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Psychologie Kleinteilig denken: So entsteht Großes

Kleinteilig denken: Zwei Hände halten gezeichnetes Gehirn
© natali_mis / Adobe Stock
Als Einzelne kann ich eh nichts am Irrsinn der Welt ändern? Oh doch, sagt BRIGITTE WOMAN-Autorin Katja Nele Bode – wenn ich ganz klein denke. Dann entsteht erstaunlich Großes.

Bist du auch mit diesem Gefühl in den Herbst gegangen, irgendwie gegen die Wand zu rennen? Weil da so vieles ist, was einen niederringt und immer wieder abprallen lässt? Dann bist du nicht allein, den meisten von uns geht es so: Wir machen gerade als Gesellschaft, aber auch jede für sich eine herausfordernde Phase durch. Die Weltlage ist instabil, uns piesacken Existenzängste, und wir machen uns begründete Sorgen um den Planeten. Da ist so viel, wogegen man ankommen muss – sodass man verzagt Ausschau nach dem nächsten Sandhaufen hält, in den man den Kopf stecken kann. Winzig und machtlos kommen wir uns vor, zu groß scheinen die Anstrengungen, um sich aus diesem Schlamassel wieder herauszukämpfen.

Klein aber fein

Doch stopp. Es gibt ein Zauberwort, das uns auf einen guten Weg bringen, uns eine Abzweigung aus unserer Ohnmacht weisen könnte. Es ist tatsächlich das unspektakuläre Adjektiv KLEIN, dem wir nur seinen Glamour nicht ansehen. Weil wir glauben, wenn wir etwas erreichen oder verändern wollen, dann müsse es immer groß, spektakulär und kraftvoll sein. Zu gut kennen wir Sprüche wie "Das bringt doch nichts" oder "Ich allein bewirke gar nichts". Doch da liegen wir falsch: Gerade in den kleinen Schritten ist eine verborgene Power enthalten, die die Sprengkraft hat, unsere Welt wieder hell zu machen.

Ein Beispiel: Urban Gardening war vor vielen Jahren eine Mini-Idee, die sofort als geringfügiger Blödsinn verspottet wurde – heute ist sie eine globale Bewegung, die unsere Städte transformiert. Denn kleine Gesten, schmale Handlungen haben unbedingt das Zeug dazu, sich zu etwas Großem zu formieren. Die berühmte amerikanische Meditationslehrerin Sharon Salzberg bringt es auf den Punkt: "Wenn viele Menschen einen scheinbar kleinen Beitrag leisten und sich nicht weigern, hinzuschauen, dann können Dinge passieren. Deshalb sind Veränderungen häufig nur möglich, wenn wir kollektiv handeln."

Gute Gefühle ohne großen Aufwand

Aber nicht nur das Kleine, das zum Gemeinsam-sind-wir-stark anwächst, bringt Großes in Bewegung. Es ist auch die einzelne persönliche Handlung, die aus der Erstarrung führt und den Silberstreif am Horizont wieder sichtbar macht. Weil man sich für sie keinen großen Ruck geben muss, sie aber, einmal gewagt, sofort gute Gefühle macht (Selbstwirksamkeit plus Action gleich Glückshormone!) und natürlich etwas auslöst: Das kann die Umarmung sein, zu der wir uns endlich wieder aufraffen und die viel mehr Wirkmacht hat, als wir glauben. Aber auch der winzige Moment genießerischen Innehaltens, den wir so oft als mickrig abtun. Oder der schlichte Griff zum Waschlappen (nix Duschen!), zu dem Politiker Winfried Kretschmann angesichts der drohenden Energiekrise (unter Hohn) aufforderte. Dabei war es eine entzückende, moderate Idee, die, millionenfach beherzigt, den Gaspreisen ein Stück weit sehr lässig eine lange Nase zeigen könnte. 

Deshalb: Streichen wir doch ab jetzt den üblichen XXL-Aktionismus, auf den wir so lange gesetzt haben, der meist zu nichts außer Frust geführt hat, aus unserem Repertoire! Und genauso das blöde Totschlagargument, eine kleine einsame Tat führe sowieso zu nichts. Und wagen wir einfach mal das ungewohnte Experiment, wie sich das minimale Ausbüxen aus dem Bis-dato zu etwas summieren können, was wirklich Veränderung und Gutes schafft.

