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Studie Ist die 40-Stunden-Arbeitswoche Gift für unser Gehirn?

Psychologie: Eine Frau mit Laptop auf der Terrasse
© olezzo / Adobe Stock
Wissenschaftler:innen haben im Rahmen einer neurobiologischen Studie untersucht, was langanhaltende geistige Anstrengung mit unserem Gehirn macht. Die Ergebnisse sind unter anderem für unsere Arbeitsstrukturen interessant.

Ob während der Abi-Klausur, beim Lernen für eine Prüfung, gegen Ende des Arbeitstages oder beim Lesen der Buddenbrooks – die meisten Menschen haben schon erlebt, dass nach einiger Zeit geistiger Anstrengung irgendwann ihre Konzentration flöten ging. Dass sie nach einer Weile langsamer und langsamer wurden und die Tätigkeit, mit der sie beschäftigt waren, schwerer und schwerer erschien. Dahinter stecken weder subjektives Empfinden noch individuelle Geistesschwäche, sondern rein biologische Zusammenhänge: Unser Gehirn, insbesondere unser Stirnlappen, kann ähnlich wie ein Muskel ermüden. Forschende des Paris Brain Instituts haben untersucht, was genau bei dieser Ermüdung unseres Denkorgans eigentlich passiert. So viel vorweg: Geistige Überanstrengung ist offenbar im buchstäblichen Sinne toxisch.

Testaufgaben vergleichbar mit Bürojob

Für die Studie hat das Forschungsteam um Antonius Wiehler 40 Testpersonen rekrutiert und sie über einen begrenzten Zeitraum jeden Tag geistig fordernde Aufgaben an einem Monitor lösen lassen. Konkret bestanden die Aufgaben darin, Buchstaben, die im Sekundentakt wechselten, nach bestimmten Kriterien wie Farbe oder Vokal einzuordnen. Zwischendurch haben die Wissenschaftler:innen den Versuchsteilnehmenden zudem Gedächtnisfragen gestellt, beispielsweise ob ein ausgewählter Buchstabe kürzlich angezeigt worden sei. 24 Proband:innen bekamen eine schwere Ausfertigung der Aufgaben zugewiesen, 16 Personen eine leichtere. 

Pro Tag bearbeiteten die Testpersonen bis zu ihrer geistigen Ermüdung mehrere Tausend Tests und saßen dafür rund sechseinhalb Stunden am Bildschirm. Nach Einschätzung der Studienverantwortlichen seien die geistigen Anforderungen dabei vergleichbar mit denen gewesen, vor die uns ein anstrengender Bürojob üblicherweise stellt.

Steigende Fehlerquote, sinkende Entscheidungskompetenz

Insgesamt beobachteten die Forschenden, dass die Fehlerquote bei den Proband:innen im Laufe eines Tages grundsätzlich zunahm. Je länger sie am Bildschirm saßen, umso müder wurden sie und umso schlechter konnten sie die gestellten Aufgaben lösen. Sowohl Testpersonen, die die schwere Version bearbeiteten, als auch die 16 mit der leichten Variante gaben am Ende eines Versuchstages an, sich sehr erschöpft zu fühlen.

Gelegentlich unterzogen die Wissenschaftler:innen die Versuchsteilnehmenden einer zusätzlichen Prüfung: Sie ließen die Proband:innen zwischen zwei unterschiedlichen Geldbeträgen wählen, einem kleineren, der mit wenig Aufwand und ohne längere Wartezeit zu bekommen war, und einem größeren, der eine größere Anstrengung beziehungsweise eine längere Wartezeit erforderte. Hier entschieden sich die Testpersonen mit den anspruchsvollen Aufgaben deutlich häufiger für die kleine, leicht zu habende Belohnung – ein erstes Anzeichen für eine geschwächte Willenskraft, mangelnde Selbstkontrolle, verschlechtertes Planungsvermögen und eine insgesamt eingeschränkte Leistungsfähigkeit des Stirnlappens. Und mithilfe zusätzlicher magnetresonanzspektroskopischer Untersuchungen (MRT) konnten die Wissenschaftler:innen das tatsächlich bestätigen beziehungsweise erklären.

