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Psychologie 6 Arten von Grenzen, die uns im Leben weiterhelfen

Psychologie: Eine Frau balanciert auf Eisenbahnschienen
© Alex from the Rock / Shutterstock
Grenzen zu setzen, ist manchmal gar nicht einfach. Tun müssen wir es aber so oder so und je bewusster wir dabei vorgehen, desto besser fühlen wir uns in der Regel damit. 

Grenzen begegnen uns überall. Ob in Gebirgen, Meeren oder auf der Autobahn. In Gesetzen, Notverordnungen, Eingangstüren von Clubs, Restaurants und Museen. Wir bedienen uns an Grenzen, wenn wir erkennen, dass ein Blatt grün ist und der Himmel blau (beziehungsweise grau, wenn wir in Norddeutschland leben). Wir nutzen Grenzen, um Konzepte und Kategorien zu bilden, die wir mit Wörtern bezeichnen – zwei solcher Beispiele sind Ich und Du.

Grenzen zu ziehen, scheint etwas so Selbstverständliches und Menschliches zu sein, dass man meinen könnte, es fiele uns leicht. Doch wenn wir unsere ganz persönlichen, individuellen Grenzen setzen müssten, stoßen wir manchmal an genau die. Wenn wir es aber nicht tun, kann das belastend sein, denn wie die meisten der Grenzen, die uns vorgegeben sind, schenken uns persönliche, selbst gesetzte Grenzen Klarheit und erleichtern unser Leben. Sie schützen uns und machen uns gleichzeitig frei.

Sind wir uns über folgende Arten von Grenzen im Klaren, haben sie zumindest vage für uns definiert und können dazu stehen, kann das eine Ordnung in unser Leben bringen, die etwas Beruhigendes wie Befreiendes hat. Und die es uns paradoxer Weise erleichtert, uns offen und aufgeschlossen in der Welt zu bewegen. 

6 Arten von Grenzen, die wir in unserem Leben brauchen

1. Körperliche Grenzen

Ob es um physische Nähe geht, die wir zu anderen Menschen zulassen können (oder brauchen), oder um Belastung: Unsere körperlichen Grenzen (und Bedürfnisse) zu kennen und zu akzeptieren, ist wichtig für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Selbst wenn uns Apps mittlerweile sagen, wie viele Kalorien wir zu uns nehmen, wie viele Schritte wir gehen und wie viele Stunden wir schlafen sollen, letztendlich wissen wir am besten, was wir uns zumuten können und wo unsere Grenzen liegen, denn jeder Körper ist einzigartig – und darauf lassen sich Apps nun mal (noch) nicht programmieren. 

2. Zeitliche Grenzen

Zeit ist eine unserer wertvollsten Ressourcen und es steht uns zu, selbst über unsere Zeit zu verfügen – soweit es möglich ist. Zwar haben die meisten von uns Verpflichtungen, für die wir eine gewisse Zeit aufwenden müssen (Job, Hochzeit der Tante, 70. Geburtstag der Mutter ...). Aber in vielen Fällen investieren wir diese Zeit dann doch indirekt in unser eigenes Wohlergehen, zum Beispiel vermittelt uns unser Job ein Gefühl von Sinn und ermöglicht uns, in einer schönen Wohnung zu leben und abends mit unserer Freundin Wein trinken zu gehen, und soziale Pflichtveranstaltungen stärken unsere Beziehungen.

Dennoch ist es angesichts dieser pflichtmäßigen Abzüge umso wichtiger, dass wir unsere frei verfügbare Zeit in etwas investieren, das uns etwas bedeutet oder gut tut (und nicht in unbezahlte Überstunden). Hier können wir Grenzen setzen, indem wir unsere Prioritäten im Leben klären und an ihnen die Einteilung unserer Freizeit orientieren. Womit wir beim nächsten Punkt wären.

3. Ethische Grenzen

Mit unseren ethischen Grenzen stecken wir ab, was uns im Leben etwas bedeutet und was wir für richtig oder falsch halten. Sie sind gesellschaftlich und kulturell geprägt, doch uns bleibt Spielraum, in dem wir selbst gestalten können – zum Beispiel liegt es an uns, in welchen Tätigkeiten wir Sinn empfinden, wie wir zwischen unserem eigenen Wohl und dem von anderen Menschen abwägen, inwieweit wir Regeln befolgen können/ möchten, die wir nicht befürworten. Ohne uns zumindest ansatzweise über unsere ethischen Grenzen im Klaren zu sein, müssten wir ständig grübeln und hätten große Schwierigkeiten damit, eigenständige Entscheidungen zu treffen, mit denen wir gut leben – und schlafen – können.  

