscheidung treffen, nehmen wir uns die Chance zu dieser Entwicklung.

2. Du hältst dich für zu empfindlich

Eine typische Aussage, die im Zusammenhang mit Gaslighting fällt, ist: "Sei doch nicht immer so empfindlich! Du reagierst mal wieder total über." Und oft genug ist es unsere innere Stimme, von der sie stammt. Es mag sein, dass wir manche Situationen aus einer Perspektive betrachten könnten, aus der sie weniger schlimm, dramatisch, stressig oder sonst etwas erscheinen würden. Doch wenn wir das nicht auf Anhieb tun, hat das seine Gründe und ist okay. Wie wir etwas wahrnehmen und bewerten, gehört zu uns, ist Teil unserer Persönlichkeit und Biografie. Es ist niemals falsch oder zu empfindlich – es ist einfach unser Empfinden.

3. Du spielst deine Gefühle herunter

"Andere haben es viel schlechter als ich", "So toll war das jetzt aber auch nicht, was ich geschafft habe", "Ist doch keine große Sache" – uns dafür zu verurteilen, wie wir fühlen, beziehungsweise unsere Gefühle als unangebracht einzustufen, ist ein sicherer Weg, um uns selbst zu verunsichern, uns ein schlechtes Gewissen einzureden und uns klein zu machen. Und es ist eine klassische Gaslighting-Strategie. Unsere Gefühle sind unsere intimsten und zuverlässigsten Ratgeber. Ihre Botschaften sind vielleicht nicht immer ganz einfach zu verstehen, doch sie haben stets einen Wert. Sie machen uns lebendig, menschlich und zu der Person, die wir sind. Unsere Gefühle zu verurteilen, bedeutet, uns selbst zu verurteilen. Damit torpedieren wir nicht nur unseren Selbstwert und unsere Selbstakzeptanz, sondern unsere Authentizität.

4. Du suchst nach Entschuldigungen für andere

Nichts gegen Empathie. Es ist gut, wenn wir uns in andere Menschen hineinversetzen und Verständnis für sie aufbringen können. Doch dabei unsere eigene Perspektive, unsere eigenen Interessen und Gefühle unterzuordnen, geht zu weit. "Er hat ja gerade so viel um die Ohren", "Sicher hat sie es nicht so gemeint", "Es ist eben seine Art, zu spät zu kommen". Es mag immer Erklärungen und Entschuldigungen dafür geben, wenn andere uns schlecht behandeln oder verletzen. Doch es ist nicht unsere Aufgabe, diese Entschuldigungen zu suchen. Unsere Aufgabe ist, andere darauf aufmerksam zu machen, wenn eine Entschuldigung angebracht wäre.

5. Du gibst dir ständig die Schuld 

Fühlst du dich für alles Schlechte verantwortlich, das dir und in deinen Beziehungen passiert? Dann täuschst du dich selbst – denn du bist es nicht. Blameshifting, also die Schuld auf jemand anderen zu schieben, ist ein typisches Element von Gaslighting. Wenn wir uns selbst gaslighten, suchen (und finden) wir die alleinige oder hauptsächliche Schuld stets bei uns. Damit erzeugen wir ein permanentes schlechtes Gewissen ins uns sowie das Gefühl, etwas wiedergutmachen zu müssen. Doch an den meisten Konflikten, Krisen, Streits oder Verletzungen sind mehr als eine Person beteiligt. Die Schuld, die wir uns zuschreiben, lastet somit in Wahrheit (fast) nie allein auf uns.

Wenn wir Verhaltensweisen an uns entdecken, die auf Selbst-Gaslighting hindeuten, können wir versuchen, die Muster gezielt zu durchbrechen. Helfen mag dabei beispielsweise, unsere Gefühle aufzuschreiben und darüber nachzudenken, was sie ausgelöst hat. So lernen wir zu erkennen, dass alles, was wir fühlen, einen Grund und eine Berechtigung hat. Sind die selbstsabotierenden Verhaltensmuster zu festgefahren, als dass wir eigenständig herausfinden könnten, kann eine Psychotherapie sinnvoll und angebracht sein, um zu einem gesünderen, wertschätzenderen Umgang mit uns selbst zu finden.

Verwendete Quellen: wirtschaftsforum.de, forbes.com, healthline.com, medium.com

sus Brigitte

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