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Psychologie Warum Aufgeben besser ist als sein Ruf

Frau schaut in die Berge: Warum Aufgeben besser als sein Ruf ist
© Bogdan Sonjachnyj / Shutterstock
"Never Give Up", "Aufgeben ist keine Option", solche und ähnliche Durchhalteparolen liest man ständig. Dabei sollte Aufgeben durchaus eine Option sein – wenn es uns damit besser geht.

Auf Social Media wimmelt es vor motivierenden Geschichten von Menschen, die ihre Ziele mit harter Arbeit erreicht haben. Sie haben den perfekten Plan geschmiedet und ihn bis ins kleinste Detail durchgezogen – allen Hindernissen zum Trotz. Schön und gut, aber was ist mit den sicherlich mindestens genauso vielen Menschen, die viel glücklicher und letztlich erfolgreicher geworden sind, nachdem sie ihre unrealistischen Ziele aufgegeben haben?

Da sind etwa all die ehemaligen Medizin-Studierenden oder Bank-Azubis, die Studium oder Ausbildung hingeschmissen haben, weil sie gemerkt haben, dass sie viel lieber Kinder betreuen oder Bücher schreiben wollen. Oder die Menschen, die dachten, das Schreiben sei ihr Traum, und die Abend für Abend verbissen an ihrem Roman saßen – bis sie sie sich eingestanden haben, dass sie als Marketing-Manager doch ganz zufrieden sind.

Dasselbe gilt natürlich für Beziehungen und Freundschaften, an denen wir festhalten, obwohl wir eigentlich längst wissen: Das wird nichts mehr. Ist es nicht viel gesünder und befreiender, wenn wir ehrlich zugeben können, dass Aufgeben uns manchmal glücklicher macht?

Immer schön durchhalten? Bloß nicht! 

Warum hat das Aufgeben eigentlich so einen schlechten Ruf? Klar: Wer in jeder Lebenslage sofort beim kleinsten Hindernis hinschmeißt, wird vermutlich weder erfolgreich noch glücklich werden. Ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen brauchen wir, um den Alltag mit seinen Herausforderungen zu meistern. Aber ist "Zähne zusammenbeißen und durchziehen" wirklich immer die richtige Herangehensweise?

In unserer Leistungsgesellschaft wird uns oft suggeriert, dass wir nur wertvoll sind, wenn wir, genau: etwas leisten. Und zu diesem Leisten gehören schließlich – so der Mythos – harte Arbeit, möglichst viel Stress und das Erreichen der gesteckten Ziele um jeden Preis. Wenn wir also die Entscheidung treffen, ein Ziel nicht weiter zu verfolgen, erfüllen wir ganz bewusst unseren Part in der Leistungsgesellschaft nicht mehr.

Ziele haben natürlich ihre Daseinsberechtigung und können sehr sinnvoll sein. Schließlich geben sie unserem Leben Struktur und helfen uns dabei, unsere Wünsche zu erfüllen. Sie motivieren uns und sorgen auch in schwierigen Zeiten dafür, dass wir nicht den Mut verlieren.

Mach dich frei! Wann Aufgeben dich weiterbringt als Kämpfen

Aber: Sich an etwas zu klammern, das einem nicht (mehr) guttut, ist nie gesund. Und das gilt für Beziehungen, Jobs, Glaubenssätze genauso wie für Ziele. Es ist nur natürlich, dass sich unsere Ziele im Laufe des Lebens verändern. Was uns mit 20 als das wichtigste Bestreben überhaupt erschien, ergibt mit Mitte 30 vielleicht überhaupt keinen Sinn mehr. Und hier verbissen weiterzukämpfen für etwas, das gar nicht mehr zu uns passt? Bloß nicht.

Langfristig kann es uns sogar krank machen, wenn wir krampfhaft an etwas festhalten. Da ist es viel gesünder, sich ehrlich einzugestehen, dass ein Ziel oder ein Projekt nicht mehr das richtige für uns ist. Aufgeben kann uns an dieser Stelle viel näher zu dem bringen, was uns eigentlich glücklich macht. Wir haben dann mehr Zeit und Energie für andere Dinge in unserem Leben – seien es weitere Ziele, auf die wir hinarbeiten, Beziehungen, Hobbys oder auch das gute alte Nichtstun, um unsere Batterien aufzuladen. So haben wir vielleicht auch wieder (geistigen) Raum, um neue Ziele zu finden und zu schauen, welche Wünsche wir uns wirklich erfüllen möchten.

Um Platz für das Neue zu schaffen, müssen wir aber erst mal das Alte gehen lassen. Und das erfordert manchmal viel mehr Stärke und Mut, als einfach weiterzumachen.

Ehrliche Bestandsaufnahme: Should I Stay or Should I Go?

Wie aber finde ich nun heraus, ob es sinnvoll ist, weiter für eine Sache zu kämpfen, oder ob Aufgeben die bessere Lösung ist? Dafür solltest du ganz tief in dich hineinhorchen und vor allem ehrlich zu dir selbst sein. Folgende Fragen und Tipps können dir dabei helfen.

5 Fragen, die dir helfen herauszufinden, ob du aufgeben solltest

Tritt als Erstes einen Schritt und zurück und betrachte die Situation mit etwas Abstand.

  1. Ist mein Ziel wirklich (noch) das richtige? Oder bleibe ich nur aus Gewohnheit dran und/oder weil jemand anderes es von mir erwartet?
  2. Ist es realistisch, dass ich mein Ziel erreiche, oder verschwende ich hier meine Zeit und Energie?
  3. Komme ich meinem Ziel näher, oder trete ich auf der Stelle?
  4. Habe ich psychisch oder körperlich noch genug Kraft, um weiterhin auf das Ziel hinzuarbeiten?
  5. Kann ich (mental) weitere Rückschläge verkraften?

Wenn du eine oder mehrere dieser Fragen mit Nein beantwortet hast, kann es sein, dass aufgeben gesünder ist als weiterzukämpfen. Du bist dir immer noch unsicher? Wirf eine Münze! Der psychologische Trick dahinter: In dem Moment, in dem wir die Münze nach oben werfen, merken wir oft, welches Ergebnis wir uns heimlich wünschen. Und diese Tendenz kann ein Wegweiser für die richtige Entscheidung sein.

Aufgeben erfordert Mut. Und zwar oft mehr Mut als weiterzumachen. Anstatt also zu sehr im Außen nach Lösungen zu suchen und unser Bauchgefühl mit Durchhalteparolen ruhigzustellen, sollten wir lieber mal genauer hinhören, was es uns sagen möchte. Denn niemand außer uns weiß wirklich, was richtig für uns ist.

Verwendete Quellen: psychologytoday.com, zeit.de

Brigitte

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