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Miteinander Wenn alle Menschen diese Dinge wüssten, wäre die Welt (noch) schöner

Psychologie: Eine fröhliche Frau an einem Gletscher
© Hanhalo Yehor / Shutterstock
Dafür dass wir unsere Welt und Gesellschaft in hohem Maße selbst gestalten, kann sie hier und da ein echter Stimmungskiller sein. Ob es daran liegt, dass zu viele Menschen über diese Dinge einfach nicht Bescheid wissen? 

Unsere Welt ist schon ziemlich toll. Um das zu erkennen und zu spüren, muss man nur einmal im Sommer durch eine Straße mit vielen Cafés spazieren, wo Menschen zusammen draußen sitzen, sich unterhalten, lachen, die Sonne genießen und fröhlich sind. Oder man schaut eine Dokumentation über Seeotter. Oder hört Musik. Oder liest ein gutes Buch. Es gibt so viel Wundervolles und Schönes in unserer Welt, dass wir nonstop gerührt und fasziniert sein könnten. 

Auf der anderen Seite fabrizieren wir manchmal Sachen, bei denen man sich einfach nur fragt: Warum? Warum machen wir uns das Leben an einigen Stellen (gegenseitig) so schwer? Okay, Fehler sind etwas Positives und es gibt kein Gut ohne Schlecht, geschenkt. Aber wieso verletzen Menschen andere mit bösen Kommentaren, wenn sie einfach weiterscrollen könnten? Wieso wird man als Joggerin von einem Vater angepampt ("Sie wären da schon vorbeigekommen"), wenn man anhält, um sein Schlangenlinien fahrendes Kleinkind auf dem Fahrrad nicht umzurennen? Wieso beschuldigen und beschimpfen sich Leute gegenseitig dafür, dass sie geimpft oder ungeimpft sind? Wieso denken viele Menschen, es wäre wichtig, wie sie und andere aussehen? Von den wirklich schlimmen Dingen wie Rassismus, Homophobie, Fanatismus und Co. natürlich ganz zu schweigen.

So viele Unannehmlichkeiten, die uns weder von der Natur, Gott oder sonst etwas aufgezwungen werden, sondern die wir ganz allein kreieren. Ob es diese Unannehmlichkeiten auch dann gäbe, wenn alle Menschen folgende Dinge wüssten?

Wenn alle Menschen diese Dinge wüssten, wäre die Welt vermutlich angenehmer

1. Unser Leben ist ein höchst unwahrscheinliches Ereignis. 

Dass sich unsere Eltern getroffen, verliebt und in jenem Moment Sex hatten, in dem wir entstehen konnten, ist schon ein großer Zufall. Ein Zufall, zu dem es wiederum nur dadurch kommen konnte, dass ihre beiden Elternpaare sich getroffen, verliebt und in jenem Moment Sex hatten, in dem unsere Eltern entstehen konnten. Und so weiter, und so weiter, Generation um Generation. Rein rechnerisch ist es höchst, höchst unwahrscheinlich, fast ausgeschlossen, dass wir am Leben sind. Zu leben, ist etwas sehr Besonderes. Und: In Anbetracht unserer eigenen Existenz, die uns zeigt, dass auch das Unwahrscheinlichste möglich ist, haben wir einen guten Grund daran zu glauben, dass nichts unmöglich ist.

2. Menschen haben ihre Gründe für das, was sie tun.

Wir mögen nicht immer verstehen, was andere Menschen tun oder sagen, und wir mögen es nicht immer richtig finden. Doch für sie ist es das. Sie haben ihre Gründe und für sie ergibt ihr Verhalten Sinn. Das rechtfertigt nicht alles. Aber es entschuldigt einiges.

3. Wir vereinfachen. Immer. Alles.

Wir sehen die Welt und die Umstände, in denen wir uns befinden, niemals, wie sie sind, sondern extrem heruntergebrochen und vereinfacht auf das, was wir in der Lage sind zu begreifen. Und meistens ist das das, was wir kennen, erwarten oder sehen wollen. Somit ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir falsch liegen mit dem, was wir für die Realität halten, in der Regel extrem hoch. 

4. Niemand hat es nur leicht.

Alle Menschen haben ihre Probleme, Schmerzen, wunden Punkte und Unsicherheiten. So wie unser Ballast uns manchmal im Weg steht oder anders handeln lässt, als wir eigentlich wollen, erleben es unsere Mitmenschen mit ihrem. Auch das rechtfertigt nicht alles. Aber es erklärt einiges. Und es liegt an uns, es uns gegenseitig leichter zu machen. 

