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Psychologie Jeder Mensch hat angeblich drei Gesichter – du auch?

Drei Gesichter des Menschen: Eine Frau schaut in einen zerbrochenen Spiegel
© Tinxi / Shutterstock
Wir können noch so authentisch und selbstbewusst sein – wir alle tragen unterschiedliche Masken. Welche und wieso, liest du hier.

Spätestens seit Instagram, aber eigentlich schon seit der Entstehung des Theaters in der Antike, wissen wir, dass sich Menschen ausgezeichnet verstellen können. Die Influencerin zum Beispiel, die wir immer nur in der typischen Insta-Pose mit vorgestelltem Bein, leicht nach hinten gepushtem Po, Lächeln und Filter selbstbewusst stylische Looks präsentieren sehen, gammelt vermutlich auch sonntags in Jogginghose auf der Couch und ist vielleicht längst nicht so selbstsicher und glücklich, wie sie vorgibt zu sein. Und Wolfgang Bahro, der gefühlt schon seit Ewigkeiten Jo Gerner bei GZSZ spielt, ist privat bestimmt kein böser Fiesling (wobei GZSZ-Fans wissen, dass Jo Gerner mittlerweile eigentlich auch ganz nett ist).

Doch nicht nur Influencer*innen und Schauspieler*innen können sich verstellen und tun es auch. Wenn wir mal ehrlich sind, tragen wir alle unterschiedliche Masken (nicht nur während einer Pandemie) – zum Teil ganz ohne es zu merken. 

Die drei Gesichter in der japanischen Kultur

In Japan ist man sich dessen offenbar grundsätzlich bewusst, denn dort heißt es, jeder Mensch habe drei Gesichter: Eines, das man der Welt zeigt, eines, das enge Freund*innen und Angehörige zu sehen bekommen, und ein drittes, das nur zum Vorschein kommt, wen man allein ist. Und zumindest als grobe Einteilung ergibt das auch durchaus einen Sinn.

Das Gesicht, das wir "der Welt" zeigen, muss beispielsweise möglichst kompetent und unverwundbar wirken, denn theoretisch kann es von jemandem gesehen werden, der uns etwas Böses will und Schwächen oder wunde Punkte ausnutzen würde. Gleichzeitig sollte es freundlich rüberkommen und Sympathie wecken, weil wir nur dann auch von anderen überwiegend nett behandelt werden – und das ist seeeehr wichtig, wenn wir nicht ständig gegen schlechte Laune kämpfen wollen ...

Sympathische Frau

Engen Freund*innen und der Familie können und sollten wir wiederum ganz andere Seiten von uns zeigen als der Welt: Wir teilen mit ihnen unsere Geheimnisse, Gefühle, Zweifel, Sorgen, Glücksmomente, sagen ihnen unsere ehrliche Meinung, auch wenn die nicht gerade politisch korrekt und dezidiert ist. All das schafft zwischen uns Nähe, Vertrauen und Intimität und unterscheidet so unsere langfristigen Verbindungen von flüchtigen Zufalls- oder Zweckbeziehungen wie die zu Fremden, Vorgesetzten oder Kolleg*innen (wobei es natürlich Teams gibt, in denen die Verbindung schon freundschaftliche Züge hat).

Doch selbst unseren engsten Vertrauten zeigen wir meist nicht das Gesicht, das wir tragen, wenn wir alleine sind. Wenn wir auf niemanden Rücksicht nehmen oder eingehen müssen bzw. möchten und nichts, was wir tun, irgendeine Auswirkung auf andere hat. Unser Alleine-Gesicht ist hochgradig egoistisch, aber das ist okay – weil wir Momente brauchen, in denen wir uns nur um uns kümmern, und weil wir niemandem damit schaden. Auf unserem Alleine-Gesicht kommen Gedanken, Stimmungen, Zweifel, Gefühle und Ähnliches noch ungefilterter und intensiver zum Ausdruck als bei den anderen Gesichtern, denn selbst wenn wir vor unserer Freundin weinen und ihr nahezu alles anvertrauen – jeder Mensch hat Gedanken und Seiten in sich, die er niemandem offenbart. Und all das ist völlig in Ordnung.

Anpassung ist menschlich

Manche Leute verstehen unter authentisch sein, sich treu bleiben und zu sich stehen, dass man immer gleich ist. Immer gleich aussehen, immer dieselbe Meinung vertreten, nie von seinen Werten abweichen. Doch nicht nur Menschen sind komplex und vielseitig, sondern auch das Leben ist es. Unterschiedliche Situationen und Zwecke erfordern unterschiedliche Gesichter. Sprachwissenschaftler*innen haben schon vor Jahrzehnten beobachtet, dass wir in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich reden, Code-Switching nennt sich das: In einem Vorstellungsgespräch drücken wir uns (hoffentlich) anders aus als beim Brunch mit der BFF. Das ist natürliches, menschliches und angemessenes Verhalten, alles andere wäre überaus merkwürdig. Und genau das gleiche gilt für unsere drei Gesichter. Es entspricht unserer Natur, sie zu wechseln, zu verändern und anzupassen – wichtig ist nur, dass wir uns mit jeder Maske selbst erkennen.

Doch was kann es uns nun eigentlich bringen, uns dieser drei Gesichtern bewusst zu sein, die womöglich noch weitaus mehr sein können (ich habe beispielsweise drei völlig andere Gesichter, wenn ich müde und überarbeitet bin, als etwa im Urlaub oder am Wochenende ...): Sollte uns dieses Wissen misstrauischer machen? Oder kälter? Oder wollen wir uns aufgrund dessen vielleicht lieber vornehmen, weniger schnell über andere zu urteilen – weil wir nur eine ihrer Seiten kennen, damit aber längst nicht alle? Auf jeden Fall können wir uns nun entspannen, wenn das Gesicht, das wir morgens im Spiegel sehen, nicht ansatzweise so aussieht wie das Gesicht der Influencerin bei Instagram – denn ihr Welt-Gesicht mit unserem Alleine-Gesicht miteinander zu vergleichen, wäre wie Äpfel und Avocados gegenüberzustellen: Völliger Blödsinn.


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