Weniger ist mehr

Auch Bernhard Ungericht, Professor für Politik und Wirtschaft in Graz, schwärmt mit angenehmer Sachlichkeit von "der großen Kraft der kleinen Schritte". Sein wichtigstes Thema ist der Klimawandel. Und er weiß gut, wie sehr diese Problematik uns Angst macht, lähmt. Sein Ansatz: Wie können wir lernen, nicht mehr so viel zu verschwenden, nicht mehr so viel zu brauchen, aber auch nicht mehr so viel zu besitzen? "Die durchschnittliche Europäerin hat rund 10 000 Dinge. Dabei wären wir mit weit weniger als der Hälfte glücklicher: Denn wir müssten weniger Lebenszeit aufwenden, weil wir uns den gewohnten Überkonsum nicht mehr erarbeiten müssen. Wir wären weniger gestresst und hätten ein viel besseres Gewissen, weil wir nicht mehr so ressourcenraubend leben würden. Im Moment tun wir ja so, als hätten wir fünf Planeten." Okay, und wie kommt man nun in so ein asketischeres Small-is-beautiful? Ist das nicht eine riesige Anstrengung? Nein!, sagt Ungericht. Für ihn brauche es dafür noch nicht mal eine "besondere Stärke". Im Gegenteil, "es fängt trotz der großen Herausforderungen, vor denen wir stehen, ganz klein an".

Er empfiehlt für einen Sinneswandel nur die schlichte Frage: Was brauche ich, um glücklich zu sein? „Stellen Sie sich der mal – Sie werden merken, was da Großes in Gang kommt.“ Der Grazer Forscher weiß nämlich: Es sind scheinbar kleinere, viel feinere Dinge, die uns froh machen – die Beziehungen, die wir hinkriegen. Die guten Gespräche, die wir führen. Miteinander lachen. In der Natur sein. Freude empfinden. Auf etwas neugierig sein. Und das Beste: "Die sind alle umsonst." 

Was wollen wir wirklich?

Ungericht verspricht, wem es gelinge, dieses kleine Häkchen in sich zu lösen und "den Kopf zurechtzurücken, für den öffnet sich eine Tür. Plötzlich kommt man nämlich darauf, wie wohltuend Genügsamkeit ist." Er verspricht, wenn wir sie ausprobieren, „schütteln wir auch unsere apathische Traurigkeit ab“ (die die meisten von uns doch gut kennen). "Schürfen wir Stück für Stück nach unseren wirklichen Bedürfnissen, kommt etwas sehr Lebendiges zum Vorschein." Wir müssen nur einmal überlegen: "Welche Gewohnheit, die mir und der Welt nicht guttut, will ich hinter mir lassen" Mehr ist es erst mal nicht. Und er warnt vor dem Impuls, gleich das ganz große Ruder rumreißen zu wollen. "Das lähmt nur. Denn das können Sie nicht schaffen."

Sharon Salzberg formuliert ähnlich inspirierend: "Wenn ich mich hilflos und wütend fühle angesichts eines Problems, und das kann etwas Persönliches, etwas Globales sein, dann kann ich beschließen, jeden Tag eine Sache anders zu machen, selbst wenn sie sehr klein ist. Das verwandelt meine negative Energie in positive Aktivität."

Ja, und dann fühlt sich all das Klein-Klein, das man tun könnte, plötzlich sehr stark an, sogar hochpolitisch. Statt Weekend-Trip eine Parkbank-Session? Statt Statement-Piece einen Tanz durch den Wohnungsflur. Statt Instagram-Geseier eine Runde Stille. Statt Wellness-Tamtam eine Tasse Tee? Statt 22 Grad Zimmertemperatur vielleicht vier weniger, dazu regelmäßig 20 Hampelmänner und zwei Runden um den Block? Noch andere Ideen? 

Jede kleine Tat bewirkt etwas.

