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Psychologie Haben wir Starksein jahrelang falsch verstanden?

Was bedeutet stark sein? Eine Frau tanzt auf dem Bett
© MRProduction / Shutterstock
Stark sein? Gar nicht immer so leicht, vor allem, wenn man schlecht geschlafen hat. Doch unsere Autorin hat einen Weg gefunden, wie sie jeden Tag stärker wird – egal, wie ausgeschlafen sie ist. 

Ich war nie ein großer Fan vom Starksein. Immer Kopf hoch, durchhalten, Zähne zusammenbeißen, sich keine Blöße geben, sich nicht von seinen Gefühlen aus der Bahn werfen lassen, sogar aus seinen Schwächen noch Stärken machen – das klingt für mich in erster Linie anstrengend. Und (zumindest in meinem Fall) nach verstellen und schauspielern. Mittlerweile denke ich aber, dass Starksein etwas ganz anderes bedeuten kann – und genau das Besagte eben nicht ist.

Was bedeutet stark?

Starker Kaffee macht besonders wach, nach einem starken Cocktail sollte im Idealfall jemand auf mich aufpassen, und ein starker Akzent ist besonders auffällig. In all diesen Kontexten bedeutet das Wort "stark" so etwas wie intensiv, und zwar bezogen auf die Eigenschaft, die das jeweilige Ding am meisten auszeichnet (beim Kaffee das Koffein, beim Cocktail der Alkohol, beim Akzent die Abweichung von der Sprechweise eines Muttersprachlers).

Warum sollte "stark" bezogen auf den Menschen plötzlich etwas völlig anderes bedeuten? Wenn ich mich zum Beispiel von meinen Gefühlen nicht aus der Bahn werfen lasse oder die Zähne zusammenbeiße, mache ich exakt das Gegenteil von dem, was für mich "intensiv leben" wäre. Schließlich merze ich ja, wenn ich meine Emotionen ignoriere, einen wichtigen Teil meiner Persönlichkeit aus. 

Stärke darf Menschen nicht kaputt machen

Außerdem: Ich mag starken Kaffee, Stärke ist für mich eher etwas Positives. Menschen dagegen, die sich beispielsweise keine Blöße geben oder niemals scheitern, mag ich nicht unbedingt besonders. Die finde ich in der Regel sogar eher unsympathisch. Und glücklich und erfolgreich sind sie auch nicht zwangsläufig.

Ich habe zum Beispiel vor einigen Jahren in einem anderen Job und Team gearbeitet, in dem der Vorgesetzte niemals Fehler gemacht hat – es waren immer die anderen. Und das, obwohl er ein Kontrollfreak war und auf absolut alles ein Auge hatten. Nicht besonders stimmig. Seit seiner Scheidung tyrannisierte er einige Team, wo immer es sich anbot. Manchmal roch man eine Alkohol-Fahne, sein auffällig rot gesprenkeltes Gesicht sah man immer. 

Heute glaube ich manchmal, er wollte vielleicht stark sein oder erscheinen, hatte aber eine unglückliche Vorstellung davon, was das eigentlich ist. Damit erschwerte er nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch andere – für mich waren es jedenfalls die schlimmsten zwei Jahre meiner bisherigen Berufslaufbahn.

Ein starker Mensch ist ... 

Wie aber, wenn nicht fehlerfrei und unverletzlich, muss ein Mensch sein, damit man ihn guten Gewissens als stark bezeichnen und bewundern kann? Für mich ist die plausibelste Antwort: Er muss besonders menschlich sein.

Menschlichkeit ist schließlich in Bezug auf den Menschen in etwa das, was beim Kaffee das Koffein ist. Menschlichkeit zeichnet uns als Menschen aus und unterscheidet uns von Quallen, Tischen und Sternen. Und Menschlichkeit hat wirklich schöne Seiten. Schließlich schließt sie so etwas wie Nächstenliebe, Individualität, Makel, Teamgeist, Sehnsucht, Bedürfnisse, Lebensfreude, Fehlbarkeit, Sensibilität, Streben nach Glück und Kreativität mit ein. 

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Drei der typischsten menschlichen Eigenschaft sind vielleicht:

  • unser Sozialsinn: Unsere ganze Gesellschaft und Realität funktioniert nur dadurch, dass wir zusammenarbeiten. Ohne unsere Kooperativität würden wir heute gar nicht mehr existieren.
  • unsere Individualität: Wir sind alle in vielfacher Hinsicht unterschiedlich und einzigartig – von unseren Körperformen bis hin zu unseren Gefühlen, Gedanken, Werten, Lebenszielen und -entwürfen.
  • und unsere Lernfähigkeit: Wir lernen und entwickeln uns unser Leben lang aufgrund unserer Erfahrungen (und der Fehler, die wir machen).

Damit ist für mich alles Wichtige, was ich übers Stark-Sein wissen muss:

  1. Gemeinsam sind wir immer am stärksten.
  2. Stark-Sein hat knapp 7,7 Milliarden Gesichter.
  3. Wir werden mit jedem Tag ein Stückchen stärker (weil wir aus Erfahrungen und Fehlern lernen).

So verstanden klingt Stark-Sein für mich gar nicht mehr so unangenehm und anstrengend. So verstanden könnte ich dem Stark-Sein durchaus etwas abgewinnen. So verstanden müssten wir schließlich, um stark zu sein, muss nichts weiter tun, als wir selbst zu sein.

Brigitte

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