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Psychologie 7 Dinge, die wir uns meist deutlich leichter vorstellen, als sie sind

Psychologie: Eine nachdenkliche Frau
© Marcos Mesa Sam Wordley / Shutterstock
In der Theorie und unserer Vorstellung erscheint uns vieles simpel, das sich spätestens bei der praktischen Umsetzung als doch nicht so einfach erweist. Um nur sieben Beispiele zu nennen.

Mit Krisen umgehen, Traumata bewältigen, Rückschläge und Verlust verkraften. Das sind für die meisten Menschen die großen, schweren Herausforderungen des Lebens. Zurecht. Wer so etwas erlebt und einen Weg findet, damit klarzukommen, verdient aufrichtige Bewunderung. Zugleich können bei näherer Betrachtung aber auch vermeintliche Kleinigkeiten tricky sein. Vermeintliche Kleinigkeiten, die wir von uns und unseren Mitmenschen wie selbstverständlich erwarten und einfordern, die aber gar nicht so mickrig und selbstverständlich sind. Wenn sie uns und anderen leicht fallen, ist das wunderbar und wir brauchen uns nicht weiter den Kopf darüber zu zerbrechen. Doch wenn wir uns oder andere sich damit schwer tun, gibt es keinen Grund, deshalb den (Selbst-)Respekt zu verlieren. Denn im Leben ist selten etwas genau so (einfach), wie es scheint.

7 Dinge, die wir uns oft deutlich leichter vorstellen, als sie sind

1. Authentisch sein

Sei einfach du selbst. Wie oft wir diesen Rat schon bekommen oder gegeben haben, wie oft wir ihn noch bekommen oder geben werden. Theoretisch ein guter Rat, denn wir selbst zu sein, ist niemals verkehrt. Doch wer genau sind wir? Die einen sagen, Menschen zeigen ihr wahres Gesicht in Krisensituationen. Andere halten berechtigterweise dagegen, dass gerade unter großem Stress der klare Verstand bei den meisten aussetzt – der aber stellt unter normalen Umständen einen wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit dar. Sind wir authentisch, wenn wir uns an die Regeln und Traditionen halten, die uns anerzogen wurden? Oder gehen wir damit vielmehr den Weg des geringsten Widerstandes, nicht aber unseren?

Und selbst wenn wir wissen, was unser authentisches Ich ist: Es anderen Menschen zeigen zu können, erfordert Mut und Selbstbewusstsein. Und Vertrauen. Masken schützen uns vor Ablehnung und Verletzung. Auf diesen Schutz zu verzichten, kann sich zweifelsfrei lohnen. Doch es ist eben nicht so einfach, wie manche meinen.

2. Menschen beschreiben

Menschen sind vielschichtig und wir werden niemals in der Lage sein, eine Person vollkommen zu durchschauen. Doch was ist eigentlich okay, über andere zu sagen? Können wir jemanden als älter beschreiben? Als blass oder dunkelhäutig? Als dünn oder still? Inwieweit kann unsere Wahrnehmung eines Menschen ihm wirklich gerecht werden? Vielleicht fühlt sich eine Frau, die wir als älter einordnen, gar nicht älter. Ist sie es dann trotzdem, nur weil wir sie so sehen? Wäre sie verletzt, wenn sie wüsste, dass wir so über sie denken? Wir können es uns leicht machen und uns all diese Fragen überhaupt nicht stellen. Aber wenn wir es doch tun, zeigt sich schnell: Einen Menschen angemessen und gerecht zu beschreiben, kann ziemlich tricky sein. Vielleicht ganz gut, dass wir es nicht allzu oft müssen.