Auch die Grünen-Politikerin und Aktivistin Marina Weisband ist vom Kleinen, das Großes schafft, begeistert. "Jede kleine gute Tat bewirkt etwas. Weil sie immer ansteckend ist." In ihrer bedächtigen, strengen Art entkräftet sie den Fehlschluss, der kleine Akt einer Einzelnen würde nichts ausrichten. "Es war jahrelang gesellschaftlich so gewünscht, dass jeder glaubt, man kann nichts gegen die schwierigen Umstände tun. Damit man sich lieber um sich selbst dreht, seinem Konsum frönt und am besten für sich bleibt. So sind wir als Menschen einfach besser steuerbar." 

Das aber schaffe nur das berühmte Gefühl der Ohnmacht, das wir alle so gut kennen. "Doch marschieren Sie mal auf einer Klima-Demonstration mit, gehen Sie für den Frieden auf die Straße, Sie müssen wirklich nichts anderes tun als hinzugehen. Sie werden spüren, was für eine Kraft von diesem Meer von Menschen ausgeht." Sie kann toll davon erzählen, was für ein Rausch es ist, "zusammen mit dem eigenen Körper und vielen anderen" eine kritische Masse zu schaffen. Sie weiß aus ihrer jahrelangen politischen Arbeit, welch enorme Signalwirkung nach außen es haben kann, zusammen für etwas zu kämpfen. Auch, wie sehr es einen in Aktion bringt: "Das macht etwas mit einem. Das verändert einen psychisch. Ich fühle mich nach großen Demos immer viel besser. Selbst wenn ich vorher ziemlich verzweifelt war."

Ich kann etwas verändern

Was Weisband da beschreibt, ist Selbstwirksamkeit: Das Gefühl, das wir erleben, wenn wir mit einer Handlung, und sei sie noch so klein, etwas in Bewegung setzen. Eine seelische Reserve, von der wir alle – blockiert, verunsichert – im Moment viel zu wenig haben. Die jedoch zuverlässig wächst, wenn wir sie behutsam in Gang setzen. Marina Weisband hat vor einiger Zeit zusammen mit ihrer Tochter die Fläche rund um den Stamm des Baums vor ihrer Haustür "besetzt", dort einen Garten angelegt. "Das hat viel ausgelöst: Wir haben im Sommer Bienen angelockt, unsere eigenen Chilis geerntet und die Nachbarn kennengelernt."

Die Ukrainerin, die einst als Kind vor den Folgen von Tschernobyl nach Deutschland floh, ist tief überzeugt vom vielleicht geringfügigen, aber letztlich nicht aufwendigen Akt, der sich zu etwas Großem bündelt. "Wir müssen Gemeinschaft bilden. Die fängt uns in Krisenzeiten auf, macht uns resistenter. Gerade jetzt, da uns Krieg und Klimawandel ein Stück unseres Wohlstands kosten werden, brauchen wir das Miteinander, das uns auffangen wird." Für die politische Kämpferin ist daher "mit das Radikalste, was wir tun können, bei unseren Nachbarn zu klingeln und zu fragen, ob sie bei etwas Hilfe brauchen könnten. Eigentlich eine Kleinigkeit, die uns alle retten kann. Weil in solchen schwierigen Zeiten nur die Verbundenheit untereinander Auswege zeigt."

Den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen

Der Zauber des Kleinen, jetzt hat er für mich etwas Elektrisierendes. Plötzlich fällt mir an jeder Ecke auf, wie problematisch das Fassen großer Pläne, das Hegen ultraschicker Ziele ist. Der Soziologe Hartmut Rosa versucht uns das seit Jahren wie ein Mantra einzuflößen: wie einsam, leer und unzufrieden uns der Drang gemacht hat, im großen Radius zu leben, nach immer mehr zu gieren. Weil wir das, was unmittelbar vor uns steht, gar nicht mehr wahrnehmen oder auskosten können. Er fordert, "unsere Reichweite radikal zu verkleinern, um wieder mit dem Leben in eine gute Resonanz zu kommen". Die entstehe genau dort, "wo wir nichts oder ganz wenig erwarten, wo wir in keinen Kampfmodus gehen. Wann vertiefen wir uns tatsächlich in ein Gespräch, versinken in einem Song, im Abendhimmel? Wenn wir keine Erwartungen damit erfüllen."

