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Psychologie Therapeutin verrät 7 magische Dinge, die mit uns passieren, wenn wir uns öffnen

Psychologie: Eine Frau öffnet sich dem Meer
© Evgeny Atamanenko / Shutterstock
Uns anderen Menschen zu öffnen und intime Dinge preiszugeben, kostet Überwindung – von daher darf es sich bitteschön lohnen. Tut es, sagt die Therapeutin Andrea vorm Walde. Und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Komiker Kurt Krömer schreibt ein Buch über seine Depression. Tennisspielerin Naomi Osaka zieht sich aus psychologischen Gründen aus den French Open zurück. Sängerin Demi Lovato spricht öffentlich über ihre Essstörung. Die Liste ließe sich lange fortführen, doch halten wir einfach fest: Offenheit liegt im Trend. Zahlreiche Stars und Promis bekennen sich heute zu Problemen, über die vor einigen Jahren noch niemand sprach. Für die man sich schämte, die man verheimlichte, um ja nicht abgestempelt zu werden oder sich (berufliche) Chancen zu verbauen.

Ein positiver Trend, findet die Therapeutin Andrea vorm Walde. "Wenn Personen, die in der Öffentlichkeit stehen und eine gewisse Vorbildfunktion für viele Menschen haben, offen mit diesen vermeintlichen Tabuthemen umgehen, macht uns das auch im Kleinen Mut, uns mehr zu öffnen", sagt sie. Das wiederum ist gut – denn meistens hat es Vorteile für uns, uns jemandem mitzuteilen. 

7 magische Dinge, die passieren, wenn wir uns öffnen

Entlastung

"Sobald wir etwas mit einem anderen Menschen teilen, das uns vielleicht schon eine Zeitlang alleine beschäftigt hat, fühlen wir uns entlastet", sagt Andrea vorm Walde. Oft spüren wir die Erleichterung sogar körperlich, merken, wie Stress und Angst von uns abfallen und wie wir uns entspannen. Das ist nicht einfach nur angenehm, sondern gut für unsere Gesundheit. 

Bindung

"Uns einem Menschen anzuvertrauen, erzeugt Nähe und stärkt unsere Bindung zu diesem Menschen", sagt die Therapeutin. Indem wir etwas Intimes mit einer anderen Person teilen, pflegen und vertiefen wir unsere Beziehung zu dieser Person. Wir beweisen ihr unser Vertrauen und unseren Respekt. In der Regel hat das zur Folge, dass das Vertrauen des anderen Menschen in uns ebenso wächst und er Dinge mit uns teilt, über die es ihm üblicherweise nicht leicht fällt zu reden.

Perspektivwechsel

"Wenn wir uns einer anderen Person mitteilen, bekommen wir Feedback zu dem, was uns beschäftigt", sagt Andrea vorm Walde. "Das ermöglicht uns, eine neue Perspektive einzunehmen und die Dinge anders zu betrachten." Schon allein in dem Vorgang des Erzählens gewinnen wir Abstand zu dem, worum es geht. Wir ordnen es mit unseren Worten und bekommen auf diese Weise Klarheit über unseren eigenen Standpunkt. Darüber hinaus erfahren wir, wie unser Gegenüber die Dinge wahrnimmt – und sei es nur durch die Art und Weise, wie es reagiert. Meistens hilft und bereichert uns so ein Perspektivwechsel, ermöglicht uns zu relativieren und lässt uns entspannter auf unsere vermeintlichen Dramen blicken. 

Hilfe

Fast ein bisschen banal, aber um es deshalb unter den Tisch fallen zu lassen, doch zu wichtig: Wir können nur Hilfe bekommen, wenn wir uns jemandem öffnen und mitteilen. Und das weiß kaum jemand besser als Andrea vorm Walde. "In meinem Beruf bin ich darauf angewiesen, dass Menschen ehrlich zu mir sind", sagt die Therapeutin. Ob Ärzt:innen, Freund:innen, Familie, Kolleg:innen oder Partner:in, niemand von ihnen kann uns helfen, wenn wir nicht offenlegen, wie es uns geht und was uns beschäftigt. Dabei könnten es einige von ihnen in den meisten Fällen – und viele würden es auch wollen.

