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Psychologie 9 Sätze, die typisch für toxisch positive Menschen sind

Psychologie: Eine Gruppe von Menschen
© giuseppelombardo / Shutterstock
Etwas zu übertreiben, ist fast immer ungesund – das gilt auch für Optimismus und Positivität. Diese Sätze sind typisch für Menschen, die in Sachen Positivität über das Ziel hinausschießen.

An einer positiven Lebenseinstellung ist nichts verkehrt. Hoffnung baut auf, Dankbarkeit macht glücklich und Lächeln weckt Sympathie. Doch wie mit allem im Leben können wir es mit Optimismus und Positivdenken übertreiben. Dass es auf dieser Welt Schattenseiten gibt, hat einen Sinn, und sie auszublenden, kann nicht gutgehen. Deshalb hat sich in der Psychologie der Begriff Toxic Positivity durchgesetzt: Übertriebenes Positivdenken kann nämlich erwiesenermaßen schädlich sein.

In einem oft zitierten Experiment haben Wissenschaftler:innen zwei Gruppen von Testpersonen verstörende Filme gezeigt (es soll sich um Videomaterial medizinischer Eingriffe gehandelt haben, also wirklich nichts für schwache Nerven). Die eine Testgruppe durfte sich die Clips anschauen und darauf authentisch reagieren, die andere erhielt den Auftrag, so zu tun, als wäre alles okay. Bei beiden Gruppen maßen die Forschenden den Stresspegel (anhand von Pulsfrequenz, Pupillenbewegung, Schweißproduktion und so weiter) und siehe da: Bei der Gruppe, die sich nichts anmerken ließ, war der im Schnitt deutlich höher als bei der Gruppe, die ihren negativen Emotionen freien Lauf ließ. So zu tun, als wäre alles fein, wenn es das eigentlich nicht ist, kann also offenbar Stress in uns auslösen und der ist auf Dauer bekanntlich alles andere als gesund.

Ein weiteres schwerwiegendes Problem mit übertriebenem Optimismus, der den Begriff Toxic Positivity rechtfertigt: Langfristig kann er uns isolieren und einsam machen und das ist wohl eines der schlimmsten Schicksale, die uns als Menschen ereilen kann. Immer alles positiv zu sehen, ist unrealistisch und unglaubwürdig, bei anderen Menschen fördert so eine Einstellung deshalb meist unwillkürlich Misstrauen, manchmal auch Neid. Mit einem Supermenschen, an dem scheinbar alles Negative abperlt, kann sich niemand identifizieren. Außerdem verbindet es, gemeinsam durch die Untiefen des Lebens stapfen zu müssen. Geteiltes Leid ist halbes Leid und sich zusammen über das furchtbare Winterwetter, die unfähige Politik oder hartnäckige Viren aufzuregen, schafft eine Verbindung, die das Übel dieser Welt erträglicher macht. 

All dies heißt nicht, dass wir unsere Dankbarkeitstagebücher verbrennen und uns mit Wonne über alles ärgern und grämen sollen, was sich einigermaßen dafür anbietet. Es geht darum, ein gesundes Maß zu finden, das Positive zu erkennen und zu schätzen und das Negative zu sehen und damit umzugehen. Und übrigens sieht das von Mensch zu Mensch unterschiedlich aus: Manche Leute sind von Natur aus optimistischer als andere, während einige Personen mit einer pessimistischeren Einstellung besser fahren und gesünder leben. Doch selbst wenn jemand zu den optimistischsten Menschen von allen gehört – folgende Sätze sind typisch für Toxic Positivity und meistens ein Signal, dass es die betreffende Person mit ihrem Positivdenken ein wenig übertreibt.

9 Sätze, die typisch für toxisch positive Menschen sind

1. "Denk gar nicht darüber nach, sei einfach optimistisch."

Es ist sicherlich nicht motivierend, immer vom Schlimmsten auszugehen und sich über alles Sorgen zu machen, was passieren könnte oder wird. Doch manchmal und manchen Menschen hilft es, Negativszenarien durchzuspielen, um sich vorbereitet zu fühlen oder um sich selbst vor Situationen zu schützen, an denen sie zerbrechen würden. 

2. "Es könnte schlimmer sein."

Der Gedanke, dass es schlimmer sein könnte oder anderen schlechter geht, kann einige Menschen in manchen Situationen tatsächlich trösten und diesen Trosteffekt zuzulassen, ist völlig okay. Doch diese Feststellung ändert nichts an der Sache selbst oder an den unangenehmen Emotionen, die sie auslösen mag und darf.

3. "Alles geschieht aus einem höheren Grund."

Glaube und Spiritualität geben uns Halt und es spricht nichts dagegen, darin Kraft und Hoffnung zu suchen. Doch manchmal ist die Welt einfach doof, ungerecht und eine höhere Ordnung nicht zu erkennen, und es ist völlig okay, darüber frustriert zu sein.

4. "Scheitern ist keine Option."

Fehler und Scheitern zuzulassen und anzuerkennen, ist die Voraussetzung, um zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Und leider gehört zu diesem Zulassen und Anerkennen, die Enttäuschung und Verunsicherung zu spüren und auszuhalten, die das Gescheitertsein in uns auslöst.

5. "Niemals aufgeben."

Aufzugeben ist keine Schande, wenn wir erkennen, dass es besser für uns ist, als verbissen einem Weg zu folgen. Es geht nun einmal nicht alles glatt oder gut für uns aus. 

6. "Sieh es doch mal positiv."

Alles hat mehrere Seiten, positive, negative, lustige, traurige, hässliche und viele mehr. Das Leben in all seinen Facetten anzunehmen, bedeutet, sich mit möglichst vielen dieser Seiten zu beschäftigen und darauf einzulassen – nicht nur mit der positiven.

7. "Es gibt keine Grenzen, nur Ziele."

Für das Leben gibt es keine Bedienungsanleitung, in der festgehalten ist, welche Ziele wir erreichen und abhaken müssen, um es sinnvoll zu gebrauchen. Unsere persönlichen Ziele geben uns Orientierung, doch wir haben keine Garantie dafür, dass sie uns den optimalen Weg weisen. Wenn wir vor einem Ziel an eine Grenze stoßen, die wir nicht überwinden möchten oder können, dürfen wir darüber traurig und enttäuscht sein – doch es gibt keinen Grund, es nicht zu akzeptieren. 

8. "Mit der richtigen Einstellung kannst du alles schaffen."

Mit einer gesunden Einstellung können wir in den meisten Fällen ganz gut überleben, doch wir können und müssen nicht alles schaffen. Wir sind viel mehr als unser Mindset und alles, was zu uns dazugehört – Müdigkeit, Unlust, Falten, mangelnde Ausdauer –, hat seine Berechtigung.

9. "Don't worry, be happy."

Sorgen können tatsächlich ausarten und sich in Grübelzwänge und Untätigkeit verwandeln. Aber wir können nicht dauerhaft und nur glücklich sein. Selbst im Paradies am Meer ohne Pflichten und Geldsorgen kann das nicht gelingen. Irgendwann verliert das Glück seinen Reiz oder seinen Wert und wir empfinden einen Mangel. Warum das so ist, wissen vielleicht jene, die erklären können, warum es Gut und Böse, Schön und Hässlich, Richtig und Falsch geben muss und es nicht mit der einen Seite getan ist. Doch so ist es nun einmal: Wir können nicht nur glücklich sein, manchmal müssen wir uns auch mies fühlen. Und nur wenn wir das anerkennen und zulassen, ist und bleibt das Positive wirklich positiv.

Verwendete Quelle: thepsychologygroup.com

sus Brigitte

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