Klein kann fast ein Hauch von Nichts sein. Nicht die große Portion, an der wir uns überessen. Nicht die Gewinnmaximierung, die alles auspresst. Nicht der Flug über den Atlantik, der Rekord, der alles sprengt. Vielleicht sollten wir endlich mal die großspurige Idee unserer Existenz um ein paar Nummern zurechtstutzen, die uns jetzt so lange zu übersteigerten Forderungen angestiftet hat. Im großen Universum ist unser Leben winzig und letztlich völlig belanglos.

Der kleine Glücksmoment

Deshalb täte es gut, sich in ein paar Runden Demut zu üben. All die blöden Erwartungen, den Expansionsdruck abzuschütteln. Um dann getrost und gefestigt Ausschau nach dem kleinen Glück zu halten. Die zärtliche Geste, ein Kuss, ein Kompliment – vieles, was wir bei der Jagd auf die Mega-Liebe eventuell vergessen haben? Der Atemzug, den wir bei all der Panik nicht mehr hinkriegen? Der kleine Koffer, weil wir endlich nicht mehr mit schwerem Gepäck reisen möchten? Der nach Gewürzen duftende Eintopf, für den wir uns Zeit lassen? Die Freundlichkeit, die ich mir für den heutigen Tag vorgenommen habe? Der Weg, den ich zu Fuß gehe – selbst wenn es gerade kalt und ungemütlich ist? Die zwölf Minuten Meditation, die ich gestern geschafft habe? Suche dir etwas aus! Du musst nur einen winzigen Moment innehalten und herausfinden, was es sein könnte.

Stell dich der Frage: Was brauche ich, um glücklich zu sein? Du wirst merken, was da in Gang kommt.

Kleine Dinge, große Wirkung

1. ÜBERLEGEN SIE SICH EINE KLEINIGKEIT, DIE SIE IN ZUKUNFT ANDERS MACHEN MÖCHTEN: 
Weniger Fleisch essen, öfter zu Fuß gehen, seltener gereizt sein, den Hausrat minimieren, sich den nächsten Frustkauf verkneifen, bei Kummer an die frische Luft gehen, politisch Flagge zeigen. Du wirst über die Wirkung erstaunt sein.

2. KLEINER SCHWELGEN. 
Wir haben das Genießen verlernt. Wir essen unseren Teller leer, müssen immer alles bis zum Ende auskosten. Was, wenn wir probieren, mal nur einen kleinen Schluck Wein köstlich zu finden, nicht automatisch zweimal nachzuschenken? Nimm dir die Zeit, um zu spüren, wie etwas tatsächlich schmeckt oder sich anfühlt.

3. GEGEN DIE VEREINZELUNG. 
Wenn wir uns alle vornehmen, nur einen kleinen Tick empathischer zu sein, mit Freunden, Nachbarn, den Menschen auf der Straße, hätten wir eine große Chance auf eine friedlichere Welt.

4. MIKROMOMENTE VON GLÜCK. 
Zehn Minuten vor dem Einschlafen im Lieblingsbuch lesen. Eine halbe Stunde Homeoffice canceln, nichts tun. Jemandem zuhören. Mindestens (!) ein Viertelstündchen am Tag für Ihre Lieblings-beschäftigung freiräumen – Singen, Zeichnen, Suppekochen. Streckübungen machen. Plaudern. Ab jetzt für immer!

5. PLÄNE STUTZEN! 
Wer sich zu viel vornimmt, verfehlt das Ziel. Lieber klein planen. Sechs Liegestütze sind effektiver als die 25, die man schaffen wollte, aber dann geknickt hat. Deshalb: Mini-Ziele stecken und dann los! Egal ob Sport, Arbeitspensum oder andere Projekte.

ZUM WEITERLESEN:

• Bernhard Ungericht: "Immer-Mehr und Nie-Genug", 309 S., 24,80 Euro, Metropolis 

• Sharon Salzberg: "Achtsam die Welt verändern", 288 S., 18 Euro, Irisiana

• Hartmut Rosa: "Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung", 816 S., 20 Euro, Suhrkamp

Brigitte

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