Verständnis

Ob es Probleme sind, von denen wir einem Menschen erzählen, unangenehme Gefühle, die wir offen kommunizieren oder zeigen, oder Episoden aus unserer Vergangenheit, die uns geprägt haben und über die wir unser Umfeld in Kenntnis setzen – all das hilft anderen Personen, uns zu verstehen, sich auf uns einzustellen und uns sensibel und angemessen zu behandeln. Offenheit erleichtert einen rücksichtsvollen und friedlichen Umgang miteinander, in der Regel tun wir damit uns und unseren Mitmenschen einen großen Gefallen.

Persönliches Wachstum

Jedes Mal, wenn wir uns dazu überwinden, uns zu öffnen und mitzuteilen, wachsen wir dabei und entwickeln uns weiter. Wir lernen, dass es sich lohnt, über unseren Schatten zu springen, und dass wir nicht verurteilt, sondern respektiert und gemocht werden, wenn wir uns offenbaren und zu uns stehen. Zudem fällt es uns oft leichter, etwas loszulassen und nach vorne zu schauen, nachdem wir darüber geredet und es mit anderen geteilt haben.

Gemeinsame Weiterentwicklung 

"Offenheit kann uns in unseren Beziehungen erheblich voranbringen", sagt Andrea vorm Walde, "manchmal ist sie dazu sogar unerlässlich." Gerade in sehr intimen Beziehungen wie Freundschaften oder einer Partnerschaft können wir viele Konflikte nur lösen, indem wir offen und ehrlich miteinander sprechen und auch unangenehme Dinge thematisieren. In den meisten Fällen bringt uns diese Maßnahme gemeinsam in der Beziehung voran und macht uns zu einem stärkeren Team.

Gibt es auch zu viel Offenheit?

Die genannten Punkte sind gute Argumente dafür, mehr Offenheit zu wagen, und eine große Mehrheit unserer Gesellschaft ist ebenfalls dieser Meinung: Laut einer aktuellen BRIGITTE-Umfrage erachten es rund 78 Prozent der Deutschen als wichtig, dass wir offen mit persönlichen und intimen Themen umgehen, und etwa 75 Prozent finden Offenheit sympathisch. Doch bei aller Begeisterung ist es ebenso sinnvoll, Grenzen zu setzen und diese auch zu akzeptieren, vor allem die eigenen. "Jeder Mensch kann und muss selbst entscheiden, was er mit wem teilen möchte und was ihm gut tut, für sich zu behalten", so Andrea vorm Walde.

Wenngleich es in sehr, sehr vielen Bereichen förderlich ist, mit Tabus zu brechen und offener zu werden – zum Beispiel Mental Health, Menstruation, Finanzen, Sex –, hat es nicht nur kulturell bedingte und fragwürdige Gründe, dass es uns manchmal nicht leicht fällt, uns zu öffnen. Unsere Vorsicht und Bedenken haben teilweise auch ihre Berechtigung und schützen uns. Schließlich können wir nicht jeder Person vertrauen, die unser Leben streift, und gewisse Hierarchien und Abhängigkeiten in unserer Gesellschaft machen es uns unmöglich, stets offen und ehrlich unsere Meinung zu sagen oder unsere Träume und Fantasien preiszugeben. Und einige Menschen fühlen sich durch zu viel Offenheit überfordert und unter Druck gesetzt – es möchte eben nicht jede:r alles wissen.

Insofern ist es mit der Offenheit wie mit den meisten schönen Dingen: In einem gewissen Maß ist sie wunderbar und magisch, wenn wir es damit aber übertreiben, verliert sie ihren Zauber und kann sogar Schaden anrichten. Immerhin sind wir aber von diesem Punkt aktuell noch ein gutes Stück entfernt.

Andrea vorm Walde
© Andrea vorm Walde

Andrea vorm Walde ist Therapeutin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Ihre Klient:innen betreut sie in einer Hamburger Praxis und online. Tipps von ihr gibt es außerdem regelmäßig auf ihrem Blog andreavormwalde.de

sus Brigitte

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