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Stefanie Stahl So geht unser Bauplan der Psyche

Stefanie Stahl: Frau lacht in den Spiegel
Von negativen zu positiven Glaubenssätzen – Stefanie Stahl spricht über den Bauplan der Psyche
© contrastwerkstatt / Adobe Stock
"So lange wir leben, sind wir verletzbar" – Und das ist besser, als wir denken. Deutschlands bekannteste Psychologin Stefanie Stahl erklärt, wie wir negative Glaubenssätze in positive umwandeln – und was sich hinter ihrer neuen Idee Psycho-Entertainment verbirgt.

BRIGITTE: Frau Stahl, Ihr neues Buch heißt "Wer wir sind – wie wir wahrnehmen, fühlen und lieben". Und dabei dachte ich, genau das sei für jeden von uns individuell.

Stefanie Stahl: Nein, es ist nicht so individuell. Wir Menschen haben weltweit ähnliche, vereinheitlichte Strukturen unserer Psyche, wie wir ja auch körperlich ähnliche Strukturen haben.

Was haben wir denn alle gemeinsam?

Wir alle haben eigentlich nur vier psychische Grundbedürfnisse, um die sich unser Leben von morgens bis abends dreht. Da ist unser Bedürfnis nach Bindung, im Sinne von Zugehörigkeit, nicht nur im Sinne einer Liebesbeziehung. Das zweite Grundbedürfnis ist unser Wunsch nach Kontrolle und Autonomie, wir wollen Einfluss nehmen auf unser Leben. Kontrolle bedeutet auch immer Sicherheit, das Gegenteil von Kontrolle ist Ohnmacht und Ausgeliefertsein. Das dritte Bedürfnis ist der Wunsch, unser Selbstwertgefühl zu erhöhen und zu beschützen. Und das vierte Grundbedürfnis ist, dass wir alle gern gute Gefühle haben und schlechte Gefühle vermeiden wollen. Letztlich bestimmen diese vier Bedürfnisse unser ganzes psychisches Dasein. Und wenn man das verstanden hat, hat man ganz viel verstanden.

Oft scheinen diese Grundbedürfnisse ja miteinander zusammenzuhängen, vor allem wenn sie nicht erfüllt werden. Beispiel: ich mag jemanden, ich bitte ihn oder sie um eine Verabredung, aber die andere Person hat kein Interesse. Nun ist mein Selbstwert gekränkt, ich habe schlechte Gefühle …

… das Bedürfnis nach Bindung ist frustriert, und auch mein Bedürfnis nach Kontrolle, weil in dem Moment die Dinge nicht so laufen, wie ich es gern hätte.

Kurzum: Es ist rundum schlecht gelaufen. Ihr Buch hat den Untertitel "Alles, was Sie über Psychologie wissen sollten". Warum ist es wichtig für mich zu wissen, weswegen ich nun genau frustriert bin?

Kein Mensch würde auf die Idee kommen zu fragen: Warum soll ich mich mit meinem Körper beschäftigen? Psyche betrifft uns ja ureigens, und es ist wichtig, dass man sich da selbst ein bisschen versteht. Konkret, an diesem Beispiel: Wenn ich diese Zurückweisung erfahre, ist es sehr spannend zu wissen, was jetzt eigentlich das Problem war. Hat es etwas mit mir und meinem Verhalten zu tun, dass ich diese Zurückweisung erfahren habe? Oder hat es vor allem etwas mit dem anderen Menschen zu tun? Und wie gehe ich mit der Zurückweisung um: Bricht jetzt mein Selbstwertgefühl zusammen oder kann ich das verschmerzen? Den Fehler machen wir ja ganz oft: Wir denken, dass wir ungenügend sind, sonst würden wir ja nicht zurückgewiesen werden. Wir nehmen es als persönliche Selbstwertkränkung, wenn wir von einem bestimmten Menschen nicht die Anerkennung und Zuwendung bekommen, die wir uns wünschen. Und oft reflektieren wir nicht, dass dieser andere Mensch aus verschiedenen Gründen vielleicht gar nicht in der Lage ist, uns das zu geben. Und auch darum geht es: zu schauen, was wirklich in meiner Verantwortung liegt, und welche Verantwortung ich beim anderen belassen muss.