MRT-Befund: Erhöhte Glutamat-Konzentration im Stirnlappenbereich

Bei den stark beanspruchten Versuchsteilnehmenden zeigten die MRT-Befunde eine auffällige Ansammlung der Substanz Glutamat in der vorderen Großhirnrinde, das heißt maßgeblich dem Stirnlappen. Glutamat ist unter anderem ein anregender Botenstoff für unsere Nervenzellen, wirkt aber in zu hoher Konzentration schädlich: Überdosiert behindert es den Zellstoffwechsel und die neuronale Verknüpfung von Informationen, in Extremfällen kann es sogar Vergiftungssymptome auslösen. Eine zu große Menge Glutamat, das sich in unserer Großhirnrinde sammelt, wirkt also in gewisser Weise wie Gift – und schränkt auf jeden Fall die Funktionalität der dort befindlichen Hirnareale ein, die unter anderem für planerisches Denken, Entscheidungskompetenz, Gefühlsregulation und unser Bewusstsein zuständig sind. 

Fazit

Unser Gehirn ist ein erstaunliches, wundervolles Ergebnis der Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten. Es wird sicher nicht so schnell kaputt gehen, wenn wir es gebrauchen und beanspruchen, zumal es sich im Allgemeinen nach einer Phase der Verausgabung gut regenerieren kann, wenn es genügend Zeit und Ruhe bekommt. Wie unter anderem die hier beschriebene Untersuchung zeigt, hat es jedoch seine Belastungsgrenzen. Es kann nicht stundenlang einwandfrei funktionieren, es wirft nicht umso mehr ab, je länger wir es fordern.

Ist es nun nicht langsam einmal an der Zeit, dass solch ein Wissen in den Arbeitsstrukturen unserer Gesellschaft Berücksichtigung findet?

In vielen modernen Jobs müssen Arbeitnehmende vielfältige, anspruchsvolle Aufgaben erfüllen. Eine kreative Leistung hier, eine analytische Tätigkeit da, zwischendurch an Meetings teilnehmen oder E-Mails beantworten und währenddessen für kurzfristige Rückmeldungen an Kolleg:innen und Vorgesetzte zur Verfügung stehen. Unser Gehirn bekommt das hin, dazu ist es durchaus in der Lage. Allerdings nicht acht bis neun Stunden lang. Jeden Tag. An fünf Tagen die Woche. In fast allen Wochen des Jahres. Wenn vor und nach Feierabend weitere Anforderungen auf unserer Liste stehen. Unter solchen Voraussetzungen dürfte der Glutamatpegel in unserer Großhirnrinde für einen großen Teil unseres Lebens auf dauertoxisch stehen. Was wiederum bedeutet, dass wir für einen großen Teil unseres Lebens gar nicht wirklich wir selbst sind. 

Wenn wir beziehungsweise Arbeitgebende an einer 40-Stundenvollzeitarbeitswoche festhalten möchten, muss es im Prinzip okay sein, dass Arbeitnehmende einen nicht gerade kleinen Teil ihrer Arbeitszeit damit verbringen, sich zu entspannen und auszuruhen. Mit Kolleg:innen quatschen. Eine kleine Radtour drehen. Eine Kochsendung anschauen. Ein Nickerchen machen. Was ein Mensch eben so braucht, um sich drei, vier, fünf Stunden geistig anzustrengen, qualitativ gute Leistungen abzuliefern und produktiv zu sein. Was ein Mensch wahrscheinlich ebenso braucht, um drei, vier, fünf Stunden eine langweilige, monotone Tätigkeit oder eine körperlich anstrengende zu verrichten. 

Wir sind nun einmal keine Maschinen. Menschliche Produktivität und Arbeitsleistung lässt sich nicht einfach so berechnen, optimieren oder steigern wie die einer Fabrik. Das müssen wir nicht versuchen zu ändern – sondern können uns lieber darin üben, es zu zelebrieren.

Verwendete Quelle: spektrum.de

Brigitte

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