5. Intelligenz ist nicht unsere größte Stärke.

Wir halten uns tendenziell für großartig intelligent, doch erstens sind wir gar nicht die Superbrains, für die wir uns manchmal halten (tatsächlich haben wir unseren Vorfahren aus der Steinzeit kaum etwas voraus), und zweitens besitzen wir Fähigkeiten, die sehr viel großartiger sind als unsere Intelligenz – zum Beispiel die Fähigkeit zu lieben oder uns in andere Menschen einzufühlen. Auch unsere körperlichen Vorgänge sind zum Teil weitaus genialer als unsere Rechenkünste. Eine Gleichung lösen zu können, ist kein Grund, sich überlegen zu fühlen.

6. Uns verbindet als Menschen mehr, als uns trennt.

Wir sind zwar alle einzigartig und unterscheiden uns in Form, Farbe, Fühlen, Weltsicht und einigem mehr – doch im Wesentlichen sind wir uns alle sehr ähnlich. Aus Sicht einer Meise oder eines Sterns sind wir tatsächlich sogar nahezu identisch. Im Prinzip gibt es deshalb nichts, für das wir uns voreinander schämen müssten. Und übrigens gibt es auch keinen Grund, nicht freundlich miteinander umzugehen: Aus der Weitwinkelperspektive sitzen wir nämlich alle im selben Boot (zum Beispiel werden wir alle sterben, bekommen einen Sonnenstich, wenn wir keinen Hut aufsetzen, wissen nicht, was wir mit unserem Leben anstellen sollen und so weiter).

7. Richtig und falsch sind lediglich Vermutungen.

Vor einigen Jahrhunderten war es noch richtig, dass Eltern ihre Töchter mit einer Mitgift in die Verantwortung eines Ehemannes übergaben und es war falsch, vor der Ehe Sex zu haben. Richtig und Falsch sind keine fixen, absoluten Größen oder Begriffe, sondern unsere eigenen Kreationen. Was wir als richtig und falsch wahrnehmen, unterliegt zudem unserer Interpretation der Welt, die wie gesagt, stets vereinfacht ist. Wir können uns niemals sicher sein, was richtig und was falsch ist. Neugier gegenüber Ansichten, die von unserer eigenen abweichen, und Offenheit, uns einen Irrtum einzugestehen, wären daher die richtige Konsequenz. Vermutlich.

8. Wer alles logisch erklären möchte, verpasst das meiste.

Wir können einiges berechnen, begründen oder erklären, aber das meiste nicht. Zumindest nicht mit Sicherheit. Zum Beispiel Liebe. Oder Musik, die uns berührt. Oder warum wir uns mit manchen Menschen wohlfühlen und mit anderen nicht. Oder warum uns verstorbene geliebte Menschen im Traum besuchen, wenn wir es am dringendsten brauchen. Oder warum Sonnenaufgänge so schön sind, noch schöner, wenn man sie zu zweit anschaut. Die Welt ist voller Wunder, die wir erleben können – aber nur, wenn wir nicht zu sehr damit beschäftigt sind, nach Erklärungen zu suchen. 

9. Wir sind nicht besser als andere Lebewesen.

Jedes Lebewesen, jede Art, hat ihre Stärken und ist auf ihre Weise wundervoll. Nur weil wir Kleidung tragen und Raketen bauen, sind wir nicht besser als Wespen oder Tunfische. Das heißt nicht unbedingt, dass wir alle hundertprozentig vegan leben müssen und keine Tiere nicht essen dürfen, denn andere Tiere essen andere Tiere auch. Doch es gibt keinen Anlass für uns, selbstgerecht zu sein und uns besser zu fühlen als andere Lebewesen und sie wie Dinge zu behandeln. Kein anderes Lebewesen hat bisher so viel kaputt gemacht wie wir. Das macht uns nicht schlechter als die anderen, Intelligenz ist nun einmal nicht unsere größte Stärke. Aber es könnte uns subtil darauf hinweisen, dass wir nicht die überlegene Art sind, als die wir uns manchmal aufführen. 

Verwendete Quellen: Matt Haig: The Humans, Milan Kundera: The unbearable lightness of being, Kevin Dutton: Schwarz. Weiß. Denken! Warum wir ticken, wie wir ticken, und wie uns die Evolution manipulierbar macht

sus Brigitte

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