Oft scheint es aber doch auch so zu sein, dass Menschen ihren eigenen Anteil an schwierigen Situationen nicht erkennen. Ich erinnere mich an ein Fallbeispiel aus Ihrem Buch von einer Frau, die ständig Wutanfälle bekam wegen etwas, was andere Menschen ihr angeblich angetan hatten.

Elke, wie ich sie genannt habe, hatte eine Nachbarin, die eines Tages einen Gartenzaun hochzog, der Elkes Sicht versperrte. Darüber hat sich Elke sehr aufgeregt, denn in ihrem Kopf wurde daraus sofort: Ich werde nicht respektiert, ich bin nicht wichtig, ich werde nicht gefragt. Da sie sehr konfliktscheu ist, hat sie das gegenüber ihrer Nachbarin nicht angesprochen, sondern ihre Wut wie so oft an ihrem Mann ausgelassen – bei allen anderen hätte sie sich das nicht getraut. In unserem Gespräch ist Elke klar geworden, dass ihr Mann nur eine stellvertretende Rolle hat. Und sie hat realisiert, dass ihre Wut gar nichts mit dem zu tun hat, was draußen passiert ist, sondern wie sie aufgewachsen ist und erzogen wurde. Es hatte nichts mit dem Zaun zu tun, sondern mit ganz alten Glaubenssätzen und Prägungen – "Ich bin nicht wichtig, ich werde nicht gefragt" – aus ihrer Kindheit, die sie nun auf diese Situation projizierte.

Mit welchem Verhalten machen wir uns das Leben sonst noch schwer?

Es gibt – wie Elke – überangepasste Menschen, die sehr konfliktscheu sind und immer alles tun, um nicht auf Ablehnung zu stoßen. Und es gibt das vermeintliche Gegenteil, Menschen, die eher zu autonom sind, die sagen: Ich brauch euch alle nicht, ich komme am besten allein klar. Beide haben gemeinsam, dass sie ganz viel dafür tun, um nicht verletzt zu werden. Um keinen Misserfolg zu haben. Ihre Ziele sind negativ definiert: Es geht nicht darum, etwas zu erreichen, sondern etwas nicht zu erleiden. Das Problem dabei ist: Solche Vermeidungsziele kann man nie erreichen. Denn kaum habe ich mich einer Situation entzogen, in der ich eventuell verletzt hätte werden können, kommt schon die nächste. Solange wir leben, sind wir auch verletzbar.

Und einige Menschen haben mehr Angst vor diesen Verletzungen als andere.

Ja. Und dass einige Menschen so verletzlich sind, hat nichts mit ihrem alten Leben im Hier und Heute zu tun, sondern damit, dass sie in der Kindheit schon viel Ablehnung erfahren haben. Dieses Gefühl der Ablehnung ist wie eine Dauerwunde. Und dann braucht es nur ein Körnchen Salz, um diese Wunde – "Ich bin nichts wert, mich will keiner haben" – wieder zum Brennen zu bringen.

Wenn ich erkenne, dass das Problem Prägungen aus meiner Kindheit sind: Ist damit der größte Schritt schon getan oder steht das Schwierigste noch bevor?

Es ist ein enormer Schritt, wirklich zu erkennen, dass dieses alte Lebensgefühl gar nichts über mich und meinen Wert aussagt. Sondern nur etwas darüber, wie ich aufgewachsen bin, erzogen wurde, darüber, dass meine Eltern in der einen oder anderen Hinsicht etwas überfordert waren. Das kann eine wahnsinnig große Erkenntnis sein. Und dann geht es darum, zu trainieren, sich nicht mehr mit diesen alten Botschaften zu identifizieren und sie zur Grundlage meiner Handlungen zu machen.

Und wie trainiert man das?

Indem ich mich immer wieder selbst ertappe, wenn ich in dem alten Programm getriggert bin. Wenn etwas passiert und ich automatisch wieder denke: "Ich bin nicht wertvoll, ich bin nicht wichtig", muss ich mich selbst stoppen, einen Schritt neben mich treten und von außen schauen: Habe ich gerade eine relativ neutrale Situation als gegen mich gedeutet, weil ich das aufgrund meiner negativen Glaubenssätze unbewusst erwarte? Oder wenn die Situation wirklich objektiv negativ für mich war: Sagt das etwas über mich aus oder eher darüber, wie der andere Mensch gestrickt ist? Statt zum Beispiel zu denken: "Ich genüge nicht, deswegen werde ich schlecht behandelt", könnte ich ja auch stattdessen denken: "Der hat schlechte Manieren und einen unmöglichen Umgangston."

