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Psychologie 5 Gründe, warum du gerne öfter mit Fremden sprechen könntest

Psychologie: Zwei Fremde sprechen und lachen miteinander
© Lucky Business / Shutterstock
Mit Fremden sprechen? Wozu? Wir wüssten da ein paar Gründe. 

So rätselhaft und unberechenbar Menschen sein mögen, eines gilt als relativ klar und unstrittig: Wir brauchen soziale Verbindungen und Kontakte. Wer sozial integriert und eingebunden ist und gesunde Beziehungen führt, lebt nachweislich glücklicher, gesünder und länger als Personen, die einsam und isoliert sind. Unser Sozialverbund und -sinn ist einer der wesentlichen, wenn nicht sogar der, Treiber unseres evolutionären Erfolgs. Ohne Gemeinschaft hätten wir keine Sprachen, keine Religion, keine Mathematik. Ohne soziale Einbindung würden wir sterben, wären wir ausgestorben. 

Viele Menschen, die als Kind etwa aus der Klassengemeinschaft ausgeschlossen wurden oder sonstige Ablehnung erfahren haben, haben ihr Leben lang mit Folgeerscheinungen zu kämpfen, die zum Teil posttraumatischen Symptomen ähneln können. Das Bedürfnis nach sozialem Anschluss ist so stark und so tief in uns drin. Die Beziehungen zu unseren Liebsten zu pflegen, so gut wir können, ist also niemals verkehrt oder fehlinvestierte Energie. Doch wie sieht es mit Kontakten zu Fremden aus? Mit dieser Frage haben sich zuletzt unter anderem die Psychologen Paul Van Lange und Simon Columbus eingehend beschäftigt – und sind zu dem Ergebnis gekommen: Es gibt mehr als einen guten Grund, die Bedeutung von Begegnungen mit Fremden nicht zu unterschätzen. 

4 Gründe, warum du gerne öfter mit Fremden sprechen kannst

1. Kontakte zu Fremden sind in den meisten Fällen positiv.

Wenn wir mit Fremden in Berührung kommen, ist das Konfliktpotenzial in der Mehrheit der Fälle gering – basierend auf der sozialen Interdependenztheorie, die unsere Beziehungen in Bezug auf Kriterien wie Machtgefälle, gegenseitig Abhängigkeiten und Vereinbarkeit von Interessen einordnet. In der Regel befinden wir uns mit Mitmenschen, denen wir flüchtig begegnen, auf Augenhöhe beziehungsweise es spielt keine Rolle, wie viel Macht oder gesellschaftliche Verantwortung wir in einem anderen Kontext tragen. Wir profitieren vorwiegend in etwa gleichermaßen voneinander und haben selten Interessen, die sich gegenseitig in die Quere kommen.

Natürlich gibt es Ausnahmen, beispielsweise im Straßenverkehr, Sommerschlussverkauf oder beim Einsteigen in einen überfüllten Zug. Doch die meisten Situationen, in denen wir mit Fremden ins Gespräch kommen (könnten) – am Markt mit anderen Kunden in der Schlange stehen, im Club an der Bar, beim Sonnen im Park – spielen sich in einem harmlosen, friedlichen Rahmen ab und sind deshalb freundlich, entspannt, angenehm. Kurzfristig können sie unsere Stimmung heben, langfristig unser Menschenbild positiv beeinflussen. Wenn wir also zum Beispiel auf etwas warten und Zeit tot schlagen müssen, haben wir unter Umständen mehr davon, einen kleinen Plausch mit einer mitwartenden Person zu beginnen, als auf unser Handy zu starren.

2. Fremde sagen es nicht weiter.

Bei Fremden ist die Gefahr üblicherweise gering, dass sie irgendwelche sensiblen Informationen weitergeben und uns damit das Leben schwer machen, da sie nicht zu unserem engeren Kreis gehören. Würden wir beispielsweise mit einem Kollegen schlecht über unsere Vorgesetzte reden, besteht eine gewisse Chance, dass davon etwas durchsickert. Bei einer fremden Person, die in einer anderen Branche arbeitet als wir und nicht einmal unseren Namen kennt, besteht kaum ein Risiko. Tatsächlich ist das ein Grund dafür, warum einige Menschen beispielsweise anderen Passagieren im Flugzeug ihr Herz ausschütten. 

3. Gespräche mit Fremden erweitern unseren Horizont.

Für die meisten Menschen fühlt es sich gut an, sich in ihrer eigenen Bubble aufzuhalten. Hier erfahren wir Bestätigung, hier kommunizieren wir mit Leuten, die die Dinge ähnlich sehen wie wir, hier ist die Welt in unserer Ordnung. Doch in unserer Bubble bekommen wir vieles nicht mit. Uns mit Menschen aus anderen Blasen auszutauschen, schenkt uns neue Perspektiven, bietet uns einen Blick auf die Welt durch ein anderes Fenster, zeigt uns andere Ausschnitte. Das ist nicht nur geistig bereichernd, sondern kann uns dabei helfen, manches zu verstehen und zu akzeptieren. Auch Ratschläge von fremden, unbeteiligten Personen können mitunter sehr wertvoll sein.

4. Aus Gesprächen mit Fremden ergeben sich Gelegenheiten.

Ob Wohnung, Job oder Samenspender – manchmal finden Menschen durch flüchtige Zufallsbegegnungen genau das, was sie suchen. Denn ähnlich wie im Fall unserer Bubble: Wenn wir uns immer in demselben Kreis drehen, sehen wir nur das, was sich in dessen Radius abspielt. Was die Welt darüber hinaus zu bieten hat, erfahren wir, wenn wir Menschen außerhalb unseres Kreises die Hand reichen.

5. Gespräche mit Fremden stärkt Zugehörigkeitsgefühl und Zusammenhalt.

Auch wenn wir es nicht jeden Tag so intensiv spüren wie etwa die Liebe und Sicherheit, die uns unsere Nächsten geben: Wir sind Teil einer großen Gesellschaft und uns dieser zugehörig und verbunden zu fühlen, fördert Zufriedenheit und Vertrauen. Je zerklüfteter und gespaltener eine Gesellschaft ist, umso unwohler und unsicherer leben in der Regel die Menschen darin, die ihr angehören. Daher können Personengruppierungen wie geimpft, ungeimpft und genesen, die etwa im Zuge der Coronapandemie in unserer Gesellschaft entstanden sind, eine große Belastung darstellen, sowohl für die Gemeinschaft als auch die Individuen.   

Für ein Experiment haben Wissenschaftler:innen weltweit 17.000 Geldbörsen "verloren", die meisten davon wurden zurückgebracht – mit besonders hoher Häufigkeit, wenn sich Geld darin befand. Es liegt Menschen in der Natur, einander zu helfen und Gutes zu wollen, nicht Böses. Dieser Wesenszug verbindet uns fast alle, egal ob wir ungeimpft, fitnessbegeistert oder christlich sind. 

Verwendete Quellen: psychologytoday.com, Vitamin S: Why Is Social Contact, Even With Strangers, So Important to Well-Being? (journals.sagepub.com/)

sus Brigitte

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