3. Die Wahrheit sagen

Sag einfach die Wahrheit. Auch so ein Satz, der vielen Menschen verblüffend leicht von den Lippen geht. Denn die Wahrheit zu sagen, ist gar nicht so leicht. Schließlich müssten wir sie dazu erst einmal kennen. Einerseits gibt es genug Belege dafür, dass wir uns wunderbar etwas einbilden können, das gar nicht da ist. Die Ermittlerin muss lediglich statt mit welcher Geschwindigkeit fuhr das Auto gegen die Laterne fragen mit welcher Geschwindigkeit krachte es dagegen, und schon haben wir Scherben gesehen, die es eigentlich nicht gab. Jeder Mensch kennt nur die eigene Wahrheit, die gefärbt und von zahlreichen Faktoren beeinflusst ist und deshalb immer von der Wahrheit abweicht. Wir können hundertprozentig ehrlich sein und trotzdem nicht die Wahrheit sagen. Und ehrlich sein ist auch nicht immer so einfach, wenn verletzte Gefühle oder das eigene Schicksal auf dem Spiel stehen.

4. Toleranz

Wir urteilen und wir bewerten. Ob wir wollen oder nicht. Wir können uns um Toleranz bemühen und neugierig sein, um uns ein möglichst umfangreiches Bild von Situationen, Menschen oder Dingen zu machen. Wir können hinterfragen, warum wir etwas als besser oder schlechter einstufen, anstatt als anders. Selbst wenn wir uns niemals ganz von unseren Vorurteilen und Bewertungen befreien können, lohnen sich diese Bemühungen, weil sie uns dafür öffnen, wunderbare und bereichernde Erfahrungen zu machen. Und weil sie die Welt gerechter und friedlicher machen. Dennoch bleiben es Bemühungen. Tolerant zu sein, ist nicht leicht. Sonst wäre es jede:r.

5. Zuhören

Die meisten Menschen haben schon einmal erlebt, wie schwer es ist, die eigenen Gedanken abzustellen oder auch zu kontrollieren. In der Regel ist es kaum möglich. Deshalb ist es mitunter gar nicht so leicht, anderen Menschen aufmerksam zuzuhören – denn dafür muss unsere innere Stimme Ruhe geben. Eine weitere Herausforderung beim Zuhören: Unsere Vorurteile und Erwartungen. Wir hören und verstehen das, was wir erwarten. Wir interpretieren das Gehörte so, dass es in unser Weltbild passt oder wir uns gut damit fühlen. Zuhören ist eher eine Kunst als eine Kleinigkeit. Doch auch sie lohnt es sich zu üben.

6. Dem eigenen Gefühl folgen

Meistens bereuen wir am wenigsten, wenn wir unserem Gefühl folgen, insofern ist es in der Regel richtig. Selbst wenn wir uns wehtun und eine schmerzhafte Lektion lernen, können wir uns hinterher zumindest damit trösten, auf unser Gefühl gehört zu haben – und nun schlauer zu sein. Dummerweise ist es erstens gar nicht immer so leicht zu verstehen, was unsere Gefühle uns sagen wollen. Und zweitens sind sie nicht die einzigen Impulse, die auf uns einwirken. Seien es Ratschläge von außen, Pro- und Kontralisten oder die Gefühle unserer Mitmenschen, die bei unseren Entscheidungen eine Rolle spielen, die Situationen, in denen wir uns befinden, sind in der Regel komplex und es gibt vieles zu berücksichtigen. Dem eigenen Gefühl zu folgen, mag richtig sein. Doch es erfordert in der Regel Übung und ist keineswegs leicht. 

7. Nicht übertreiben

Seien wir ehrlich: Die meisten Menschen dramatisieren. Und die meisten erkennen das auch. Am nächsten Tag, eine Woche oder ein Jahr später. Natürlich dreht sich die Welt nicht um uns. Natürlich interessiert es niemanden, wenn wir unseren Flug verpassen. Und natürlich nehmen wir dann eben den nächsten verfügbaren Flug, verlieren vielleicht etwas Geld, aber denken zwei Monate später nicht mehr darüber nach. Doch wenn wir uns mitten in einem Moment befinden, sind wir manchmal eben überwältigt. Dann fühlt sich eben mal ein kleiner Stolperer wie eine Katastrophe an. Sicher tut es uns (und anderen) gut, zu lernen, uns zu beruhigen und abzukühlen, wenn wir dramatisieren. Aber oft ist es gar nicht so leicht. 

sus Brigitte

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