4. Emotionale Grenzen

Emotionale Grenzen dienen dazu, unsere Gefühlswelt zu schützen, und können sehr unterschiedlich aussehen. So kann es etwa sein, dass wir selbst unseren Gefühlen ausweichen, wenn sie uns zu viel sind, und manchmal ist das tatsächlich gut (hier liest du, mit welchen Strategien wir Emotionen ausweichen können). Oder wir blocken äußere Einflüsse ab, von denen wir wissen, dass sie unsere Gefühlslage verschlechtern, zum Beispiel übergriffige Ratschläge oder Kommentare von anderen Menschen, berufliche Projekte, die uns emotional überfordern, oder soziale Verbindungen, die uns nicht gut tun. Wie auch immer sie aussehen, es ist okay und gesund, Grenzen zu setzen, die verhindern, dass Gefühle in uns getriggert werden, mit denen wir in einer bestimmten Situation nicht umgehen möchten. 

5. Soziale Grenzen

Mithilfe unserer sozialen Grenzen verorten wir uns in unserem Sozialgefüge und gewichten unsere Beziehungen. Wer sind die wichtigsten Menschen in unserem Leben? Welche Person ist diejenige, die für uns immer zum Wir und niemals zum Sie gehört? Und mit wem teilen wir gewisse Intimitäten lieber nicht? Wir können uns nicht unendlich vielen Menschen in gleichem Maße öffnen und auch nicht für eine unbegrenzte Anzahl an Leuten in gleicher Weise da sein. Doch indem wir uns von vielen möglichen Beziehungen abgrenzen, entscheiden wir uns dafür, ein paar wenige Verbindungen zu vertiefen – und das ist den Verzicht auf grenzenlose Offenheit in aller Regel wert.

6. Materielle Grenzen

Mit materiellen Grenzen legen wir einerseits fest, wie viel (materiellen Reichtum) wir im Leben brauchen, und machen uns andererseits klar, was uns materielle Gegenstände bedeuten. Und tatsächlich kann es eine erhebliche Erleichterung sein, diese Grenzen einmal ganz bewusst abzustecken. Wenn wir zum Beispiel entscheiden, dass wir für unsere Ansprüche genug Geld verdienen, können wir uns sparen, darüber nachzudenken, wie wir es vermehren und stattdessen im Wald Pilze sammeln gehen. Sind wir uns darüber im Klaren, dass wir keine Schramme an unserem Auto haben möchten, leihen wir es unserem Bruder lieber nicht für seinen Wochenendtrip nach Dänemark.

Noch ein Gedanke ...,

... der beim Grenzensetzen helfen kann: Ob es diejenigen Grenzen sind, die uns im Gebirge begegnen, oder die zwischen Grün und Blau: All unsere Grenzen sind ein Stück weit willkürlich. Ist die Corona-Pandemie ab einer Inzidenz von 100 außer Kontrolle? Oder erst bei 110? Oder bei 200?

Es kommt immer darauf an, aber worauf genau, wissen wir vielleicht in dem Moment noch nicht, in dem wir eine Entscheidung treffen müssen. Doch Entscheidungen müssen wir nun einmal treffen, denn sonst findet unser Leben ohne uns statt. Wir wissen meistens zu wenig, um von vornherein die optimalen Entscheidungen zu treffen oder die optimalen Grenzen zu setzen. Aber warten oder forschen, bis wir alles Relevante wissen, können wir so gut wie nie. Wenn wir aber unsere Grenzen als Work in progress betrachten und uns vorbehalten, sie neu zu definieren, sobald wir merken, dass sie uns einengen oder schaden, kann es leichter sein, uns dazu durchzuringen, überhaupt welche zu ziehen. 

Verwendete Quellen: Carlo Reumont, leider nein, leider gar nicht! mindbodygreen.com, Kevin Dutton, Schwarz. Weiß. Denken! Warum wir ticken, wie wir ticken, und wie uns die Evolution manipulierbar macht

sus Brigitte

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