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Psychologie Redakteurin verrät: Wie ich es endlich schaffte, tiefenentspannt zu werden

Susanne Kaloff: Eine Frau in roter Jacke liegt mit verschenkten Armen im Gras und schaut in den Himmel
© Anton Mukhin / Shutterstock
Verstörende Nachrichten, blöde Nachbarn – es gibt viele Gründe, sich über alle und alles aufzuregen. Doch Brigitte-Autorin Susanne Kaloff hat das Rezept für innere Lässigkeit gefunden.

Es war ein Alarm, als würde die Welt untergehen. Die Räder, die müssten da augenblicklich weg, sonst würde die Hausbesitzerin sie mit Gewalt entfernen lassen. Die News kursierte in unserer WhatsApp-Nachbarschaftsgruppe. Es war nicht mal sieben Uhr morgens, ich hatte die Eigentümerin noch nie in meinem Leben gesehen, das Einzige, was ich über sie weiß, ist, dass sie angeblich in Afrika leben soll. Vor dem Fenster hantierte die Müllabfuhr lärmend im Eingangsbereich rum. Und die Nachbarn debattierten, wo sie nun ihre Räder parken sollten. Früher hätte ich mich vielleicht auch echauffiert, was für eine Frechheit, dann muss man uns Mietern so ein Parkhäuschen zur Verfügung stellen, wir zahlen immerhin viel Miete, dies, das, Ananas, Mieterschutzbund und mindestens drei Ausrufezeichen! Früher scheint lange her zu sein. Was ich stattdessen tat? Ich zuckte mit den Schultern, ließ mein Velo dort stehen, wo es immer stand und flüsterte: Ach, Afrika, haben wir nicht alle andere Sorgen?

Entspannt wie sonst im Urlaub

Auf dem Höhepunkt der Pandemie fiel mir auf, wie harmonisch der Straßenverkehr lief, alle fädelten sich gewaltlos ein und ließen anderen freundlich die Vorfahrt. Es war, als sei uns, die wir gemeinsam in der weltweit misslichen Lage steckten, Freiheit genommen, aber die Kapazität geschenkt worden, gelassen zu leben, wie wir es sonst nur aus Urlauben kannten. Die neue Demut hielt nicht lange an, kaum durften wir wieder vor die Tür, wurde geschrien, gehupt, sich empört, als gäbe es kein Gestern.

Ich blieb seelenruhig, als sei ich stoned und beobachte baff bis nüchtern das Treiben um mich herum. Ich erreichte plötzlich ohne Zutun einen Bewusstseinszustand, den ich zwanzig Jahre lang nicht mit Hilfe von Yoga und Meditation erlangt hatte: Ich wurde gleichmütig. Selbst dann, als ich den Brief bekam, ich müsse die Corona-Soforthilfe zurückzahlen. Auch dann, als sich mein Date nie mehr wieder bei mir meldete, nachdem er geschrieben hatte, der Abend mit mir sei hinreißend gewesen. Und auch, als ich die haarfeine Falte unter dem linken Auge entdeckte, von der ich erst annahm, es sei eine Wimper und mir was wünschte. Dahinter steckt keine Erleuchtung, sondern eine simple Erkenntnis, die vielleicht nicht über Nacht, aber in der Krise kam: Gleichmut ist nicht Gleichgültigkeit, sie ist Akzeptanz, Reife und eine innere Ruhe, die einem befähigt, nicht die Fassung zu verlieren. No matter what. Man kann diese interne Lässigkeit leider nicht kaufen, aber kultivieren. Wie das geht? Indem man zwei Schritte nach innen geht und bloß einen wieder nach draußen. Indem man eine Pause macht, erst mal langsam bis drei zählt, bevor man reagiert, was sagt. Indem man einen Puffer lässt zwischen sich und der Welt.

Eine Oase der Souveränität

Zu was Gleichmut auch verhilft, ist, Haltungen anderer auszuhalten, ich muss niemanden überzeugen von meiner Meinung, niemanden bekehren, belehren.

Das Wichtigste aber ist, dass ich mich nicht angegriffen fühle, wenn es andere anders sehen, meinen, machen. Was oft im Eifer des Gefechts übersehen wird, ist die Energie, die Empörung kostet. Es ist so erschöpfend, im Recht sein zu wollen und so wahnsinnig erleichternd, in sich eine Oase der Souveränität eingerichtet zu haben, in der nicht gekeift wird.

Und dann fiel mir noch was auf, als ich neulich im Zug von Frankfurt nach Hamburg saß. Auf halber Strecke stieg eine Dame ein, sie baute sich vor meiner Reihe auf und sagte: "Ich habe reserviert, das ist mein Platz!" Es lagen weder Zweifel noch Freundlichkeit in ihrer Stimme. Sie wähnte sich im Recht und regte sich interessanterweise dennoch auf, als müsse sie darum kämpfen. Ich sah sie an, sie tat mir irgendwie leid, weil sie so panisch aussah, als würde ich sie bedrohen. Wir waren nicht im Krieg, sondern in einem warmen ICE mit einem wieder geöffneten Speisewagen. Zu keinem Zeitpunkt war mein oder ihr Leben bedroht. Sie stand vor mir mit einem roten Gesicht, ich sah sie mitfühlend an und wartete ab, bis sie es selbst merkte: um eine Reihe vertan. Ich war goldrichtig dort, wo ich war. War ein langer Weg bis hierhin.

Brigitte

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