Wie finde ich neue positive Glaubenssätze? Sich vor den Spiegel zu stellen und zu sagen: "Ich bin toll", kann es ja allein nicht sein.

Nö, so einfach ist es nicht. Neue Glaubenssätze müssen realistisch sein, und sie müssen für mich innerlich annehmbar sein. Wenn ich "Ich bin toll" nicht für mich annehmen kann, dann ist es kein tauglicher Satz für mich. Aber vielleicht zum Beispiel: "Ich genüge." Und neue Glaubenssätze sollten auch nicht nur im Kopf stattfinden, sondern man sollte sie mit positiven Gefühlen verknüpfen: Man kann sich beispielsweise vorstellen, wie man mit seinen Freunden beisammensitzt oder mit seinem Hund am Strand spazieren geht. Man sollte sich also möglichst viele Situationen vorstellen, in denen man genügt und der alte Glaubenssatz gar nicht stimmt.

Menschen gehen jahrelang in Therapie, um alte Prägungen loszuwerden. Wenn man Ihre Bücher liest – vor allem "Das Kind in dir muss Heimat finden", das sich millionenfach verkauft hat –, gewinnt man den Eindruck, es sei gar keine so große Sache und im Prinzip mit ein paar selbstreflektierenden Übungen getan.

Wir müssen ja unterscheiden zwischen psychischer Krankheit und dem, was ich als "normalgestört" bezeichne. Meine Bücher sind Therapie für alle Normalgestörten. Jeder hat Lebenssituationen, die er als schwierig empfindet, jeder hat Lebenssituationen, mit denen er nicht klarkommt. Jeder hat Lebenskrisen. Die sind kein Fall für den Psychotherapeuten, sondern da geht es darum, für sich ein paar Sachen zu reflektieren und ein paar Sachen an die richtige Stelle zu stellen. Dass das funktioniert, das sehen Sie ja an dem Erfolg dieses Buches. Ganz viele Leute haben sich damit weiterentwickelt, und die empfehlen es weiter, das Buch lebt von Mund-zu-Mund-Propaganda. Und vor allem appelliere ich auch an die Selbstheilungskräfte und an die Eigenverantwortung der Menschen. Es kann ja nicht das Plädoyer von uns Psychologen sein: Sie brauchen unbedingt einen Psychologen.

Sie sind nun Deutschlands bekannteste Psychologin, die mittlerweile sogar Bühnenshows in großen Hallen macht. Was ist Ihr Geheimnis?

Mein Kollege Lukas Klaschinski und ich haben dieses Jahr die "Normalgestört"-Tour gemacht, und nächstes Jahr wollen wir auch zum neuen Buch eine Show machen. Wir machen Psycho-Entertainment, das heißt, wir erklären Psychologie auf unterhaltsame Weise, interagieren mit dem Publikum, sodass jeder im Idealfall was lernt und dabei gut unterhalten wird. Wir machen so was wie der Eckart von Hirschhausen für Psychologie.

Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann mal wieder als Psychotherapeutin zu arbeiten?

Ich mache ja Psychotherapie in meinem Podcast "Stahl aber herzlich", das sind ja alles echte Gespräche. Insgesamt habe ich mich aber daraus zurückgezogen, weil mich das terminlich zu sehr bindet. Aber natürlich kann ich mir das vorstellen. Es ist ja das, was ich kann und gelernt habe.

Stefanie Stahl

Stefanie Stahl (58) ist Psychologin und Therapeutin und lebt in Trier. Ihre psychologischen Ratgeber und Sachbücher zu Selbstwert, Beziehungsfähigkeit und inneren Prägungen verkaufen sich millionenfach, ihr Buch "Das Kind in dir muss Heimat finden" ist seit Erscheinen 2015 nahezu ununterbrochen Nummer eins auf der Bestsellerliste der Paperback-Sachbücher. Soeben erschienen ist "Wer wir sind" (384 S., 22 Euro, Kailash).

Brigitte

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